
Man nehme ernst nur das, was froh macht
Predigt am Sonntag Estomihi, 22. Februar 2009
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der war, ist und kommen wird. Amen
Seit
frühester Kindheit, wo man froh lacht,
verfolgt mich dieser Ausspruch magisch:
Man nehme ernst nur das, was froh macht,
das Ernste aber niemals tragisch!
Liebe Gemeinde, gestatten Sie mir, dass ich mir heute, aus gegebenem
Anlass, Worte eines großen deutschen Weisen ausleihe, um mit Ihnen
diesen Sonntag zu bedenken. Estomihi, sei mir ein starker Fels.
Worauf können wir uns verlassen. Worauf können wir unser Leben
bauen? Woran uns festmachen, wenn es stürmisch zugeht?
Mit diesem Sonntag ist die lichtdurchflutete Epiphaniaszeit
endgültig vorbei, wir stehen an der Schwelle zur Passionszeit. Die
Lieder werden schwieriger, die biblischen Texte unangenehmer,
schwerer, düsterer, so scheint es. Aber heute feiert alle Welt um
uns herum Karneval, fröhlich, ausgelassen, manchmal albern.
Und so leihe ich mir heute ab und an Worte aus, die der Meister der
hintergründigen Wortwahl, die Heinz Erhardt, verfasst hat. Er wäre
am Freitag 100 Jahre alt geworden.
In nur vier Zeilen was zu sagen
Erscheint zwar leicht, doch ist es schwer!
Man braucht ja nur mal nachzuschlagen;
Die meisten Dichter brauchen mehr...
Ich übrigens auch.
Als Sohn eines deutsch-baltischen Kapellmeisters Gustl Erhardt wuchs
Heinz Erhardt zumeist bei seinen Großeltern im lettischen Riga auf.
Sein Großvater führte dort ein Musikhaus. Trotz seiner Wurzeln in
einer musikalischen Familie durfte er sich seinen Lebenstraum,
Pianist und Komponist ernster Musik zu werden, nicht erfüllen. Heinz
Erhardt musste eine kaufmännische Ausbildung im Geschäft des
Großvaters absolvieren. Im Nachlass von Heinz Erhardt fanden sich
eine Reihe von Klavier-Kompositionen, die er zwischen 1925 und 1931
geschrieben hatte, und von denen 23 Stücke erst 1994 veröffentlicht
wurden.
Heinz Erhardt heiratete, gründete eine Familie. Während des 2.
Weltkriegs tingelte er in der Truppenbetreuung.
Erst nach dem Krieg kam seine große Zeit.
Wahrheit
Die schlechtesten Bücher sind es nicht,
an denen Würmer nagen,
die schlechtesten Nasen sind es nicht,
die eine Brille tragen.
Die schlechtesten Menschen sind es nicht,
die dir die Wahrheit sagen.
Und in seiner etwas unbeholfen wirkenden Art, der eines typischen
deutschen guten Onkels, sagte er auch unbequeme Wahrheiten, mit viel
hintergründigem Humor, aber nie albern.
Flecke z.B.:
Gott, voller Weisheit, hehr und mild
schuf uns nach seinem Ebenbild
Gewiss, wir Menschen sind gescheit,
doch wo ist uns’re Menschlichkeit?
Erscheint uns jemand edel, groß,
so täuscht das: er verstellt sich bloß!
Erst wenn er Böses tut und spricht,
zeigt er sein wahres Angesicht! –
Um obiges nun zu beweisen,
laßt alphabetisch uns verreisen,
dann kann man sehn, was so geschah!
Wir fangen vorne an, bei A!
(Amerika/Briten)
...
C (Christen)
Dann wäre da, bar jeden Ruhms,
so manche Tat des Christentums,
die, eben wegen seiner Lehre,
am besten unterblieben wäre!
Man denke da zum Beispiel an
Inquisition zuerst und dann
an Waffensegnung mit Gebeten,
um andre Gläubige zu töten!
Auch dieses: lieber Menschenmassen
verelenden und hungern lassen,
statt man Geburtenreglung übe –
auch das zeugt nicht von Menschenliebe!
D (Deutschland)
Nun: Wollt ihr, dass im Alphabet
es mit dem D jetzt weitergeht?
Ist es nicht besser, wenn ich ende?
Wascht nur in Unschuld eure Hände
und greift, kraft eigenen Ermessens,
zum güt’gen Handtuch des Vergessens...
