
„Mensch, wo bist du?“ - 50 Jahre Frauenabendkreis
Predigt am Sonntag Exaudi - 24. Mai 2009
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Am 4.5.1959 versammelten sich etwa 20 junge Frauen unter der Leitung von Schwester Maria Dojak, um einen Frauenabendkreis ins Leben zu rufen. Sie planten, sich jeden ersten Montag im Monat im Gemeindehaus zu treffen – zum Singen, zur Andacht, mit immer neuen Ideen zu interessanten Themen. Das ist jetzt 50 Jahre her und das geschieht noch heute – und noch immer sind so manche Damen treu mit dabei. Grund genug, heute Jubiläum zu feiern.
Wir
tun dies mit dem Motto des Evangelischen Kirchentages in Bremen, der
heute zu Ende geht: „Mensch, wo bist du?“
Gottes Wort ruft uns in die Verantwortung, ruft uns auch zur Tat. Tatkräftig haben Frauen unseres Abendkreises diesen Gottesdienst vorbereitet und gestalten ihn maßgeblich mit. Auch der so wunderbare Kirchenschmuck – ganz herzlichen Dank dafür!!! Danke auch unserem Posaunenchor unter der Leitung von Daniel Finkensiep, der diesen Gottesdienst mit ausgestalten wird.
50 Jahre Frauenabendkreis – 50 Jahre fröhliche und tragfähige
Gemeinschaft – 50 Jahre gelebter Glaube mit Herz und Hand – davon
wollen wir auch in diesem Gottesdienst etwas erleben und fröhlich
feiern.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus,
unserm Herrn.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Mensch, wo bist du?“ Sie kennen diese Geschichte von der Frucht,
der Schlange, der Frau, dem Mann und wie es dann keiner gewesen sein
wollte. Der Anfang unserer Kultur, unserer Zivilisation, unserer
Möglichkeit, frei zu entscheiden – mit Gott zu leben oder auch ohne
ihn. Was Gott die ersten Menschen gefragt hat, fragt er heute uns:
„Mensch, wo bist du?“ Versteckst du dich oder stellst du dich meinen
Fragen? Nimmst du die Herausforderungen des Lebens an oder willst du
lieber untertauchen und dich unsichtbar machen? Bist du ein Mensch,
mit allen Ecken und Kanten, mit Fehlern und Abgründen, aber eben ein
Mensch – oder willst du das Leben lieber anderen überlassen?
Ist Ihnen eigentlich schon einmal aufgegangen, liebe Schwestern und
Brüder, dass wir ohne die Frau, ohne Eva, gar kein Leben in der uns
so bekannten und geschätzten Art leben könnten? Hätte Eva nicht die
Frucht genommen – die Menschheit wäre nie herausgekommen aus den
Anfängen, hätte nie eine Grenze überschritten, nie etwas
dazugelernt. Wir sollten nicht meinen, Eva würde abgewertet in der
Schöpfungsgeschichte, das lesen vielleicht die Männer gerne hinein,
- Evas Handeln macht uns Menschen erst zu dem, was wir sind. Hätte
die Schlange Adam die Frucht angeboten, dann würden die beiden
vielleicht heute noch diskutieren und lamentieren, Adam würde
Theorien aufstellen, organisieren, daran herum reden – und es wäre
ein langweiliges Leben im Paradies, was keiner auf Dauer noch als
paradiesisch empfinden würden. Zur Menschwerdung gehört auch das
Fehler-Machen, Verbote-In-Frage-Stellen, Wissbegierig-Sein. Durch
Eva kommt nicht die Sünde, sondern das Leben in das Leben. Denn
„Eva“ heißt „Leben“ – nicht ohne Grund! Ohne Evas, ohne Marias und
Marthas, von denen wir eben im Evangelium gehört haben, gäbe es
keinen lebendigen Glauben.
„Mensch, wo bist du?“ –

Dies ist eine BMW-Isetta. Ein Auto wie ein Gesangbuchlied: „Macht
hoch die Tür.“ Für die, die sich damit nicht auskennen, hier der
Beweis: So stieg man hier ein:

Für wen steht dieses Bild?
Für sie:

