
In der Hand des guten Hirten
Predigt am Sonntag Misericordias Domini - 26. April 2009
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
I.Reihe: Johannes 10, 11-16
Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für seine Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, des die Schafe nicht eigen sind, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht; und der Wolf erhascht und zerstreut die Schafe. Der Mietling aber flieht; denn er ist ein Mietling und achtet der Schafe nicht. Ich bin der gute Hirte und erkenne die Meinen und bin bekannt den Meinen, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stalle; und dieselben muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und wird eine Herde und ein Hirte werden.
Liebe
Schwestern und Brüder,
„der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …“ wer kennt sie
nicht, die Worte des 23.Psalms. Und für wie viele Menschen war
dieser Psalm Trost in schwerer Zeit. Das Gebet an Gott, den Hirten,
der herausführt aus dem finstern Tal, dem man sich voll Zuversicht
anvertrauen kann.
Das Evangelium sagt es genauer: Es ist Jesus Christus selbst, der
für uns starb, der auferstand, er ist der gute Hirte. Worin liegt
nun das Tröstliche an diesem Bild von „Christus, dem guten Hirten“?
Es muss doch mehr dahinter stecken als eine romantische Vorstellung
von einem bärtigen Schäfer mit hölzernem Stab inmitten einer Herde
von Schafen. Solche Romantik lässt der Johannes nicht aufkommen. Er
spricht davon, dass der gute Hirte „sein Leben lässt für die
Schafe.“ Dieser Hirte gibt alles ab, was ihn zum Hirten macht, damit
die ihm anvertraute Herde leben kann. Er stellt sich, flieht nicht,
er bleibt gerade dadurch Hirte, indem er alles für die Herde gibt.
Was dieses Bild meint, lässt sich vielleicht am besten mit dieser
Geschichte anschaulich machen:
In einem fernen Land lebte einst ein König, der am Ende seines
Lebens Schwermut befallen hatte. „Schaut“, sprach er, „Ich habe
alles erlebt, was ein Sterblicher erleben und mit den Sinnen
erfassen kann, nur eines habe ich noch nicht: Gott gesehen.“ Und so
befahl der König allen Machthabern, Weisen und Priestern, ihm Gott
nahezubringen. Vergeblich. So stellte der König eine Frist von 3
Tagen bis man ihm Gott zeige, ansonsten würden alle bestraft. Ein
Hirte vom Felde kam schließlich, der es Königs Befehl vernommen
hatte und sprach: „Gestattet mir, dass ich deinen Wunsch erfülle.“
Er wies auf die Sonne. „Schau hin, mein König,“ sagte der Hirte.
Doch der König wurde vom Glanz der Sonne geblendet und wandte sich
ab. „Willst du, dass ich mein Augenlicht verliere?“ fuhr er den
Hirten an. Doch der antwortete ganz ruhig: „Aber König, das ist doch
nur ein Ding der Schöpfung und ein kleiner Abglanz der Größe Gottes.
Wie willst du mit deinen schwachen, tränenden Augen Gott schauen?
Suche ihn mit anderen Augen!“
Da wurde der König nachdenklich und lobte den Hirten. „Ich glaube,
ich verstehe dich. Aber sage mir noch eins: Was macht Gott, dass ich
ihn erkenne?“ – „Um dir das zu zeigen, lass uns für eine kleine
Weile die Kleider tauschen.“ Der König folgt erstaunt. Er legte die
Zeichen seiner Königswürde ab, kleidete damit den Hirten, und sich
selbst zog er den unscheinbaren Rock an und hängte sich die
Hirtentasche um. Der Hirte setzte sich seinerseits auf den Thorn,
ergriff das Zepter und wies damit auf den an den Thronstufen mit
seiner Hirtentasche stehenden König: „Siehst du, das macht Gott: die
einen erhebt er auf den Thron, und die anderen heißt er
heruntersteigen.“
Als die zwei wieder ihre eigenen Kleider angezogen hatten, brannten
dem König die Worte des Hirten noch lange in seiner Seele. Plötzlich
überfiel ihn große Freude: „Jetzt sehe ich Gott!“ rief er laut.
Liebe Schwestern und Brüder, ich wünschte, wir könnten die Freude
des Königs teilen. Die Freude darüber, dass die Mächtigen stürzt und
die Ohnmächtigen an ihre Stelle setzt. Dass Jesus Christus und kein
anderer die Macht in Händen hält, obwohl er doch als Ohnmächtiger
wie ein Verbrecher am Kreuz hingerichtet wurde. Dass nicht
gnadenlose Gesetze, menschliche Lieblosigkeit und grausame
Rechthaberei gesiegt haben, sondern allein Gottes bedingungslose
Liebe, so verletzlich und weltfremd sie auch immer erscheinen mag.
So ist also Christus der „gute Hirte“: weil er die Starken schwach
und die Schwachen stark macht, hält er für jeden und jede neue
Hoffnung bereit, der sich selbst schutzlos und verzweifelt sieht. Er
hat den schlimmsten Feind des Lebens, den Tod, bezwungen, er hat
durch seinen Tod den unendlichen Graben der Lieblosigkeit
überwunden.
Die Großen macht er klein und die Kleinen macht er groß – das ist
nicht bloße Theorie, sondern das ist erlebbare Wirklichkeit.
Nun kommt es aber auch darauf an, von diesem Geschenk des großen
Hirten auch Gebrauch zu machen, also die Kleider, die er uns
hinhält, auch zu tragen. Im Evangelium heißt es: „Sie werden meine
Stimme hören, und es wird e i n e Herde und e i n Hirte werden.“
Das heißt doch, Gott verleiht nicht Frieden, Gerechtigkeit und
Stärke in dem Sinn, dass wir selbst nur die passiv Empfangenden
Sind. Vielmehr schafft er die Möglichkeit zum Tun des Guten. Er legt
den Samen – und es liegt bei uns, ob wir wollen, dass die Saat
aufgeht oder nicht, ob wir wirklich auf seine Stimme, die Stimme des
Ohnmächtig-Mächtigen hören und in ihm den EINEN Hirten der EINEN
Herde erkennen werden. So wie Gott auf seine Allmacht verzichtet und
seinen Sohn für uns bluten lässt, so verzichtet er auch darauf, uns
zu zwingen. Es bleibt unsere freiwillige Entscheidung, dem guten
Hirten zu vertrauen und von der von ihm verliehen Kraft und Stärke
Gebrauch zu machen.
Dabei zeigt schon der Versuch, Gottes Angebot zu folgen, wie gut es
tut, sich in der Hand des guten Hirten zu wissen, der das Große
erniedrigt und das Kleine erhöht. Auch wenn wir in der Nachfolge oft
vieles schuldig bleiben, was wir tun könnten – er ermutigt uns zum
Weitergehen. Er vergibt uns immer wieder neu und erinnert uns daran,
dass wir längst seine geliebten Kinder sind, die gar nicht aus
seiner Hand fallen können.
Wo wir das erleben, dieses Grundvertrauen, diese innere Stärke, da
begegnet uns Gott. Und es geht uns wie dem König in der Geschichte:
Da ist nur Staunen und unendliche Freude: Danke Gott, dass du dich
mir gezeigt hast!
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 26.04.09