
Ein schönes Bild?
Predigt am Sonntag Jubilate - 3. Mai 2009
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
I. Reihe: Johannes 15,1-8
Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Ja, natürlich. Altbekannt. Schönes Bild. Und ich weiß natürlich auch, der Weinstock ist das biblische Bild der Fülle und des Segens. Wein ist eine gute Gabe Gottes und weist auch hin auf die Heilszeit in Gottes neuer Welt. Nicht umsonst ist der Saft der Trauben ein Element unseres Abendmahls. Alles theologisch klar und richtig.
Ich weiß, dass sich hier historisch die Situation der johanneischen Gemeinde spiegelt, Christen werden verfolgt im Römischen Reich, die jüdisch gebliebenen und christlich gewordenen Gemeinden begegnen sich misstrauisch, oft feindselig. Im ersten Testament ist der Weinstock, manchmal auch der Weinberg, Bild für das Volk Israel, nun will Johannes aus der Konfliktsituation heraus hinweisen: in den christlichen Gemeinden sei das wahre Volk Gottes zu finden. Heute ist unsere Situation eine andere. Alles, wie gesagt, theologisch klar und deutlich.
Manchmal, liebe Gemeinde, manchmal braucht es besondere Impulse, damit aus einem bekannten Bibeltext, der jahrelang gut und richtig und natürlich auch wichtig war, damit aus einem solchen Bibeltext Worte werden können, die tiefer gehen, die sich verfangen in meinem Leben, die nicht nur theoretisch richtig sind, sondern auch praktisch wichtig.
Ich sitze in der wunderschönen April-Sonne und sehe meinem Mann
zu, wie er den Feigenbaum in unserem Garten schneidet.
Ein schöner Baum, mittlerweile war er gut gewachsen. Ich rieche noch den Duft des Baumes in meinen Erinnerungen vom letzten Sommer und ich kann noch die herbe Süße der Feigen auf meiner Zunge schmecken.
Doch jetzt? Der Baum hat in diesem Winter ganz schön etwas abbekommen. Viele Äste und Zweige sind verfroren und vertrocknet.
Jesus sagt: Ich bin der wahre Weinstock und Gott ist meine Gärtnerin. Jeden Zweig an mir, der keine Frucht trägt, nimmt sie weg, und jeden, der Frucht trägt, reinigt sie, damit er noch mehr Frucht trage.
Stimmt ja, tote Äste sind unnötiger Ballast. Die Pflanze versucht, selbst in die vertrockneten Äste noch Nahrung und Kraft hineinzupumpen – vergebene Liebesmüh! Besser die toten Äste uind Zweige abschneiden, damit die Kraft nur in die lebendigen Triebe geht und sich am toten Holz keine Schädlinge oder Krankheiten einnisten.
So wird jeder einzelne Ast, jedes kleine Zweiglein sorgsam in
Augenschein und in die Hände genommen. Wie sieht es aus, ist noch
Leben zu spüren?
Die Vorstellung gefällt mir, dass auch Gott sich so liebevoll und
sorgsam mit uns Menschen beschäftigt: uns anschaut, jede einzeln,
jeden für sich und sich fragt – und, wie sieht’s aus?
„Jeden Zweig an mir, der keine Frucht trägt, nimmt sie weg.“
Ist alles verdorrt? Keine Chance mehr auf Leben? Dann weg damit.
Ich merke, jetzt wird es mir unangenehm. Die Zweige am Feigenbaum, die den Winter nicht überlebt haben, sind doch unschuldig an ihrem Schicksal. Der lange und andauernde Frost war es doch, der Verderben brachte.
Wie viel Eiseskälte und lange harte Lebensphasen müssen manchmal Menschen ertragen, so lange, bis sie dann kein Leben mehr in sich spüren, bis sie nicht mehr im Stande sind, Frucht zu tragen, also Hoffnung zu haben, eine Perspektive für die Zukunft und dem Leben zu dienen.
Und gerade die werden weggenommen?
