Ich träume eine Kirche
Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias - 10. Januar 2010
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
II.Reihe: Römer 12,1-8
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder!
Der Predigttext steht im Römerbrief im 12.Kapitel:
Brüder und Schwestern!
In der Kraft des barmherzigen Gottes ermahne ich euch: Gebt euer
Leben, euch selbst, als Opfer, mit dem ihr Gott anerkennt.
Weil Gott lebt, gebührt ihm ein lebendiges Opfer, das seid ihr
selbst, und so will es Gott.
Verändert euch, nicht indem ihr euch dieser Welt anpasst, sondern
indem ihr in eurem Inneren anders werdet.
Lernt zu unterscheiden, was Gott will und was nicht.
Im Namen und in der Kraft von Gottes Gnade sage ich zu dem einzelnen
von euch: „Schuster, bleib bei dem Leisten!“ Das heißt: Trage genau
da Verantwortung, wo Gott dich hingestellt hat.
Denn wir sind alle zusammen Glieder des einen Leibes der Kirche,
jedes Glied hat aber eine Funktion. Trotz unserer großen Anzahl sind
wir alle zusammen in dem einen Leib in Christus, aber jeder hat
seine bestimmte Aufgabe.
Bei jedem einzelnen hat ja die Gnade, die ihm geschenkt wurde, eine
jeweils andere Begabung hervorgebracht.
Daher ermahne ich auch jeden anders: Wer prophetisch reden kann, der
soll es so tun, dass die anderen darin ihren Glauben wiedererkennen.
Wer eine Aufgabe im Dienst der Gemeinschaft ausüben kann, soll
wirklich dienen.
Wer lehren kann, soll einfach nur Lehrer sein.
Wer anderen gut zu reden kann, der soll es tun.
Wem das Abgeben leichtfällt, der soll ohne Vorbehalte teilen.
Wer Verantwortung für alle übernimmt, soll sie mit Hingabe tragen.
Wer sich um Notleidende kümmert, soll es mit fröhlichem Gesicht tun.
[Übersetzung Klaus Berger / Christiane Nord, 1999]
Der Herr segne unser Reden und unser Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
Weihnachtszeit, Ferienzeit ist Spielezeit. Wann macht Spielen am
meisten Spaß? Doch wohl nicht mehr, wenn man sowieso verloren hat
und keine Chance mehr besitzt zu gewinnen. Aber wenn man auf der
Siegesstraße ist, wenn man nicht mehr taktieren, kämpfen muss, dann
kann man sich richtig am Spiel freuen. Im Fußball, aber auch sonst
in jedem Mannschaftsport, fallen die schönsten Tore, wenn eine
Mannschaft längst den Sieg eingefahren hat und alle Verkrampfung,
alle Anspannung abgefallen ist.
„In der Kraft des erbarmenden Gottes“ spricht Paulus. In diesen paar
Worten steckt eine ganze Predigt. Denn im Glauben an Christus haben
wir das Beste schon hinter uns: Wir müssen nicht mehr die Erlösung
erkämpfen, sondern haben sie schon längst geschenkt bekommen.
Das kann man vielleicht gut verstehen, jetzt, 2 Wochen nach
Weihnachten zu Beginn des neuen Jahres. Weihnachten heißt ja: Gottes
Sohn ist Mensch geworden, in unsere Welt gekommen, hat uns längst
erlöst. Deshalb erinnere ich gern noch einmal an die
Jahreslosung 2010: Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht.
Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Warum muss unser Herz nicht
erschrecken? Weil Christus uns erlöst hat, frei gemacht von allem
Kämpfen-Müssen!
Das ist der Unterschied zwischen christlichem Glauben und Ethik, die
sich an Idealen, an Werten und Moral orientiert. Als sogenannter
„guter Mensch“ hat man den Richtpunkt immer vor sich: Man will ja
einem bestimmten Ideal näher kommen, aber erreicht es nie ganz.
Manchmal ist man wie ein Verlierer, der noch verzweifelt seine Züge
im Spiel macht, obwohl er gar nicht mehr gewinnen kann.
Christlicher Glaube aber hat – wie gesagt – das, was ihn leitet,
immer hinter sich, in seinem Rücken: Gottes Barmherzigkeit. Gott
nimmt uns an, so wie wir sind. Mit Haut und Haaren, mit Schwächen
und Stärken, mit Unzulänglichkeiten und Fehlern. Perfektion ist
keine Gnadengabe Gottes, die will er gar nicht von uns. Etwas anders
ist viel wichtiger: Barmherzigkeit.
Stoßen wir uns nicht in unserem Predigttext an dem Wort „Opfer“.
Ersetzen wir ihn durch den Begriff: „Zur-Verfügung-Stellen“. Paulus
meint, das ist beste Antwort auf Gottes Barmherzigkeit: „Hier bin
ich, guter Gott, du hast mich mit Haut und Haaren angenommen,
deshalb stelle ich mich dir zur Verfügung: Setz mich dorthin, wo du
mich brauchst!“
Überraschend ist ja, dass Gott viel besser weiß, was unsere guten
Gaben, Fähigkeiten und Talente sind. Gott will Veränderung zum
Guten, sie geschieht von allein da, wo wir Menschen uns auf die
Barmherzigkeit Gottes einlassen. Dietrich Bonhoeffer: „Der Wille
Gottes kann sehr tief verborgen liegen unter sich anbietenden
Möglichkeiten. Weil er auch kein von vornherein festliegendes System
von Regeln ist, sondern in den verschiedenen Lebenslagen ein jeweils
neuer und verschiedener ist, darum muss immer wieder geprüft werden,
was der Wille Gottes sei. Herz, Verstand, Beobachtung, Erfahrung
müssen bei der Prüfung miteinander wirken.“ (Ethik, S. 145).