Schwester Maria Dojak.
Eine der so ganz guten Seelen des Abendkreises. Eine herzerfrischende, fröhliche Frau. Sie verstand, dass es den jungen Frauen wegen ihrer kleinen Kinder oder auch der Berufstätigkeit nicht möglich war, zu den Nachmittagsstunden der Frauenhilfe zu kommen. Sie brauchten eine andere Uhrzeit für ihr Treffen. Und sie brauchten einen anderen Zugang zum Glauben. Einen Glauben, der mit beiden Beinen im Alltag verwurzelt war. Einen Glauben mit Herz und Hand. Schwester Maria, die wie im Evangelium die Maria war, die alle Kraft aus dem Hören auf Gottes Wort schöpfte. Aber sie war auch eine Martha, die anpackte, wo es nötig war, immer unterwegs, wenn es anderen zu helfen galt.
Auf dem Bild sieht es so aus, als müsste man Schwester Maria
stützen.
Ganz falsch! Das ist das Gesamtbild. Schwester Maria ist eingehakt
bei den Frauenabendkreisfrauen und macht die Gegend während eines
Ausflugs unsicher. „Mensch, wo bist du?“ Hier begegnet uns echte
Menschlichkeit. In diesem fröhlichen Miteinander überzeugter
Christinnen.

Schauen Sie in die Gesichter. Das Lachen ist nicht gestellt.
Unvergessliche Momente. 7 Jahre nur war Schwester Maria Leiterin des
Frauenabendkreises. Aber ihr Geist ist wohl immer noch da nach über
40 Jahren. Am 28.11.1966 musste sie Bad Lippspringe verlassen. Aber
ihr Herz hing wohl auch an den Frauen des Abendkreises. Sie hat sich
so richtig wohl gefühlt in der Gemeinschaft wie wohl kaum in ihrem
Leben. Es gab noch andere beeindruckte Leiterinnen, aber bis heute
ist Schwester Maria das Maß aller Dinge.
Schauen Sie einfach mal ein paar alte Bilder an. Ich will gar nicht
viel dazu sagen.




Mir gefällt dieses Bild so besonders. Frau Deppe hiervor scheint auf
uns heute zuzugehen und einzuladen. Kommt doch mit! Macht es doch
wie wir! Habt Spaß und Freude miteinander, lacht und genießt das
Leben. Es ist oftmals schwer genug. Aber man muss auch mal herzhaft
in einen Apfel beißen, wenn man nicht ganz am Leben vorbeileben
will. Dies ist eine Erkenntnis aus dem Glauben, aus dem lebendigen
Glauben, von dem die Frauen auf den Bildern geprägt waren und sind.
Ich kenne so viele davon und dafür bin ich dankbar. Sie sind mir
Vorbilder im Glauben. Wie viele Wege haben Sie gemacht bei
Sammlungen, bei Besuchen in Krankenhäusern oder zu
Geburtstagsfeiern. Da kämen viele Hunderte Kilometer zusammen.
Fröhlich haben Sie dies gemacht. Aber es war nicht
selbstverständlich. Danke dafür an dieser Stelle. Und obwohl ich
Schwester Maria nicht gekannt habe, ist mir, als höre ich die
Stimme: Danken Sie nicht den Menschen, danken Sie Gott, der uns so
eine wunderbare Welt und so ein wunderbares Miteinander geschenkt
hat. Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes
getan hat.
50 Jahre – Schauen wir nach vorn: „Mensch, wo bist du?“ Heute ist es
in unsere Hände gelegt, auch mal in einen sauren Apfel zu beißen und
dennoch voller Mut und Lebensfreude zum christlichen Glauben zu
stehen. Christliche Gemeinde braucht Menschen, die sich nicht
verstecken, sondern die da sind, wenn sie gebraucht werden. Die
nicht mit dem Finger auf andere zeigen und endlos diskutieren,
sondern anpacken und verlässlich sind. Wir leben nicht mehr im
Paradies, sondern müssen uns einmischen in unseren oft nicht so
erfreulichen Alltag der Welt. Fröhliche und mutige und immer noch
jung gebliebene Frauen braucht es, die positiv glauben und
entschlossen handeln. Marias und Marthas, Evas und Emmis, Friedchens
und Luzies, Ediths und Marlies‘, Giselas und Gerdas, Hedwigs und
Hannas und Lottes und Augustes und Margaretes und Ingrids - und wer
immer euch jetzt durch den Kopf geht.
„Mensch, wo bist du?“
Hier:

Danke Gott für 50 Jahre.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 26.05.09