
Gott ist unsere Mitte
Predigt am Altjahresabend - 31. Dezember 2008
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
Psalm 90:
"Gott, du bist meine Zuflucht, jeden Tag.
Ehe es die Berge gab und das All,
bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Du, der du die Menschen sterben lässt und sprichst: Komm
wieder, Menschenkind.
Denn tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag
und eine Generation wie ein kurzer Augenblick.
Die Menschen sind wie Samen,
die man sät von Jahr zu Jahr,
sind wie die Blumen auf einer großen Wiese;
im Frühjahr wachsen und blühen sie,
im Herbst welken sie und verdorren.
Gott, du hast uns vor dich hingestellt
und durchschaust uns bis in die geheimsten Tiefen.
Du bringst ans Licht, was wir selber nicht ahnten.
Du bringst ans Licht, worüber wir uns freuen.
Und du bringst ans Licht, wofür wir uns schämen.
Alle unsere Tage schaust du an —
und unsere Jahre halten deiner Gerechtigkeit nicht stand.
Unser Leben währt vielleicht siebzig Jahre,
und wenn's hoch kommt, achtzig Jahre.
Wir mühen uns ein Leben lang.
Unsere Zeit rast dahin.
Und was uns glücklich macht,
versuchen wir vergeblich festzuhalten.
Gott, lehre uns bedenken,
dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.
Lehre uns, unsere Tage bewusst zu leben,
damit wir empfänglich werden für deine Gegenwart.
Fülle uns mit deiner Gnade jeden Tag.
Sei uns freundlich, und sei mit uns bei dem, was wir tun"
(Quelle: Fritz Baltruweit / Mechthild Werner: Begleitet durch Jahr und Tag. Gemeinde gestaltet Gottesdienstzeiten. Gütersloh. 2005)
Liebe
Gemeinde,
Julius Caesar, dem berühmten römischen Feldherren und Kaiser haben
wir es zu verdanken, dass wir am ersten Januar eines jeden Jahres
ein neues Jahr begrüßen. Er legte den Jahresbeginn auf dieses Datum,
ungefähr im Jahr 45 vor Christus. Und es war, wie so vieles, eher
Ausdruck von politischer Definitionsmacht, als Ausdruck einer
naturwissenschaftlichen Notwendigkeit und Gott-gegeben schon gar
nicht. (Zumindest aus unserer heutigen Sicht, aus der heraus wir
Caesar keine göttlichen Qualitäten zubilligen, Caesar selbst mag das
anders gesehen haben.)
Und so ist unser Jahresbeginn nur einer in einer Reihe von
Jahresanfängen der unterschiedlichen Kulturen und Religionen, auf
das chinesische Neujahr müssen alle noch bis in den Februar warten,
die jüdischen und muslimischen neuen Jahre haben schon begonnen und
eigentlich haben wir Christinnen und Christen ja auch schon ein
neues Jahr angefangen, mit dem ersten Advent nämlich.
Es scheint uns Menschen wichtig zu sein, ab und an etwas Altes
hinter uns zu lassen und etwas Neues zu beginnen und sei es auch nur
ein Jahr.
Es scheint uns ein Bedürfnis zu sein, ab und an so etwas wie
Inventur zu machen. Da sind dann vielleicht weniger die
Warenbestände zu zählen, als vielmehr eine Bestandsaufnahme: was
mache ich mit meiner Zeit, was ist gelungen und was nicht. Was habe
ich in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten erlebt, erleiden
müssen, was hat mich traurig gemacht, worüber habe ich mich gefreut.
Am Eingang haben Sie mit dem Psalmtext auch eine kleine Scheibe
überreicht bekommen. Herausgeschnitten aus einem Ast. Der einmal
Teil eines ganzen Baumes war.
Eine Astscheibe - Symbol für ein Stück gelebten Lebens. Keine ist
exakt wie die andere, keine perfekt.
Als Herr Haase, der Tischler, sie mir brachte, da hatte ich im
ersten Moment das Bedürfnis, alle Scheiben zu schleifen, alle harten
Kanten und Riefen zu entfernen und alles schön glatt zu polieren,
damit sie sich angenehmer anfassen.
Aber nicht nur im Blick auf die ganze Arbeit fiel mir ein: seit wann
ist Leben und sei es auch nur ein Jahr sofort angenehm und glatt
poliert.
Zunächst ist es doch erst mal kalt und unvertraut.
Ich vermute, jedes Stück Leben hat seine Ecken und Kanten und auch
viele raue Stellen.
Wenn Sie Ihre Astscheibe jetzt schon eine Weile in der Hand haben,
dann ist vielleicht aus dem kalten Stück Holz schon etwas Warmes und
fast vertrautes geworden. Ihre Finger haben die Scheibe vielleicht
unbewusst schon erkundet. Haben die Kanten und rauen Stellen
ertastet.
Täten Sie das tagtäglich, dann wäre irgendwann das Stück Holz durch
Ihr Ertasten und Begreifen poliert, vielleicht nicht unbedingt
sofort für jeden Anderen angenehm zu fassen, aber Ihnen wäre es
vertraut, Sie könnten damit umgehen.
Manchmal, so denke ich, geht es uns mit Brüchen und rauen Stellen in
unserem Leben nicht anders. Nicht immer wird alles gut, aber es wird
vertraut und wir lernen, damit umzugehen.
Wie Ihre Astscheibe genau aussieht – ich kann es Ihnen nicht sagen.
Sie alle sind unterschiedlich, je nachdem an welcher Stelle sie
gewachsen sind. Manche haben tiefe wunden und Verletzungen in der
Rinde, manche sind glatt. Einige sind schief gewachsen, weil sie
sich schwierigen Umständen anpassen mussten, andere Scheiben sind
ganz gerade und auch fast kreisrund, Hinweis auf gute
Wachstumsbedingungen.
Wie Ihr Jahr 2008 aussieht? Wie bei Ihrer Inventur die
Bestandsaufnahme aussieht? Ich kann es Ihnen nicht sagen. Vielleicht
war es ein hartes oder schwieriges Jahr. Vielleicht haben die
glücklichen Momente dieses Jahr für Sie geprägt. Vielleicht
zerdehnte sich die Zeit oder Sie sagen: wirklich schon wieder ein
Jahr?!
Was ich allerdings sagen kann und was mich der genaue Blick auf
diese Astscheibe lehrt:
Keine einzige dieser Scheiben wäre hier ohne den winzigen braunen
Punkt im Zentrum, der sagt: kein einziger Ast wäre gewachsen, hätte
der Baum ihn nicht ausgetrieben.
Niemand von uns wäre hier, ohne Gott, unsere Mitte, unser Zentrum,
der unser Leben gewollt hat und uns unsere Lebenszeit schenkt.
Wie ein Baum seinen Ästen, so lässt Gott uns Leben und Lebenskraft
zuströmen.
Gott ist unsere Mitte, unser Zentrum und er bleibt das auch im neuen
Jahr. Ungeachtet, wie unser nächstes Stück Leben aussehen wird: ob
es sich zunächst kantig und kalt anfühlt, oder schon altvertraut.
Gott ist unsere Mitte, darauf können wir vertrauen, von Jahr zu Jahr
und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 06.01.09