
Vertrauen wie der Sämann
Predigt am Sonntag Sexagesimä in Bad Lippspringe - 15.2.2009
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
I. Reihe: Lukas 8, 4-8
Da nun viel Volks beieinander war und sie
aus den Städten zu ihm eilten, sprach er durch ein Gleichnis:
Es ging ein Säemann aus, zu säen seinen Samen. Und indem er säte,
fiel etliches an den Weg und ward zertreten und die Vögel unter dem
Himmel fraßen's auf. Und etliches fiel auf den Fels; und da es
aufging, verdorrte es, darum daß es nicht Saft hatte. Und etliches
fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und
erstickten's. Und etliches fiel auf ein gutes Land; und es ging auf
und trug hundertfältige Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren
hat, zu hören, der höre!
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus.
Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
den Predigttext haben wir bereits als Evangeliums-Lesung gehört: Die
Geschichte vom Sämann, der die Saat ausbringt, ¾ davon aufgrund des
widrigen Bodens verloren geht, der Rest jedoch 100fältige Frucht
bringt. Für Jesus ist diese Geschichte ein Gleichnis, mit dem er das
Kommen des Reiches Gottes erklären möchte.
„Dein Reich komme“. Wir beten es in jedem Gottesdienst im
Vaterunser. „Dein Reich komme“. Wir bitten darum, dass Gottes
Herrschaft, die in Jesus Christus begonnen hat, vollendet werden
möge.
Gottes Herrschaft - das ist der Sieg über den Tod. Auch der Sieg
über den „Tod vor dem Tod“: über alles, was das Leben einengt,
beschränkt. Gott hat seine große Friedensherrschaft begonnen, in der
es keinen Hass mehr gibt, keine Gewalt, keine Tränen, keine Angst.
„Dein Reich komme“ - das Besondere, Sensationelle und ganz Aktuelle
an dieser Bitte besteht darin, dass hier nicht auf irgendeine
verschwommene Zukunft vertröst werden soll. Es ist ganz konkret
damit gemeint: In Jesus Christus hat der Friedenskönig bereits seine
Macht angetreten, hat Gott bereits den Sieg über den Tod errungen -
es möge nun ganz vollendet werden, was im Prinzip schon da ist.
Aber wo ist denn das Friedensreich Gottes, das da kommen soll? Wie
kann es stimmen, dass das Böse und der Hass ein für allemal
überwunden sind - wenn wir doch tagtäglich etwas anderes erleben?
Darauf will die Geschichte, das Gleichnis von dem Sämann eine
Antwort geben. Dieser Sämann bringt so, wie es in Israel üblich war,
den Samen auf das ungepflügte Feld aus: auf Wege, auf Felsen, auf
Dornen und auch auf fruchtbaren Boden. Erst danach wird der gesamte
Acker umgepflügt, einschließlich der Wege, der felsigen und der
dornigen Stellen. Der Same, der nicht auf fruchtbaren Boden gefallen
ist, geht nicht auf, verdirbt oder wird von den Vögeln aufgepickt.
Gleichnishaft spricht Jesus hier vom Kommen des Reiches Gottes.
Immer wieder ist flächendeckend von ihm die Rede - aber oft genug
geht nichts davon auf. Und was da an guten Ansätzen Wirklichkeit
werden will, scheitert allzu schnell an der Härte der menschlichen
Herzen; wird von komischen, machtgierigen Vögeln zerstört.
Das Gleichnis vom Säman sagt: Das Reich Gottes kommt nicht ohne die
Erfahrung des Scheiterns und der Ohnmacht. Dem Reich Gottes wird
Widerstand und Einbuße entgegenstehen. Jesus will nicht auf ein
besseres Jenseits vertrösten, sondern nimmt die Verunsicherung, die
Enttäuschung, den Misserfolg, den Zweifel, die Angst ganz ernst.
So können wir uns noch heute in diesem Gleichnis wieder finden.
Aber sehen wir genau hin: Nicht das Scheitern, nicht der Verlust des
Saatgutes ist die zentrale Aussage. Vielmehr versteht sich dieses
Gleichnis - wie übrigens alle Gleichnisse Jesu - vom Ende her: „Und
etliches fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug
hundertfältige Frucht.“ Darum geht es also: Am Ende wird trotz aller
Misserfolge und Enttäuschungen, Rückschlägen und Erfahrungen des
Scheiterns eine solche überwältigende Fülle des Erfolges stehen,
dass niemand mehr an die Verluste denkt. Am Ende steht das
Friedensreich, in dem es wirklich keine Tränen, kein Leid, keine
Ängste, keinen Hass - selbst den Tod - nicht mehr geben wird.
