
Ein neues Fundament
Predigt am Sonntag Reminiszere - 8. März 2009
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
I. Reihe: Markus 12,1-12
Und er fing an, zu ihnen durch Gleichnisse zu
reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und führte einen Zaun
darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und tat ihn aus den
Weingärtnern und zog über Land. Und sandte einen Knecht, da die Zeit
kam, zu den Weingärtnern, daß er von den Weingärtnern nähme von der
Frucht des Weinbergs. Sie nahmen ihn aber und stäupten ihn, und
ließen ihn leer von sich. Abermals sandte er ihnen einen anderen
Knecht; dem zerwarfen sie den Kopf mit Steinen und ließen ihn
geschmäht von sich. Abermals sandte er einen andern: den töteten
sie. Und viele andere, etliche stäupten sie, etliche töteten sie. Da
hatte er noch einen einzigen Sohn, der war ihm lieb; den sandte er
zum letzten auch zu ihnen und sprach: Sie werden sich vor meinem
Sohn scheuen. Aber die Weingärtner sprachen untereinander: Dies ist
der Erbe; kommt, laßt uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein!
8Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den
Weinberg. Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen
und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben.
Habt ihr auch nicht gelesen diese Schrift: "Der Stein, den die
Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Von dem
HERRN ist das geschehen, und es ist wunderbarlich vor unseren
Augen"? Und sie trachteten darnach, wie sie ihn griffen, und
fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, daß er auf
sie dies Gleichnis geredet hatte. Und sie ließen ihn und gingen
davon.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen.
Der Predigtext, liebe Schwestern und Brüder, ist das Gleichnis von
den bösen Winzern. Lassen Sie mich Ihnen zunächst diese Geschichte
erzählen:
Wir wohnen im dritten Stock mitten in der
Stadt und haben uns nie etwas zuschulden kommen lassen, auch mit
Dörfelts von gegenüber verband uns eine jahrelange Freundschaft, bis
die Frau sich kurz vor dem Fest unsre Bratpfanne auslieh und nicht
zurückbrachte. Als meine Mutter dreimal vergeblich gemahnt hatte,
riss ihr eines Tages die Geduld, und sie sagte Frau Dörfelt sei eine
Schlampe. Irgendwer muss das den Dörfelts hinterbracht haben, denn
am nächsten Tag überfielen Klaus und Achim unsern Jüngsten, den
Hans, und prügelten ihn
windelweich. Ich stand grad im Hausflur, als Hans ankam und heulte.
In diesem Moment trat Frau Dörfelt drüben aus der Haustür, ich lief
über die Strasse, packte ihre Einkaufstasche und stülpte sie ihr
über den Kopf.
Vielleicht wäre die Sache noch gut ausgegangen, aber es war just um
die Mittagszeit, und da kam Herr Dörfelt mit dem Wagen angefahren.
Von Stund an herrschte erbitterte Feindschaft zwischen den Familien.
Eines Tages schossen Dörfelts von drüben mit einem Luftgewehr
herüber. Unser Vater meinte: wir sollten uns jetzt an die Polizei
wenden.
Aber unserer Mutter passte das nicht, Wir beschlossen also, den
Kampf aus eigener Kraft in aller Härte aufzunehmen. Auch konnten wir
nicht mehr zurück, verfolgte doch die gesamte Nachbarschaft gebannt
den Fortgang des Streites.
Am nächsten Morgen schon wurde die Strasse durch ein mörderisches
Geschrei geweckt. Wir lachten uns halbtot, Herr Dörfelt, der früh
als erster das Haus verliess, war in eine tiefe Grube gefallen, die
sich vor der Haustür erstreckte.
Er zappelte ganz schön in dem Stacheldraht, den wir gezogen hatten.
Es ist bekannt, dass die Dörfelts leicht übelnehmen. So gegen zehn
Uhr begannen sie unsere Hausfront mit einem Flakgeschütz zu
bestreichen.
Wir robbten sofort hinauf und rissen die Tarnung von
der Atomkanone. Es lief alles wie am Schnürchen, wir hatten den
Einsatz oft genug geübt. Die werden sich jetzt ganz schön wundern,
triumphierte unsere Mutter und kniff als Richtkanonier das rechte
Auge fachmännisch zusammen.
Als wir das Rohr genau auf Dörfelts Küche eingestellt hatten, sah
ich drüben gegenüber im Bodenfenster ein gleiches Rohr blinzeln, das
hatte freilich keine Chance mehr. Mit einem unvergesslichen Fauchen
verließ die Atomgranate das Rohr,
zugleich fauchte es auch auf der Gegenseite. Die beiden Geschosse
trafen sich genau in der Straßenmitte.
Natürlich sind wir nun alle tot, die Strasse ist hin, und wo unsere
Stadt früher stand, breitet sich jetzt ein graubrauner Fleck aus.
Aber eins muss man sagen, wir haben das Unsere getan, schließlich
kann man sich nicht alles gefallen lassen.
Die Nachbarn tanzen einem sonst auf der Nase herum.
Was hat, liebe Schwestern und Brüder, diese Geschichte von
Gerhard Zwerenz (gekürzt) mit den bösen Winzern zu tun. Eine Menge.
Am Anfang benehmen sich die Winzer wie ganz normale Menschen. Sie
finden einen gut angelegten Weinberg, pachten ihn, bearbeiten ihn,
lesen und keltern, produzieren Wein. Dann aber kommt der Gedanke:
Geben wir doch einfach nichts ab von der Pacht – dann bleibt mehr
für uns! Dazu mussten sie den ersten Boten beleidigen und wegjagen,
na ja. Der zweite Bote bekam dann schon eines über den Kopf gebraten
und dann immer so weiter: die Spirale der Gewalt nicht anscheinend
zwangsläufig immer mehr zu – wie in unserer Geschichte mit den
Dörfelts. Am Ende kommt es zur Katastrophe: da wir der Erbe, der
Sohn des Weinbergsbesitzer getötet.
Und jetzt? Was wird der Herr des Weinberges tun?
Was hat Gott getan, als sein Sohn gekreuzigt wurde? Hat er den
Feuerregen geschickt? Den Weltuntergang? Nichts von dem.
“Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein
geworden.“ Also doch ganz anders als in der Geschichte mit den
Dörfelts. Gott durchbricht die Spirale der Gewalt – gerade in dem
Moment, da die absolute Katastrophe droht. Gerade da wird der
Grundstein für ein neues Reich gelegt, ein Friedensreich, das nicht
Hass mit Hass und Gewalt mit Gegengewalt beantwortet.
Teufelskreise der Gewalt, die sich im kleinen und im großen immer
neu hochschaukeln. Der Anlass war eigentlich nichtig, aber jetzt
kann keiner mehr nachgeben. „Wieso ich? Ich habe nicht angefangen?
Ich muss nicht nachgeben.“
„Wieso ich nicht“ sagt Gott. Er, der alle Rechte hätte, sich gegen
alle Ignoranz, allen Hass, alle Verachtung durchzusetzen, er
verzichtet auf alle Gewalt und Macht – und er befreit uns damit,
auch von aller Gewalt und Macht Abstand zu nehmen.
Das ist die Botschaft der Geschichte von den bösen Winzern.
Ein neues Fundament baut Gott. „Reminiszere“ – Gedenke, denke daran,
worauf das Haus der Liebe Gottes gebaut ist. Auf Vergebung. Auf
Neuanfang. Auf Machtverzicht. Teufelskreise der Gewalt sind nicht
mehr notwendig. Gott sei Dank! Jesus sei Dank.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 09.03.09