
Am Ende muss niemand allein ins Tal
Predigt am letzten Sonntag nach Epiphanias - 1. Februar 2009
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
I. Reihe: Matthäus 17, 1-9
Und nach sechs Tagen nahm Jesus zu sich Petrus und Jakobus und Johannes, seinen Bruder, und führte sie beiseits auf einen hohen Berg. Und er ward verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie ein Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. Petrus aber antwortete und sprach zu Jesu: HERR, hier ist gut sein! Willst du, so wollen wir hier drei Hütten machen: dir eine, Mose eine und Elia eine. Da er noch also redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören! Da das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr. Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Stehet auf und fürchtet euch nicht! Da sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand denn Jesum allein. Und da sie vom Berge herabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt dies Gesicht niemand sagen, bis das des Menschen Sohn von den Toten auferstanden ist.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn
Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde,
Erscheinungen, Stimmen, ein verklärter, ein verwandelter, ein leuchtender Jesus,- das ist eine fremdartige Geschichte, die wir eben in der Evangeliumslesung gehört haben.
Nicht zu glauben- könnte man sagen.
Nur zu glauben- könnten wir sagen. Gott hat uns Menschen Worte
gegeben, die wir uns weitersagen und Bilder, die über die Zeit
reichen. Solche Worte und Bilder finden wir hier.
Die Bilder: Ein hoher Berg, den wir uns vorstellen. Berge kennen wir. In ihrer Größe, in ihrer Herrlichkeit. Berge sind ein Ort der Nähe Gottes.
Warum eigentlich, habe ich mich gefragt? Wohl, weil wir uns schon räumlich Gott näher fühlen. Der Himmel ist näher. Der Weg den Berg hinaus in seiner Anstrengung und Schönheit führt uns Schritt für Schritt aus dem Alltag heraus. Mit dem Erreichen des Gipfels verändert sich die Perspektive. Ängste und Sorgen verändern sich, werden für den Moment kleiner, eingereiht in die Welt, die wir von oben sehen.
Und dann das Licht. Es blendet, in seiner Helligkeit, seiner
Herrlichkeit.
Aber das Licht, das auf diesem Gipfel leuchtet, ist mehr als das
Licht der Tagessonne. Jesus selbst wird zur Quelle- mit einem
Leuchten im Gesicht, mit Kleidern, aus Licht gewoben. Nicht zu
glauben?
Was wir glauben, mit Matthäus, mit den Christen und Christinnen
der Welt:
Wie es auch gewesen sein mag: Auf diesem Berg, wo Jesus ist mit
seinen drei Freunden, scheint das Licht der Auferstehung. Mitten im
Leben Jesu bricht sich der Ostermorgen Bahn. Inmitten der
Ankündigungen seines Leidens, seines Sterbens, der Schwere und der
Härte, - denn aus solchen Worten Jesu führt uns das Evangelium
herauf auf den Berg- geschieht ein Zeichen an Jesus selbst.
Er, der den Menschen Zeichen gab, vom Willen Gottes, von seiner empfangenen Macht, bekommt hier selbst ein Zeichen mit auf seinen Weg. Ob es Jesus Mut gemacht hat? Ob es ihn gestärkt hat, getröstet auf seinem schweren Weg, was dort auf dem Berg geschehen ist? Das Licht, die Propheten Gottes an seiner Seite, die göttliche Stimme selbst?
Wahrer Mensch und wahrer Gott- wieviel Trost und Gotteskraft brauchte Jesus?
Was er bekommen hat von Gott, hat er nie für sich behalten. Hat es genommen und wohl auch vermehrt. Und am Ende reicht es auch für uns- selbst heute noch. Sein leuchtendes Antlitz ist unser Trost.
Sein weiß leuchtendes Gewand begleitet uns von Kindertagen an.
Schön, dass wir Jesus immer wieder erkennen!
Das waren die Bilder. Und die Worte der Geschichte? Reichen sie auch
über die Zeit?
Petrus sagt: Herr, hier ist gut sein! Willst du, wo will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine!
500 Jahre später, da sind diese Hütten wirklich gebaut worden: drei christliche Basiliken, für Jesus, Elia und Mose, auf dem Berg Tabor, 25 Km vom See Genezareth. Ihr Kirchweihfest ist der Ursprung des Verklärungsfestes, das später einen Platz im christlichen Kalender erhielt.
"Herr, hier ist gut sein!" Wenn wir doch festhalten könnten, wenn
Gott so nahe bei uns ist. Gott ist da, zu spüren, sein Licht
erleuchtet meinen Tag- diesem Moment Dauer verleihen, das wollte
Petrus genauso brennend wie wir. Und wie könnte das besser gehen,
als Gott eine Wohnung, eine Hütte bauen? So verständlich, so
menschlich ist der Wunsch des Petrus.
Aber Gott selbst, liebe Gemeinde, unterbricht das Tun des Petrus mit
seinem Wort. Gott selber sagt uns, mitten hinein in unsere Wünsche
nach Klarheit, nach beständiger göttlicher Nähe: Bleibt nicht
stehen, versucht nicht das Unmögliche. Auf dem Berg der Seligkeit
wohnen, das ist nicht eure Bestimmung in der Welt. Euch will ich
anders begegnen.
Gott selber spricht: "Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören."
Jesu Gott, unser Gott, kommt zu uns, in unsere Zweifel und unsere
Unklarheiten, in unseren Alltag und in unseren Sonntag, kommt, wenn
wir ihn bitten oder wenn wir ihn längst vergaßen in aller
Geschäftigkeit. Er ist da im Dornbusch und in der Feuersäule, er
kommt in seinem Sohn, ist da in seinem Wort, ist unter uns bei Brot
und Wein, ist da, wo Menschen sich in seinem Namen begegnen und
vertrauen. Ist auch mal hier, in dieser Kirche - aber nicht
festzuhalten. Und doch genug, um uns ein Halt zu sein.
Und das letzte Wort auf dem Berg, liebe Gemeinde: Steht auf und
fürchtet euch nicht!!
Aufstehen und sich nicht fürchten- schon allein bei dem Gedanken daran werde ich ein Stückchen größer. Steht auf und fürchtet euch nicht!
Nicht sitzenbleiben und ängstlich sein. Stattdessen:
Aufmerksam sein, Möglichkeiten erkennen. Sehen, dass sich Dinge ändern lassen- wenn nur einer aufsteht- vielleicht ich?
Vertrauen haben in Gottes Wege für mich. Nicht immer das Schlimmste befürchten. Gerade da, wo es um andere Menschen geht. Aufstehen und auf den anderen zugehen, seine und meine Angst überwinden.
Steht auf und fürchtet euch nicht!!
Wo möchten Sie in dieser kommenden Woche aufstehen und sich nicht
fürchten- mit Gottes Hilfe?
Am Ende muss niemand allein ins Tal. Jesus nicht, und seine Freunde
auch nicht. Die Zeit auf dem Berg war ein Lichtpunkt auf dem Weg zu
dem, was kommen sollte: Gefangennahme, Leiden und Tod.
War ein Haltepunkt für den Weg der Jüngerinnen und Jünger, eine Ermutigung für die Zeit zwischen Karfreitag und Ostern.
Am Ende muss niemand allein ins Tal. Jesus nicht, und seine
Freunde und Freundinnen auch nicht. Der, der versprochen hat, bei
uns zu sein bis ans Ende der Welt, geht mit uns, kommt zu uns, immer
wieder, schenkt uns sein Leuchten in unser Gesicht. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 25.02.09