
Ein schöner Traum?
Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis - 5. Juli 2009
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
I.Reihe: Lukas 6,36-42
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr meßt, wird man euch wieder messen. Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, daß du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder!
Um den glücklichen Umgang miteinander soll es heute gehen,
so will es der Predigttext. Um das Miteinander, das eben nicht von
Heuchelei geprägt ist, sondern von Offenheit und Ehrlichkeit - zu
sich selbst und zueinander. Davon soll die Rede sein, wie Menschen
miteinander glücklich leben können. Nicht: Der eine lebt sich aus
auf Kosten des anderen. Nicht: Der eine fühlt sich gut, weil er
andere schlecht machen, auf sie herabsehen kann. Sondern: Selbst das
Glück erfahren und gerade deshalb auch Glück an andere weitergeben
können, das will Jesus. Ich behaupte, gerade die christliche
Botschaft, wie Jesus sie verkündet, hat viel mit Glück zu tun. Sie
kann uns die Augen dafür öffnen, wo es zu finden ist und wo eben
nicht. Und die Grundlage zu diesem glücklichen Miteinander nennt
Jesus gleich im ersten Vers unseres Predigttextes: Seid barmherzig,
wie auch euer Vater barmherzig ist.
Alle Menschen wollen glücklich sein. Eine Binsenweisheit. Aber sie
stimmt. Es gibt sogar schon Glücksforscher, Happyologen genannt (die
heißen wirklich so), die sich mit der Frage befassen, was denn für
die Menschen Glück bedeuten. Dabei buchstabieren sie das Wort Glück
folgendermaßen durch:
G wie Geld, L wie Liebe, Ü
wie Überschwang, C wie Champagner, K
wie Kinder.
Sie, liebe Schwestern und Brüder, können ja selbst einmal entscheiden, ob irgendetwas davon auch für Sie das Glück bedeutet.
In der Tat ist es so, dass es nicht die eine Sache gibt, die allen Menschen Glück bringt. Sei es Geld, Liebe, Überschwang, Champagner oder Kinder. Sie können wohl dem einen oder anderen Glück bedeuten, aber eben auch das Gegenteil. Letztlich entscheidend ist die innere, die subjektive Einstellung dazu.
Aber wie viel Geld geben Menschen aus, wie viel Zeit vertun sie,
vertun wir, um unserem Glück hinterher zu jagen. Wie oft lassen wir
uns verführen von anderen, die uns den Weg zum Glück vorgaukeln
wollen: Wir versuchen, das Leben anderer zu kopieren, aber finden
uns gerade dadurch nicht selbst, leben an uns vorbei, verpassen uns
selbst und unserer Glück.
Die Happyologen, also die Glückforscher, haben auch herausgefunden,
wo das Glück im Menschen sitzt. Es befindet sich nämlich - lachen
Sie nicht - über der linken Augenbraue. Dort ist nämlich das so
genannte Glückszentrum, ein kleiner Teil des Gehirns, in dem Hormone
und Gene darüber entscheiden, ob wir glücklich oder unglücklich
sind.
Leider wissen die großartigen Forscher auch nicht so genau, wie sie
denn die Gene und Hormone dazu bringen sollen, den Menschen
glücklich zu machen. Die richten sich nämlich gar nicht nach den
Happyologen, sondern haben ihren eigenen Kopf.
Die Welt des Glücklichen ist eine glückliche Welt.
Dies schrieb der Wiener Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein. Auch
das hört sich an wie eine Binsenweisheit. Aber wenn Sie ein bisschen
darüber nachdenken, stellen Sie vielleicht fest, wie wahr dieser
Satz ist, der so einfach klingt, aber so schwierig zu leben ist. Die
Welt des Glücklichen ist eine glückliche Welt. Diese Erkenntnis
zeigt doch: Der Mensch wird nicht glücklich, wenn ihm seine Welt das
gibt, was er zum Glücklichsein braucht. Es sind eben nicht die
äußeren Dinge, weder Geld, Liebe, Überschwang, Champagner, Kinder
oder was auch immer, die dazu führen, dass Menschen in sich ruhen,
glücklich sein können. Es ist umgekehrt: es muss zunächst etwas im
Menschen sein, damit er in seiner Welt das Glück erkennt und darin
leben kann. Und wenn dieses Innere des Menschen glücklich ist, dann
ist eben alles um ihn herum voller Glück. Wer wirklich liebt, der
liebt eben nicht nur einen Menschen und ist zu allem anderen, was
ihm begegnet, abweisend und abstoßend, sondern kann eben auch in
allem, in jedem Menschen, jedem Tier, jedem Teil der Natur das
Liebenswerte entdecken oder sogar hervorzaubern.
