
Unsere offenen Hände
Predigt am Ewigkeitssonntag - 22. November 2009
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
I. Reihe: (Matth. 25,1-13)
Liebe Gemeinde,
das Evangelium für diesen Sonntag steht im 25. Kapitel des
Matthäusevangeliums:
1 Dann wird das Himmelreich gleichen zehn
Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam
entgegen.[a]
2 Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.
3 Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit.
4 Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen.
5 Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig
und schliefen ein.
6 Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam
kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!
7 Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen
fertig.
8 Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl,
denn unsre Lampen verlöschen.
9 Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für
uns und euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und kauft für
euch selbst.
10 Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die
bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde
verschlossen.
11 Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr,
tu uns auf!
12 Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne
euch nicht.
13 Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.
Wir hören: Eine Geschichte von Klugheit und Glauben, von Torheit und Zuspät, eine Geschichte von Geladenen und Abgewiesenen. Eine Geschichte vom Reich Gottes.
Eine Kerze wird entzündet
Fünf sind töricht. Töricht? Dumm? Gedankenlos. Aber auch auf dem Weg
zum Hochzeitsfest. Losgegangen, mit brennender Fackel. Lange kann es
nicht dauern, bis der Bräutigam eintrifft. Bis das Fest beginnt. Bis
Gott kommt.
Fünf sind klug. Kluge junge Frauen. Haben das Leben im Blick. Nicht
alles kommt so, wie man es planen kann. Die Fackel brennt. Der
Vorratskrug am Gürtel drückt. Schwerer, als erwartet. Aber Licht
wird es geben. Der Bräutigam kann kommen. Wann er will. Dann beginnt
das Fest.
Die Zeit wird lang. Der Schlaf kommt. Übermannt die Klugen wie die
Törichten.
"Kommt heraus- dem Bräutigam entgegen!"
Fünf Fackeln brennen. Fünf sind ohne Kraft. Hier hilft kein Teilen-
so sehr wir es auch wünschten.
Für fünf beginnt das Fest. Für fünf ist es zu spät. "Kyrie, Kyrie,
öffne uns."
Eine Kerze wird entzündet
"Fünf von ihnen, die dem Bräutigam entgegenzogen, waren töricht, und
fünf von ihnen waren klug."
Die klugen Jungfrauen: denken und planen, rechnen mit vielem, was
möglich ist. Nehmen Öl genug für sich mit- nein, für den Bräutigam:
er soll mit Freudenfackeln empfangen werden.
Sind sie wirklich klug? Oder doch nur selbstsüchtig: Ihr Vorrat nur
für sie. Teilen wollen sie nicht.
Seit Kindertagen eingeübtes gilt hier nicht. Kein "Gib deinem Bruder
etwas ab", keine schwesterliche Solidarität.
Verstörung breitet sich aus- bei uns.
Manchmal können wir nicht teilen.
Manchmal reicht es nur für uns. Am Ende eines Tages, eines Jahres,
um Mitternacht.
Unsere Grenze.
Gottes Grenze.
Wo endet seine Barmherzigkeit? Bleiben die Türen verschlossen?
Bis zum Ende? Wo werde ich sein?
Verstörung bleibt.
Eine Kerze wird entzündet
"Seid also wach, denn ihr kennt weder den Tag noch die Stunde"
Warten müssen. Geduld mitbringen. Die Hoffnung nicht aufgeben.
Da sind wir. Mittendrin in unserem Leben.
Warten: auf einen Arbeitsplatz, auf Wiederkehr der Gesundheit, auf
ein freundliches Wort, auf friedvollere Zeiten, auf Gerechtigkeit in
der Welt und bei uns.
Geduld mitbringen, langen Atem haben- während uns an so vielen
Stellen die Luft auszugehen droht.
Hoffnung: Sehnsucht des Einzelnen auf Besserung. Die ungewisse
Erwartung, dass Wünsche sich erfüllen. Und doch viel mehr als das.
Hoffnung, dass Dinge einen Sinn haben, egal, wie es ausgeht.
Wann kommt der Herr? Solange unsere Fackeln brennen, sagen die
törichten Jungfrauen.
Wann kommt der Herr? Jetzt nicht, sagen wir.
Die Hoffnung sagt:
Ich werde Gott suchen, wenn ich keine Menschlichkeit finde.
Ich werde Menschen suchen, wenn Gott mir fern erscheint.
Ich werde durch die Häuser gehen und durch die Straßen und Gottes
Angesicht in den Menschen anschauen.
Und ich werde leben, als hätte ich Gott und die Menschen gefunden.
Eine Kerze wird entzündet
"Kyrie, Kyrie, öffne uns." Brennt meine Fackel, bis der Herr kommt?
Reicht mein Glaube über die Nacht?
Kann Glauben reichen? Ein Vorrat an Glauben: einmal so viel sammeln-
und dann nur gut einteilen. Schon Manna hielt nur einen Tag.
Glauben spüren- und Glauben vermissen.
Leuchten aus Gott heraus- und im Dunkel stehen.
Tage, gefüllt mit Leben und mit Gott; und Tage, an denen wir
verletzt sind und leer.
Reicht mein Glaube über die Nacht?
Aushalten. Die Erinnerung an Gottesnähe in uns suchen.
Den Mangel spüren. Den Zweifel in einer Hand halten. Die andere Hand
leer- fast.
Gott die Hände hinhalten, damit er den Mangel füllt. Nicht mehr, und
auch nicht weniger.
Unsere offenen Hände: unser Krug für Gottes Öl. Dann können wir Gott
entgegen gehen. Solange, bis er kommt. Amen.
Eine Kerze wird entzündet
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 01.07.10