Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

vom Aufbau der Kirche haben wir eben im Evangelium gehört. Wieso das? - werden Sie fragen. Ich habe nur etwas von Fische-Fangen und Netze-Reißen gehört, davon, wie Simon Petrus wollte, dass Jesus weggeht (warum eigentlich?), und dass er aber doch geblieben ist und am Ende sagte: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Was hat das mit dem Aufbau von Kirche, vom Lebendig-Werden von Gemeinde zu tun? Passt das zum „Kirchweihfest“ (am 17.7.1846 wurde dieser Kirchenbau hier in Bad Lippspringe feierlich eingeweiht)?

Und wie das passt! Kirchenbau hat nämlich viel weniger mit Steinen zu tun als vielmehr mit Menschen! So sind Kirchbauten steingewordener Glaube. Wir sprechen ja auch vom „Kirchenschiff“ - so als wollten die Kirchbauten an dieses Schiff erinnern, mit dem es Petrus und seinen Kollegen möglich war, unzählig viele Fische an Land zu ziehen.

Schauen wir uns diese grundlegende Geschichte für den Kirchenbau einmal näher an. Da gibt es auf der einen Seite die Menge um Jesus, der da am See Genezareth steht und predigt. Und auf der anderen Seite sind da Petrus und seine Kollegen, allesamt Fischer, die ihrem Beruf nachgehen. Es ist bezeichnend, dass Jesus zunächst bei diesen Menschen beginnt, seine Kirche zu bauen. Nicht mit der Masse der bloß kritisch Zuhörenden. Auch nicht bei denen, die staunen mit offenem Mund und Jesus bewundern, sondern eben bei den Menschen, die einem anständigen Beruf nachgehen. Jesus braucht keine Bewunderer, sondern Nachfolger. Solche, die aktiv ihn unterstützen, die bereit sind zum Tun und nicht bloße Zuhörer in der Distanz bleiben.

Jesus fordert Petrus und seine Kollegen auf, hinaus auf den See zu fahren und die Netze zum Fang auszuwerfen. So baut er Kirche: Er spricht die Menschen bei dem an, wovon sie etwas verstehen. Er spricht die Sprache der Arbeit, damit die Menschen ihn begreifen können. Und Jesus lässt den Widerspruch zu: „Aber, Meister, wir haben schon nachts nichts gefangen, wie sollen wir da tagsüber Erfolg haben, wo die Fische die Netze im Tageslicht sehen können und sich nicht fangen lassen.“ Aber auch das wird deutlich: er braucht eben auch solche, die nicht nur am Althergebrachten kleben und sagen: „Nur was ich gewohnt bin, lasse ich gelten.“ Mit Jesu Wort beginnt etwas Neues. Und es braucht Menschen, die sich auf dieses Neue einlassen. So sagt Petrus „Na, gut, wenn du es sagst - ich vertraue einfach mal deinem Wort und will die Netze noch einmal auswerfen.“

So ist Petrus, der Fels, auf dem Jesus seine Kirche baut. Wir wissen, er ist ein bröckeliger Fels. Einer, der gern einmal voll Überschwang sagt: „Ich vertraue dir“ - aber auf dem Meer genauso schnell einsinkt, weil er dann, wenn es darauf ankommt, doch Zweifel hat. Nein, nicht weil Petrus so ein unfehlbarer Mensch ist, baut Jesus seine Kirche auf ihm, sondern nur, weil er Petrus ist. Einer, der will, aber oft nicht kann. Der Jesus seine eigenen Gaben zur Verfügung stellt. Der Jesus selbst dann etwas zutraut, wenn er selbst nur eine einzige Enttäuschung ist.

Am Anfang steht der Misserfolg: Petrus und seine Fischerkollegen haben in der Nacht nichts gefangen. So ergebnislose Nachtzeiten wie bei Petrus kennen auch wir oft genug in unserer Kirche, unserer Gemeinde. Da bieten wir liebevoll vorbereitete Gottesdienste, interessante Gesprächskreise, Schulungen für Ehrenamtliche, Mitarbeit in interessanten Einrichtungen um die Ecke an - und es kommen einfach zu wenige. Da gibt es enttäuschende Erfahrungen an der Haustür etwa bei den Diakoniesammlungen: Ergebnislose Nachtzeiten, wo man schon einmal die Krise bekommen kann. Was machen wir falsch? Warum versagen wir? Neue Konzepte müssen her, Gemeindeberatung. Eine Gemeindeberaterin sagte kürzlich: „Alle möchten nur beraten, keiner mehr will arbeiten.“ Es wäre vielleicht besser, wir würden ergebnislose Nachtzeiten einfach so akzeptieren, weil es sie eben auch gibt und immer geben wird und auch geben muss. Wir können eben nicht alles organisieren, aus eigener Kraft Erfolg haben. Manchmal gibt es eben keinen Erfolg, da darf man nicht jammern oder verzweifeln, sondern muss noch mehr dem vertrauen, der da steht und sagt: fangt noch einmal von vorne an, es gibt immer ein nächstes Mal, einen neuen Versuch.

Überwältigend groß ist bei Petrus und seinen Kollegen der Erfolg des Fischfangs am nächsten Tag. Er braucht andere, um die Fische an Land zu bekommen. Jesus braucht immer mehrere Menschen, um Kirche zu bauen. Keine Gurus, keine charismatischen Führer, sondern Team-Work ist gefragt. Alle müssen mit anfassen, nur in der Gemeinschaft lässt sich erfolgreich sein. Das heißt Kirche sein: Raum bieten für Gemeinschaft, für Miteinander, für gemeinsames Hand-An-Legen wo es nottut.