Die Welt des Glücklichen ist eine glückliche Welt. Es ist eigentlich
ganz einfach. Wir Menschen sehen so manche Wahrheit gerade deshalb
nicht, weil wir meinen, alles so kompliziert machen zu müssen. Dabei
ist vieles so einfach und leicht, dass wir dies gar nicht mehr
erkennen können, wie es z.B. Kinder oder auch Behinderte ganz
unmittelbar sehen. Jemand, der trinkt, lässt es einfach und führt
ein glückliches Leben. Jemand, der sich unnötig sorgt, läßt das
Sorgen und wird frei. Jemand, der sich ohne Grund ängstigt, lacht
über seine Angst, und sie hat keine Macht mehr über ihn. Jemand, der
immer griesgrämig durchs Leben geht, wird freundlich und alle Welt
behandelt ihn viel freundlicher und liebevoller. Zu einfach, denken
Sie, liebe Schwestern und Brüder? Recht haben Sie, denn der Wille
allein reicht oft nicht aus, schlechte Gewohnheiten und
Abhängigkeiten aufzugeben. Das müssen wir selbst immer wieder am
eigenen Leib schmerzhaft erfahren. Es muss also noch etwas anderes
hinzukommen, damit das Glück in uns Raum greift, von oberhalb der
linken Augenbraue mit zum großen Zeh. Aber was ist das? Hier endet
die Weisheit der Menschen.
Auch der große Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein sagt auf seine
lapidare Weise den großartigen Satz: Worüber man nicht reden
kann, soll man schweigen. Hier schweigen menschliche Worte.
Glück lässt sich nicht fassen, nicht berechnen, nicht
verstandesmäßig erklären und schon gar nicht befehlen.
Glück lässt sich nur - schenken. Wer sich Glück in sein Herz
schenken lassen will, muss zunächst zuhören, empfangen und staunen
können. Aber nicht über die Philosophen allein, sondern im Hinblick
auf die Quelle des Glücks, nämlich Gott selbst. Er schenkt uns in
Jesus Christus seine Stimme und die sagt: Seid barmherzig, wie auch
euer Vater barmherzig ist. Wenn wir Menschen doch nur einfach das
beherzigen würden - ganz wörtlich, dieses Gefühl der Barmherzigkeit
tief in unser Herz hineinließen. Barmherzigkeit, von der hier die
Rede ist, meint den liebevollen Umgang mit sich und mit anderen. Die
ganze Annahme meiner selbst und anderer, mit allen Schatten- und
Sonnenseiten. Ein Mensch, der Gottes Barmherzigkeit in sich trägt,
weil er sie sich immer neu schenken lässt, verändert sich. Seine
Welt, in der er lebt, wird warm von der Barmherzigkeit, von dem
gefundenen Glück in sich selbst. Es ist ein Wunder, wie wir
plötzlich als von Gott so beschenkte Wesen frei werden von aller
Heuchelei, von aller Blindheit den liebenswerten Menschen, Tieren,
Pflanzen, Erlebnissen um uns herum. Und wir werden soviel Glück,
soviel Barmherzigkeit erfahren. Wir müssen uns und andere nicht
richten und verdammen. Statt des Richtens, auch des sich nach
starren, toten, lieblosen Gesetzen Richtens, werden wir frei zum
Geben.
So überschäumend ist das Maß des Glücks. Ein volles,
gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in eueren
Schoß geben.
Zum Schluss: Wenn ich mich selbst, liebe Schwestern und Brüder, so
predigen höre, dann merke ich - und will das auch offen sagen - ,
dass ich mich damit auch selber meine. Ich will damit sagen, dass
ich nicht immer dieses volle, gedrückte, gerüttelte und
überfließende Maß an Barmherzigkeit, Liebe und Glück in mir spüre,
sondern es oft sehnsüchtig vermisse. Dass meine Welt keineswegs eine
glückliche, barmherzige, heile Welt ist. Das spüre ich deutlich und
sicher auch andere schmerzhaft. Aber ich weiß auch um die Momente,
in denen ich in mir das große Geschenk Gottes, seine Liebe, einfach
da ist. Zweifelsfrei und überwältigend. Und dass sich dann meine
enge und unheile Welt verwandelt, hell wird und weitet. Dafür bin
ich so dankbar. Und ich erlebe andere Menschen, die aus sich heraus
Barmherzigkeit ausstrahlen, Mut zum glücklichen Leben verschenken.
Denen abzuspüren ist, dass eine andere, eben Gottes Kraft aus ihnen
zu mir, zu anderen Menschen dringt. Dies auch sicher nicht immer,
aber immer wieder.
Es tut gut, solcher Kraft zu trauen, ihr viel mehr Raum in sich zu
geben. Dazu bedarf es des Zuhörens, des Sich-Beschenken-Lassens, des
Empfangens und Staunens. Denn so - und nur so - werden wir eine
tragfähige, glückliche Gemeinschaft. Dort, wo sich barmherzige
Herzen öffnen, finden andere einen neuen Sinn - auch in ihrem Leben.
Dort, wo Versöhnung, die wirklich ehrlich gemeint ist, auch gelebt
wird, da haben die Heuchler keine Chance.
Ein schöner Traum? Alles zu leicht? Einfach
glücklich sein dürfen, weil Gott seine Barmherzigkeit in unser Herz
gelegt hat? Traut doch einfach diesem Traum, liebe
Schwestern und Brüder, und ihr werdet schon sehen. Vielleicht kommt
das Glück schneller und dauerhafter als ihr es jemals für möglich
gehalten haben . . .
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.07.09