
Beten befreit zum Tun und das Tun bekommt seine Kraft aus dem Gebet
Predigt zum Sonntag Rogate - 17. Mai 2009
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
I. Reihe: Johannes 16, 23b - 28.33
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei. Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater. Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn.
Liebe Schwestern und Brüder!
Wir haben eben gehört, wie Jesus zum letzten Mal zu seinen Jüngern
spricht und sie das richtige Beten lehren will.
„Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird
er’s euch geben.“
Einige Fischer waren mit ihrem Boot draußen beim Fang. Da kam ein
Sturm auf. Sie fürchteten sich so sehr, dass sie die Ruder wegwarfen
und den Himmel anflehten, sie zu retten. Aber das Boot wurde immer
weiter weg getrieben vom Ufer. Da sagte ein alter Fischer: „Was
haben wir auch die Ruder weggeworfen! Zu Gott beten und zum Ufern
rudern – nur beides zusammen kann uns helfen.“
„Bittet, so werdet ihr bekommen - und eure Freude wird vollkommen
sein! So sagt es Jesus seinen Jüngern. Eine ungeheure Zusage! Trauen
wir es eigentlich Gott wirklich zu, dass er unsere Gebete erhört?
Sicher, wir hätten es gern, dass Gott das dann auch tut, worum wir
ihn bitten - für den Frieden in der Welt, für die Versöhnung
untereinander, für die eigene Gesundheit - aber nehmen wir wirklich,
im übertragenen Sinn, unseren Regenschirm mit? Vertrauen wir so der
Zusage Gottes, dass wir wirklich damit rechnen, Gott kann sie
tatsächlich erfüllen?
Beten, liebe Schwestern und Brüder, ist ganz etwas anders als eine
Verlegenheitslösung, wenn alles andere versagt hat. „Jetzt hilft nur
noch beten“, ist so eine Redensart, die genau das meint: Solange man
selbst noch etwas tun kann, braucht man ja nicht zu beten, erst,
wenn es aus eigener Kraft nicht mehr geht, kann man es ja mal mit
einem Gebet versuchen. So eben nicht. Immer wieder, jeden Tag neu,
brauchen wir das Gebet, die Zuwendung zu Gott, sonst bleibt all
unserer Tun letztlich vergeblich. Beten ist eine Übung. Es kommt
darauf an, vor Gott zu bringen, was uns belastet und bedrückt, aber
eben auch, wofür wir danken können. Aus diesem Dank wächst die
Lebensfreude, die wiederum Berge versetzen und Mauern zum Einstürzen
bringen kann.
Glaubwürdig ist aber das Gebet nur, wenn es Hand in Hand mit dem
Handeln geht. Ich kann etwa nicht gemeinsam mit anderen für den
Frieden beten, selbst aber Vorurteile und Intoleranz schüren, die
dann zu neuen Feindbildern führen müssen. Gerade das Gebet schärft
den Blick dafür, was richtigerweise zu tun ist. Und gerade das Gebet
schenkt den nötigen Mut, auch gegen Anfeindungen konsequent zu dem
zu stehen, was ich im Gebet als richtig erkenne.
Beten und Tun sind wie die zwei Ruder eines Bootes - nur wo sie
beide in der gleichen Weise kräftig benutzt werden, geht die Fahrt
geradeaus auf das angestrebte Ziel zu.
Wie sollen wir beten? Unsere Frage, die Frage der Jünger,
beantwortet Jesus ganz klar: Betet in meinem Namen. Das können wir
uns ganz leicht an einem Beispiel klarmachen. Da sucht jemand in
seiner Geburtsstadt nach vielen, vielen Jahren Spuren von seiner
Jugend, seiner Familie. Längst kennt ihn niemand mehr in der kleinen
Stadt. Er stößt auf Ablehnung und Misstrauen. Doch plötzlich fällt
da ein Name einer Person, die alle gut in Erinnerung haben. Und als
sich der Mann auf diese Person beruft, ist mit einem Schlag alles
Misstrauen, alle Ablehnung, weg.
Genau das ist gemeint, wenn Jesus sagt: beruft euch auf meinen
Namen. In Jesus Christus ist die Trennung von Gott ein für allemal
überwunden. Durch ihn ist alle Fremdheit, auch alle Furcht vor Gott
fort. Dabei will Jesus gleich einem Missverständnis vorbeugen:
Nicht, sagt Jesus, als ob ich zwischen euch Betern und meinem
Himmlischen Vater stehe. Gott selbst ist es, der für euch ein offene
Ohr und ein unendliches Maß an Liebe hat. Ich bin der, der den
Zugang ermöglicht, die Tür öffnet, dass ihr Worte findet und
Vertrauen habt, mit allem, aber auch wirklich mit allem zu Gott zu
kommen.
Und noch mehr: Jesus steht mit seinem Namen dafür, dass unsere Gebet
auch wirklich erhört werden. Nicht alle unsere Gebete werden
erfüllt, erhört werden sie alle. Auch Jesu Gebete zu seinem Vater
wurden nicht alle erfüllt: „Herr, lass diesen Kelch an mir
vorübergehen“ das erbat Jesu vor seinem Tod am Kreuz. Aber Gott
ersparte ihm diesen Weg nicht. Und nicht, weil Gott schwerhörig oder
willkürlich wäre im Hinblick auf die Erhörung, sondern weil es zum
Wohl aller Menschen unbedingt notwendig war, dass Jesus bis zum Ende
sich treu blieb. So ist es auch mit unseren Gebeten: Auch wenn sie
sich nicht immer umgehend erfüllen, so schickt uns Gott doch das,
was für uns das Segensreichste insgesamt ist, auch wenn wir das im
Moment nicht immer begreifen.
„Herr, nicht mein sondern dein Wille geschehe“ - das ist also die
Grundform jeden Gebetes. Widerstehen wir der Versuchung, aus Gott
einen Erfüllungsautomaten unserer eigenen Wünschen zu machen. Wer
wirklich betet, muss lernen, zunächst alles von Gott zu erwarten,
sich nur ihm ausliefern und bereit sein für das, was er von Gott
erbittet.
Beten und Tun gehören zusammen, schließen sich nicht aus. Das eine
ist ohne das andere nicht denkbar. Dazu diese abschließende
Geschichte:
Einmal, am Vorabend des Versöhnungstages, versammelte sich die ganze
Gemeinde des Rabbi Mosche-Lejb im Bethaus. Doch der Rabbi selbst kam
nicht. Er hatte aber ein für allemal befohlen, dass man auf ihn
niemals mit dem Beten warten solle. Darum stimmte man das Gebet ohne
ihn an. Später erschien der Rabbi doch. Die Leute forschten nach,
warum er so spät gekommen war und das so wichtige Gebet versäumt
hatte, und erfuhren folgendes: Als der Rabbi zum Beten ging, hörte
er unterwegs in einem Haus ein Kind weinen. Er ging hinein und sah,
dass die Mutter zum Beten weggegangen war und das Kind allein
gelassen hatte. Der Rabbi hatte Mitleid mit dem Kind und spielte mit
ihm so lange, bis es müde wurde und einschlief. Erst dann ging er
ins Bethaus.
Beten – ein Geschenk, keine Pflicht und vor allem kein Gesetz. Beten
befreit zum Tun und das Tun bekommt seine Kraft aus dem Gebet.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 17.05.09