Das schöne und positive Bild vom Weinstock trägt ein hartes Gericht in sich, so scheint es.
Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie der Zweig aus sich selbst keine Frucht tragen kann, wenn er nicht am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Zweige. Die in mir bleiben und ich in ihnen, die tragen viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Bei diesen Versen wird es mir wieder wohler: Jesus spricht seinen Jüngerinnen und Jüngern zu, schon rein zu sein, allein auf sein Wort hin. Wir sind gereinigt von allem, was sich als Schicht zwischen Gott und uns ablagern könnte. Wir sind rein, d.h. alles auf Anfang gestellt, ein neuer Mensch durch Gottes Liebe und unsere Taufe.
Und wenn wir denn wie ein Zweig sind, dann ist es nicht furchtbar anstrengend und schwer, an Jesus, an Gott als unserem Weinstock zu bleiben. Dann ist das unsere natürliche Art zu sein, nicht etwa etwas, das wir erst mühsam ableisten müssten.
Und natürlich, wenn ich die abgeschnittenen Äste und Zweige so betrachte, die werden kein Laub mehr ansetzen, keine Frucht mehr bringen. Was ihnen fehlt ist die Verbindung zum Leben, zum Baum und seiner Wurzel.
Ohne mich könnt ihr nichts tun. Auch dieser Vers geht mir ein wenig quer. Ich möchte nicht so abhängig sein. Ich möchte unabhängig, aktiv und vor allem eigenständig und selbst bestimmt sein. Es gefällt mir, gelinde gesagt, eher mäßig, nur ein kleines Anhängsel zu sein.
Ohne mich könnt ihr nichts tun. Es stimmt, wenn ich die abgeschnittenen Äste des Feigenbaums betrachte – da geht gar nichts mehr. Ohne den Feigenbaum, ihre Lebensquelle, sind sie nichts wert und zu nichts in der Lage.
Wir kommen im Glauben, so schmerzhaft das zunächst mal ist, nicht weit mit unserem selbstsicheren Gehabe, so als hätten wir die Wahrheit gepachtet.
Ich bin nicht der Nabel der Welt, wir sind nicht das Zentrum des Universums.
Das ist schmerzhaft zum einen, aber es entlastet auch. Ohne Gott können wir nichts tun, müssen es aber auch nicht. Wir müssen nicht alle Energie und Leistung aus uns heraus produzieren.
Alle, die nicht in mir bleiben, werden hinausgeworfen wie die Zweige und vertrocknen und sie werden gesammelt und ins Feuer geworfen und verbrannt. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben – bittet, was ihr wollt, und es wird euch geschehen. Dadurch erstrahlt Gottes Glanz, dass ihr viel Frucht tragt und meine Jüngerinnen und Jünger seid.
Ein neuer Gedanke taucht in mir auf während ich weiter das Zurückstutzen des Feigenbaums beobachte: was, wenn jetzt alle Zweige und Äste abgeschnitten werden. Dann stünde der Baum nur noch mit Wurzel und Stamm da. Wäre er lebensfähig? Zumindest würde es lange dauern, bis wieder Äste und Zweige wachsen, Blätter hervorbrechen und der Baum Früchte tragen kann.
Und wie ist das mit Gott, wenn er der Weinstock ist und wir die Zweige? Ist Gott etwa auch auf uns angewiesen?
Dadurch erstrahlt Gottes Glanz, dass wir Frucht tragen.
Frucht tragen ist nicht so schwierig, wie es sich zunächst anhören mag. Frucht tragen heißt nicht, jede und jeder von uns müsste nun Glaubensheld werden, unendliche Missionserfolge nachweisen, und stets große Taten diakonischer Hilfe vollbringen.
Frucht tragen, das hört sich für mich an wie: Leben, sich von Gottes Leben durchströmen lassen und Liebe weitergeben.
Wir können viel tun mit unserer kleinen Kraft, und daran freut sich Gott. Amen
Bibeltext zitiert nach Bibel in
gerechter Sprache
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 03.05.09