Gedankenloses Weitermachen mit dem längst Gewohnten – das ist die
falsche Antwort auf Gottes Befähigung zur Barmherzigkeit.
Veränderung um der Veränderung, Anpassung an die Welt und den
Zeitgeist ist genauso unangemessen. Veränderung: ja! Aber: von innen
her. Hört auf das, was Gott will … Gott spricht in eurem Inneren,
dazu muss es stille werden in euch. Ihr müsst horchen lernen auf
das, was schon längst in euch ist, was da schlummert, kleingehalten
wird durch jahrelange Unterdrückung, was herauswill, alle
Ängstlichkeit überwindet. Gott will, dass wir werden, was wir sind.
Gott sagt: Jeder und jede hat Fähigkeiten, die so wertvoll für die
Gemeinschaft sind, dass ihr sie ruhig herauslassen solltet. Das
Wichtigste dafür ist: Gott macht den ersten Schritt. Seine
Barmherzigkeit nimmt uns an, so wie wir sind. Und dann öffnen wir
uns diesem barmherzigen Gott: „Hier bin ich, guter Gott, du hast
mich mit Haut und Haaren angenommen, deshalb stelle ich mich dir zur
Verfügung: Setz mich dorthin, wo du mich brauchst!“
Ja, und dann können wir ganz geduldig und ohne uns mit anderen zu
vergleichen, an die Stelle setzen lassen, die uns und unseren
Fähigkeiten entspricht.
Unsere Gemeinde ist ein Leib, in dem jeder und jede gleich wichtig
ist. Wir Menschen sind es, die wir uns das Leben gegenseitig schwer
machen. Wir meinen, immer beurteilen zu müssen: Das ist besser,
wichtiger oder weniger gut, weniger wichtig. Wir selbst lassen
unsere Begabungen verkümmern, weil wir meinen, sie werden von
anderen weniger anerkannt, anstatt uns mehr an Gottes Verheißung und
nicht an menschlichen Urteilen zu orientieren.
Gemeinschaft, auch christliche Gemeinschaft krankt daran, wenn wir
uns vom Defizit, vom Mangel, her beurteilen lassen.
Etwa: Unsere Gemeinde hat zu wenige Gemeindeglieder. Die Gemeindearbeit ist zu teuer, wir müssen weniger machen. Gesundschrumpfen, Türen schließen, Fähigkeiten und Talente verkümmern lassen oder ausmerzen. Funktionierende Gruppen aufgeben, neue Pflänzchen, die entstehen, zertreten …
Frustrierende Zukunftsaussichten, weil hier nur ein Ideal, eine
Zielvorstellung von Kirche zugrunde gelegt wird, was zwar modern und
konsensorientiert ist, aber nicht den Glauben an den barmherzigen
Gott zur Grundlage hat.
Menschen und menschliche Fähigkeiten lassen sich nicht ein Schema
pressen, so gut dieses Schema auch immer in der Theorie sein mag.
Menschen und menschliche Fähigkeiten, Talente, Gaben, Gnadengaben – sie müssen wachsen! Auf gutem Boden, auf dem Boden der bedingungslosen Zusage Gottes. Wachstumsfördernd ist die Barmherzigkeit Gottes und die daraus folgende Zusage der Menschen: „Hier bin ich. Nimm mich in deinen Dienst!“
Je mehr Menschen es gibt, die sich so angesprochen fühlen, desto
mehr Wachstum gibt es auch. Und unser Herz muss sich nicht
erschrecken, auch, wenn es um die Zukunftsaussichten von Kirche
geht.
Ich träume eine Kirche … in der kein Mensch mehr die Begabungen
anderen niederdrückt, nicht Macht ausüben möchte über andere, nicht
bestimmen möchte und nicht Angst hat, dass andere etwas besser
können als man selbst.
Ich träume eine Kirche … in der jeder und jede am eigenen Platz eine
Fülle von eigenen Talenten entfaltet, nicht um einer Konzeption von
Gemeindeaufbau zu entsprechen, sondern allein aus Freude über die
Barmherzigkeit Gottes.
Ich träume eine Kirche … in der sich jeder am Erfolg des andern
mitfreuen kann, in der man sich gegenseitig ermutigt und nicht
enttäuscht, wo jeder Mensch gleich wichtig ist, und das große Ganze
wichtiger ist als alle eigenen Eitelkeiten und Unvollkommenheiten.
Dank dafür dem barmherzigen Gott, dass sich dieser Traum in der
Vergangenheit immer wieder erfüllt hat. Warum sollte er es nicht
Zukunft nicht auch geschehen lassen? „Euer Herz erschrecke
nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 31.01.10