
Nicht im Boden bleiben
Predigt am Ostersonntag - 12. April 2009
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Und da der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena
und Maria, des Jakobus Mutter, und Salome Spezerei, auf daß sie kämen und
salbten ihn. Und sie kamen zum Grabe am ersten Tag der Woche sehr früh, da die
Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des
Grabes Tür? Und sie sahen dahin und wurden gewahr, daß der Stein abgewälzt war;
denn er war sehr groß. 5Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen
Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Kleid an; und sie
entsetzten sich.
Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den
Gekreuzigten; er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, da sie ihn hinlegten!
Gehet aber hin und sagt's seinen Jüngern und Petrus, daß er vor euch hingehen
wird nach Galiläa, da werdet ihr ihn sehen, wie er gesagt hat. Und sie gingen
schnell heraus und flohen von dem Grabe; denn es war sie Zittern und Entsetzen
angekommen. Und sie sagten niemand etwas, denn sie fürchteten sich.
Liebe Schwestern und Brüder,
aller Augenschein sagt, ein Grab ist ein Grab, tot ist tot, aus ist
aus, fertig, nichts weiter. Unser Verstand uns sagt: Tot ist tot.
Mit dieser Vorstellung kamen auch Maria von Magdala und die anderen
Frauen zum Grab Jesu. Sie kamen, um zu trauern.
Und sie fanden: Ein leeres Grab! Blankes Entsetzen ergriff sie. Sie
erschraken und wollten nur noch weg von diesem Ort. Ein Engel, der
zu ihnen spricht, Ihnen erklärt, dass Jesus auferstanden sei, dass
sie und die Jünger ihn sehen könnten, später, in Galiläa.
Ich frage mich, wie hätte ich wohl reagiert, wenn ich damals dabei
gewesen wäre? Mein Verstand hätte nach Erklärungsmöglichkeiten
gesucht: Tot ist doch tot, da muss doch jemand … vielleicht
gestohlen …
Der Verstand wird auch in den Auferstehungsgeschichten nicht
ausgeschaltet. Maria und die anderen Frauen kommen nicht zum Grab,
sehen es leer und rufen, ohne zu zögern: „Halleluja! Er ist
auferstanden!“ Zu sehr sind sie geprägt von der Vorstellung: tot ist
tot.
Es braucht seine Zeit, bis der Auferstehungsglaube siegt. Da ist
vielleicht der Gedanke: „Warum soll dieser Mensch, von dem wir
wissen, dass er Lahme zum Gehen, Stumme zum Sprechen bringen konnte,
vielleicht doch das größte Wunder, nämlich den Sieg über den Tod,
gebracht haben …?“ Eine aufkeimende Bereitschaft, das Undenkbare
doch glauben zu können … Ich muss sagen, ich stand oft an Gräbern
und fragte mich, was bleibt denn nun von diesem Menschen, was ist
denn jetzt noch eine Hoffnung, die nicht falsche Vertröstung ist.
Mein Verstand konnte mir keine Antwort geben, außer eben: Tot ist
tot. Aber irgendwo war da diese aufkeimende Bereitschaft zu glauben,
dass bei Gott mehr möglich ist, als wir Menschen für möglich halten,
dass Gott noch einen Weg bereithält, wenn unsere menschlichen Wege
am Ende sind …
In Maria und den anderen Frauen ringen Verstand und Herz
miteinander: Sollen sie glauben, was wir gesehen und gehört haben?
Interessant ist auch, sie suchen nicht nach Beweisen. Es nicht um
wahr oder falsch im naturwissenschaftlichen Sinn, es ist eine
Glaubensfrage: Glaube ich dem Verstand, dem was mir bisher
Sicherheit gegeben hat, was alle anscheinend tun – oder glaube ich
dem scheinbar Unglaublichen, dass Liebe und Leben stärker sind als
der Tod?
Die Fabel vom Maikäfer und Engerling:
“Guten Tag,“ sagte der Maikäfer zum Engerling und stolperte über
eine Wurzel, „ich bin dein Bruder“, Der Engerling betaste vorsichtig
den Maikäfer und erwiderte: „Das kann nicht stimmen. Du bist ja ganz
hart und steif“.
„Warte nur, nächstes Jahr wirst du dich genau so anfühlen, und dann
kommst du endlich aus dieser Finsternis ans Tageslicht.“
„Was ist das, bitte, Tageslicht?“
„Alles ist hell und angenehm warm, und man findet viele saftige
Blätter zum Fressen.“
„Fressen verstehe ich, aber was ist hell und was sind Blätter?“
„Die Blätter wachsen an den Bäumen. Du fliegst von einem zu anderen
und suchst die zartesten aus.“
„Was ist fliegen?“
„Du klappst deine Flügel auf und schwirrst durch die Luft“.
„Jetzt verstehe ich gar nichts mehr“ entgegnete der Engerling. „Ich
glaube, dein Tageslicht hat dir den Verstand ausgetrocknet.“ und –
er drehte sich um und nagte an einer Wurzel.
„Dummer Kerl, komm du erst mal in meine Jahre“, sagte der Maikäfer
und verspürte Hunger nach frischen Blättern.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 12.04.09