Doch hilft das Waschen nicht und Reiben:
Die Flecke bleiben!
Er hat nur zu Recht, der freundliche ältere Herr mit der dicken
schwarzen Hornbrille. Gemessen an der Ebenbildlichkeit Gottes, die
uns zu eigen ist, haben wir so einige dunkle und dunkelste Flecke
angehäuft. Es hilft nichts, unsere Hände, wie Pilatus, vor aller
Augen in Unschuld zu waschen. Was wirklich helfen könnte? Die
Passion, die Leidenschaft Gottes für uns, seine Menschen ernst zu
nehmen und uns selbst so zu sehen, wie er uns sieht: nicht makellos,
nicht ohne Flecken, sündig, um es mit einer Kirchenvokabel zu sagen,
aber auch gerechtfertigt, unendlich geliebt.
Aber trotz allem ist es manchmal schwer, denn Dankbarkeit ist häufig
nicht unsere Stärke und Zufriedenheit schon erst recht nicht.
Warum die Zitronen sauer wurden
Ich muss das wirklich mal betonen:
Ganz früher waren die Zitronen
(ich weiß nur nicht genau mehr, wann dies
gewesen ist) so süß wie Kandis.
Bis sie einst sprachen: »Wir Zitronen,
wir wollen groß sein wie Melonen!
Auch finden wir das Gelb abscheulich,
wir wollen rot sein oder bläulich!«
Gott hörte oben die Beschwerden
und sagte: »Daraus kann nichts werden!
Ihr müsst so bleiben! Ich bedauer!«
Da wurden die Zitronen sauer...
Heinz Erhardt hielt sich allerdings nicht nur mit Obst und Gemüse
auf. Mit leichter Feder rührt er an schwere Theologie:
Nichts
»Gott hat die Welt aus Nichts gemacht«,
so steht es im Brevier,
nun kommt mir manchmal der Verdacht,
er macht sich nichts aus ihr...
Macht Gott sich wirklich nichts aus dieser Welt? Hat er sie
geschaffen, aus einer Laune heraus, um sie im Stich zu lassen? Oder
um sich auf seinem Himmelsthron prächtig über die Menschen zu
amüsieren, ihre Versuche und ihr Scheitern?
Wie sonst kann Gott all das zulassen, was auf dieser Welt geschieht?
All die Kriege und den Hass, das Töten? All die Einsamkeit und
Trauer. Das Leiden unter Krankheiten und Unrecht? All den Tod?
Aber hätte er dann all das auf sich genommen? So, wie wir es in der
Passionszeit wieder erinnern? Wenn Gott sich nichts aus dieser Welt
machte, hätte er sich dann in Jesus all dem ausgesetzt, all dem
Hass, der Einsamkeit und Trauer. Dem Leiden, dem Unrecht? Und dem
Tod?
Zu kurz
Kaum dass auf diese Welt du kamst,
zur Schule gingst, die Gattin nahmst,
Dir Kinder, Gut und Geld erwarbst,
schon liegst du unten, weil du starbst.
Am 11. Dezember 1971 erlitt Erhardt einen Schlaganfall. Fast acht
Jahre lang konnte der Meister der Wortspiele weder sprechen noch
schreiben. Erhardt starb am 5. Juni 1979 in Hamburg.
In Eile
Kaum warst du Kind, schon bist du alt.
Du stirbst – und man vergißt dich bald.
Da hilft kein Beten und kein Lästern:
was heute ist, ist morgen gestern.
Ich möchte doch noch einmal auf den Anfang zurückkommen.
Da ging es um das Ernste und das, was froh macht, erinnern Sie sich?
Das, was wir furchtbar ernst nehmen, was uns Sorgen macht, was uns
Kopfschmerzen bereitet und den Schlaf raubt – gehört nicht Vieles
davon zu den vorletzten Dingen? Zu den Dingen die heute sind und
morgen schon gestern waren.
Wir wären von Heinz Erhardt gut beraten, wenn wir das ernst nähmen,
was froh macht: Gottes Gerechtigkeit, seine Liebe, seine
Leidenschaft für uns Menschen. In diesem Sinne:
Seit frühester Kindheit, wo man froh lacht,
verfolgt mich dieser Ausspruch magisch:
Man nehme ernst nur das, was froh macht,
das Ernste aber niemals tragisch!
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 22.02.09