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O komm, o komm, du Morgenstern
Predigt zum 4. Advent - 21. Dezember 2008
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Predigttext: Lied "O komm, o komm, du Morgenstern" (EG 19)
1. O komm, o komm, du Morgenstern,
lass uns dich schauen, unsern Herrn.
Vertreib das Dunkel unsrer Nacht
durch deines klaren Lichtes Pracht.
Freut euch, freut euch, der Herr ist nah.
Freut euch und singt Halleluja.
2. O komm, du Sohn aus Davids Stamm,
du Friedensbringer, Osterlamm.
Von Schuld und Knechtschaft mach uns frei
und von des Bösen Tyrannei.
Freut euch, freut euch, der Herr ist nah.
Freut euch und singt Halleluja.
3. O komm, o Herr, bleib bis ans End,
bis dass uns nichts mehr von dir trennt,
bis dich, wie es dein Wort verheißt,
der Freien Lied ohn Ende preist.
Freut euch, freut euch, der Herr ist nah.
Freut euch und singt Halleluja.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn.
Das ist eine lange Geschichte, die ich Ihnen, liebe Schwestern und
Brüder, zu diesem Lied zu erzählen habe. Doch zunächst möchte ich
mich vorstellen – ja, ich möchte, aber – so merkwürdig das klingt –
ich kann nicht. Sie haben auch ein Recht darauf; denn es geht um
mein Lied: O komm, o komm, du Morgenstern. Vielleicht sollte ich
besser sagen: Unser Lied. dann wären wir allerdings nicht nur Sie
und ich, sondern auch noch viel andere, die vor mir lebten.
Das verstehen Sie nicht? Ja, das sehe ich ein. Es muss Ihnen schon
merkwürdig vorkommen, hier von jemandem angeredet zu werden, der
Ihnen nicht einmal seinen Namen nennen kann. Ich kann Ihnen das
erklären, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad; und das ist, wie
gesagt, eine lange Geschichte.
Sie fing vor über 1000 Jahren an. Auch damals war es schon üblich,
in der Advents- und Weihnachtszeit zu singen und zu musizieren; und
im Mittelpunkt der Abendgottesdienste stand fast immer (wie bei
manchen auch heute noch ) der Lobgesang der Maria, das so genannte
Magnificat aus Lukas 1. In der Woche vor dem Christ-fest versah man
dieses Lied mit einem textlichen und musikalischen Rahmen, der aus
sieben Anrufungen des erwarteten Erlösers bestand.
Ich will es kurz machen: Im Lauf der folgenden Jahrhunderte entstand
aus diesen Anrufungen ein zuerst lateinisches Lied, und noch später
verband man den Text mit einer Melodie, die ebenfalls sehr alt sein
muss. Sie erinnert nämlich in manchem an gregorianische Weisen – vor
allem die Bögen am Ende der Melodiezeilen, bei denen auf eine Silbe
mehrere Noten gesungen werden. Z. B. Morgenstern.
Herr Kantor, wenn Sie bitte so freundlich sein wollen, die 1.
Strophe zu begleiten, dass wir sie aus vollem Herzen singen können:
1. O komm, o komm, du Morgenstern,
lass uns dich schauen, unsern Herrn.
Vertreib das Dunkel unsrer Nacht
durch deines klaren Lichtes Pracht.
Freut euch, freut euch, der Herr ist nah.
Freut euch und singt Halleluja.
Besonders beliebt ist dieses Lied bis heute in Großbritannien und in
Nordamerika. In London fand es sich zum ersten Mal mit einem
mehrstimmigen Satz bei Thomas Helmore im Jahr 1856, einem Kollegen,
der an der Royal Chapel arbeitete; und das ist der Mann, der mir –
ich möchte zu seinen Gunsten annehmen: ohne, dass er es wollte –
meinen Namen gestohlen hat. Denn ich habe Text und Melodie, die
sich, wie mir scheint, schon seit Jahrhunderten suchten,
zusammengebracht. Aber Helmore hat es zum ersten Mal gedruckt – wenn
er es denn wirklich war; woran ich mir mit einer gewissen Genugtuung
zu zweifeln erlaube – was Sie sicher verstehen können. Sei’s drum.