Jesu Gleichnis vom Sämann vergleicht das Kommen dieses
Friedensreiches mit einem Wachstumsprozess: Es ist nicht über Nacht
einfach da, sondern es geschieht, wird langsam Wirklichkeit, es
wächst eben. Wohl ist in Jesu Tod und Auferstehung das Ziel und die
Vollendung von Gottes Herrschaft ein für allemal festgelegt. Aber es
gibt immer Widerstände und Einbußen. Doch die Kraft und die
Zielrichtung des Wachstums vom Pflänzchen „Reich Gottes“ werden
geradezu da spürbar, wo ihm Widerstand entgegengebracht wird. Dafür
gäbe es eine Reihe geschichtliche Beispiele.

Sie kennen das Bild von einem aufkeimenden kleinen Pflänzchen,
das mitten auf einer Straße - oder durch eine Kirchenmauer - wächst.
Sie hat die Steine, die Asphaltdecke, die eigentlich das lebendige
Grün versiegeln sollte, durchbrochen - allein durch die Kraft ihres
Wachstums. Das bloße Vorhandensein eines solchen Pflänzchens scheint
die Naturgesetze und den gesunden Menschenverstand zu stören. Dies
ist ein wunderschönes Bild für die Kraft des Lebens. Diese Kraft des
Lebens ist wie die Kraft des Friedens viel stärker als wir
Entmutigte dies meinen. Das Reich Gottes wächst genauso: mit Macht,
beharrlich, Widerstände überwindend. Es gibt Zeichen, wie Gottes
Herrschaft in der Welt gegen alle Naturgesetze und den so genannten
gesunden Menschenverstand dennoch wächst. Vergessen wir nicht: auch
die Erfahrung von Scheitern und Ohnmacht gehören dazu, wenn es um
Gottes Macht geht. Denn Gottes Macht ist die Macht der Ohnmächtigen,
die konsequente Liebe, die am Ende stärker ist als Hass und Gewalt.
Alle Große beginnt im Kleinen. Jeder große, mächtige Baum war einmal
eine schwache, kleine Pflanze. Auch das ist ein Bild für das Kommen
des Reiches Gottes. Verachtet das Kleine nicht, das Vorläufige, das
Schwache. Gott ist Mensch geworden und dieser Mensch war am Anfang
auch klein, ein Kind, dann ein leidensfähiger und sterblicher
Mensch. Er hat die Pflanze „Reich Gottes“ in unsere Erde gesetzt.
Und er setzt uns damit in die Verantwortung, dieses Pflänzchen zu
hegen und zu pflegen. Gott will keine Mitläufer, er will Nachfolger.
Er will Menschen, die mithelfen, dass dieses kleine Pflänzchen ein
starker Baum wird. Wohl geschieht das Wachstum ganz von allein - das
Reich Gottes kommt auch ohne unser Zutun - aber Gott will, dass wir
mit dabei sind.
Gott lässt uns die Freiheit, der Verheißung seines Friedensreiches
zu trauen oder nicht. Er zwingt niemanden. Gerade deshalb ist das
Wachstum der Pflanze so gefährdet. Gerade in unserer Zeit, da wieder
einmal militärischer Stärke mehr getraut wird als der Bereitschaft
zu Frieden und Versöhnung. Ein für allemal hat Gott darauf
verzichtet, mit einem Gewaltakt die Welt zu befrieden, er hat auf
Gewalt in jeder Form verzichtet, um die Liebe nicht zu verraten.
Dafür steht Jesus Christus, die Mensch gewordene Liebe Gottes. Er
ist es, an dem sich die Geister scheiden. Er ist der Gärtner, der
uns den Wert der Pflanze Reich Gottes erklärt und uns die Augen für
das Wunder des Wachstums öffnet. Ob wir ihm Vertrauen schenken oder
angesichts von Gewalt und Hass in Resignation versinken - diese
Entscheidung müssen wir treffen, die nimmt uns Gott nicht ab.
Wenn wir uns aber leiten lassen von diesem besorgten und
sorgfältigen Gärtner, dann stehen wir letztlich auf der Seite des
Siegers, auch wenn die ganze Welt darüber lachen würde. Wenn wir
diesem gewissenhaften Gärtner trauen, dann werden wir selbst zu
Gärtnern, die gerade jetzt an das Wachsen des Pflänzchens
Friedensreich Gottes glauben und es pflegen. Das Pflegen ist so
wichtig, das Nicht-Aufgeben und Nicht-Nachlassen bei Rückschlägen,
das Sich-Gegenseitig-Ermutigen. Und in dieser Verheißung leben wir:
am Ende wird die Liebe, der Erfolg, der Sieg über Hass und Gewalt so
überwältigend groß sein, dass alle Misserfolge vergessen sind.
Vertrauen wir darauf, wie der Sämann, der voll Freude sein Saatgut
ausbringt, weil er weiß, dass die Kraft dieses Wachstums
hundertfältig größer ist als alles, was sich ihm in Weg stellen
will.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 15.02.09