Eigentlich verwunderlich, dass Petrus jetzt plötzlich vor Jesus in die Knie sinkt und diesen Satz sagt: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!“. Eigentlich ein Teil aus dem Gottesdienst. Dieses Sich-Vor-Gott-Demütigen, Zu-Boden-Fallen und seine eigene Sündhaftigkeit bekennen. Aber, auch wenn das vielleicht nicht modern und für alle konsensfähig ist: Ich meine, ohne diesen Bußakt ist auch Kirche nicht möglich. Petrus sinkt in die Knie, weil er überwältigt ist von dieser Begegnung mit dem ganz anderen. Mit der unvergleichlichen Macht und Stärke Gottes, der größer ist als alle Vernunft. Hier wird das menschliche Weltbild gesprengt. Und das hat schon mit gewaltiger Sprengkraft zu tun. Bei allem menschlichen Miteinander, Kirche ist noch etwas anderes. Bei all der Wichtigkeit der Gemeinschaft - diese Gemeinschaft geschieht nicht um ihrer selbst, sondern sie ist gestiftete Gemeinschaft. In ihr geschieht Begegnung mit dem Allmächtigen, mit einer fremden und doch uns ganz nahen Gewalt, vor der wir erschrecken müssen. Diese Begegnung hat uns um, lässt uns werden wir die Kinder. Wir fürchten uns, staunen, sind überwältigt, sehen plötzlich etwas mit ganz anderen Augen und fangen neu zu leben an wie ein Kind, das zum ersten Mal etwas ganz Sensationelles entdeckt. „Gaben müssen den Beschenkten so tief betreffen, dass er erschrickt.“ Das sagte einmal Walter Benjamin.

Das ist Kirche - Raum für Begegnung mit der Kraft des Göttlichen. Mystik, Geheimnis, Schaudern, Ehrfurcht, etwas was alle Sinne übersteigt - aber was dann doch gelöst wird in übergroße Freude: „Fürchte dich nicht!“ Dieser Satz ist Evangelium, frohe Botschaft. Verwandlung von Furcht in Freude. Auflösung der Erstarrung hin in ein sinnerfülltes, aktives Tun: „Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Wenn es uns in der Kirche doch so gelänge, Ehrenamtliche zu gewinnen! Sie bei dem anzusprechen, was sie können, was sie gelernt haben und beherrschen!

Jeder von uns hat Fähigkeiten. Einer kann gut organisieren, eine gut vorlesen, einer gut Kochen, eine gut reden, einer kann andere zum Lachen bringen, eine kann scharf und kritisch urteilen - einer jeder diene mit der Gabe, die er, die sie empfangen hat. So wird Kirche gebaut - Jesus nimmt die Menschen bei den Begabungen und spricht sie an, ihm zu folgen. Und Menschen, die ihm vertrauen und die offen sind, Neues zu wagen, sie folgen - wie die ersten Jünger - ohne zu zögern, weil sie wissen, dass ist die Chance ihres Lebens. Endlich können sie so leben, wie sie es schon immer wollten. Die Sehnsucht nach sinnerfülltem Leben hat sich endlich erfüllt.

So baut auch Jesus heute noch Kirche. Mit Menschen. Mit vielen unterschiedlichen Menschen. Er holt sie ab und verwandelt sie. Er weckt ihre schöpferischen Kräfte. Gut beraten sind wir in der Gemeinde, indem wir nicht bestimmten Konzepten vertrauen, sondern vielmehr diesem Jesus folgen. Er ist das Leit-Bild. Darin liegt seine Macht, seine Stärke, die unsere Kräfte weckt. Wenn wir diese Perspektive haben, diesen Weitblick, dieses Erschauern vor den unendlichen Möglichkeiten, die Gott durch uns schaffen will, spüren, dann werden wir uns gern ans Werk machen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Fürbitten:

Gott,
wir bekennen dir unsere Sorge um die Kirche. Wir sehen ihre traurige Zerrissenheit und soviel Kleinmütigkeit und Verzagtheit. Was wir empfinden, ist Bedrohung und Dunkelheit.
Dabei wissen wir: auch früher gab es für die Kirche Bedrängnisse und schwere Zeiten. Aber sie hat sie durchgestanden, weil sie sich an dich gehalten hat und sich von dir gehalten wusste. Deshalb bitten wir dich von Herzen um ein neues Hören auf deine Verheißung und um neues Vertrauen auf deine Zusage.
Deine Kirche - das sind wir!
Wenn du sie erneuern willst, dann fange bei uns an! Hilf uns mutig und ohne Menschenfurcht dich als unsern Herrn zu bekennen! Dich den Herrn aller Menschen zu nennen und so unser Wächter- und Zeugenamt in unserm Volk in deinem Namen wahrzunehmen.
Wir danken dir, dass in unserem Land dein Evangelium frei, öffentlich und ungehindert verkündigt und gehört werden darf. Wir sind dankbar, dass es deine Gemeinde gibt, die glaubend, betend, lobend und bittend aus deinem Evangelium lebt. Wir verlassen uns auf deine Zusagen und Verheißungen.
Bitte, wirke hinein in die Krisen unserer Zeit. Wir sehen den tiefen Widerspruch zwischen deinem Willen und dem menschlichen Tun: da ist Krieg an vielen Stellen, da sind Machtkämpfe. Im großen wie im kleinen müssen Menschen leiden, Schmerzen und Not erdulden, sterben.
Lass uns selbst mit Hand anlegen, dass die Welt anders werde. Mach uns treu im Beten, geduldig und liebevoll im Umgang untereinander, wie Jesus es uns gelehrt hat - mit den Worten, die er selbst uns geschenkt hat:
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.


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© Ev. Kirche Bad Lippspringe 13.07.09