Meine Knochen sind inzwischen zerfallen, und mein Grabstein ist
verwittert. Aber unser Lied beginnt, sich nun auch in der deutscher
Sprache Stimmen und Herzen zu erobern. Das ist wichtiger; und das
freut mich natürlich.
Also, Herr Kantor, schlagen Sie bitte die Orgel zur zweiten Strophe.
2. O komm, du Sohn aus Davids Stamm,
du Friedensbringer, Osterlamm.
Von Schuld und Knechtschaft mach uns frei
und von des Bösen Tyrannei.
Freut euch, freut euch, der Herr ist nah.
Freut euch und singt Halleluja.
Das ist ein schöner deutscher Text – wenn ich auch feststellen muss,
dass der Übersetzer sich nicht nur dichterische, sondern auch
theologische Freiheiten erlaubt hat. Dagegen kann aber nur derjenige
etwas haben, der meint, alles müsse immer so bleiben, wie es einmal
gewesen ist. Das ist – wenn Sie mir diese Nebenbemerkung erlauben –
im wahrsten Sinn des Wortes unbiblisch; denn an ihr hat man ja auch
jahrhunderte lang geschrieben und verändert!
Um das verstehen zu können, was ich meine, müssten Sie eigentlich
den englischen Originaltext kennen. Ich erlaube mir, Ihnen eine
Übersetzung aus dem Englischen vorzutragen, Deutsch ist ja nicht
meine Muttersprache. Deshalb ist sie vielleicht etwas holperig
geraten:
O komm, Immanuel, erlöse Israel aus seiner Gefangenschaft.
Es trauert hier in einsamer Gefangenschaft, bis der Gottessohn
erscheint.
O komm, du Wurzel Jesse, befreie die Einen von der Tyrannei des
Satans. Rette dein Volk aus der Tiefe der Hölle und schenke ihm Sieg
über das Grab.
O komm, du Tagesanbruch, komm und erfreue unseren Geist durch deinen
Advent; vertreib die düsteren Schatten der Nacht und schlag die
dunklen Schatten des Todes in die Flucht.
O komm, du Schlüssel Davids, komm und öffne unsre himmlische Heimat
weit; mach den Weg sicher, der zum Himmel führt, und verschließ den
Pfad ins Elend.
Nun singen wir bitte die 3.Strophe.
3. O komm, o Herr, bleib bis ans End,
bis dass uns nichts mehr von dir trennt,
bis dich, wie es dein Wort verheißt,
der Freien Lied ohn Ende preist.
Freut euch, freut euch, der Herr ist nah.
Freut euch und singt Halleluja.
Wenn wir beide Textfassungen miteinander vergleichen, wird, denke
ich, sofort deutlich, welchen besonderen Akzent der Nachdichter
Otmar Schulz setzen will: Im Englischen ist es ein messianisches
Adventslied, das die Hoffnung auf den Erlöser mit alttestamentlichen
Bildern und Aussagen ausspricht. Der deutsche Text ist durch eine
Reihe neutestamentlicher Bezüge unmittelbar auf den Mann aus
Nazareth gemünzt. Dafür zwei Beispiele: In der 2.Strophe ist die
Rede vom Osterlamm. Davon schreibt Paulus in 1. Korinther 5,7b. Das
Lied redet in diesem Zusammenhang vom Frieden. Diese Verbindung
kennen wir aus dem Abendmahl: „Christe, du Lamm Gottes … gib uns
deinen Frieden.“
Besonders schön kommt die neue Akzentsetzung im Kehrvers zum
Ausdruck. Hieß es im englischen Text: „Freu dich! Immanuel kommt zu
dir, o Israel“, so wird hier an dem Spruch für die 4.Woche im Advent
angeknüpft: „Freuet euch in dem Herrn alle Wege … Der Herr ist
nahe!“ Das gefällt mir; und ich frage mich, warum ich eigentlich
nicht selbst darauf gekommen bin?! Denn die Zusage, dass Gott uns
nahe ist, lässt uns doch Advent feiern, oder etwa nicht? Ich sehe
das so und freu mich darüber.
Nun möchte ich das ganze Lied noch einmal mit Ihnen singen – tun Sie
es aus voller Kehle und voller Freude. Es ist nicht mehr lang, und
der helle Morgenstern, das Kind in der Krippe, wird aufgehen und
strahlen. Wenn das kein Grund zur Freude ist!
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe
21.12.08