Israelsonntag
Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis - 8. August 2010
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
II. Reihe: Römer 11, 25-32
„Es gibt Sonntage, auf die man sich mehr freut als Pfarrerin oder
Pfarrer als auf den 10. Sonntag nach Trinitatis. "Israelsonntag" -
wer will dazu schon noch etwas wissen.“ So habe ich es in einer
Vorbereitung auf die Predigt an diesem Sonntag gefunden, liebe
Gemeinde. Und weiter heißt es dort:
„Zu groß ist die Schuld, zu groß ist die Scham derer, die später
davon hörten oder hören und nichts dafür können, was im "Dritten
Reich" und die Jahrhunderte vorher geschah. Sieht man alles
zusammen, ist das Verhältnis der Christen zu den Juden eine Tragödie
größten Ausmaßes. Und das nun an einem Sommer-/Feriensonntag ...“
(Werkstatt für Liturgie und Predigt, Juli/August 2010, S. 231)
Unser Kirchenjahr hält verschiedene Feste für uns bereit, Ostern,
Pfingsten, Erntedank, Weihnachten z.B.. Aber es gibt eben auch die
verschiedensten Gedenktage und da nimmt es mit dem Bekanntheitsgrad
schon rapide ab.
Der 10. Sonntag nach dem Trinitatisfest ist jeweils der
Israelsonntag, zeitlich nah dem 9. Tag des jüdischen Monats Aw, an
dem fromme jüdische Menschen der Zerstörung des Tempels in Jerusalem
gedenken. Zweimal (eigentlich dreimal) wurde dieser Tempel zerstört:
586 vor Christus, und dann endgültig 70 n. Chr..
Das Evangelium des Sonntags, wir haben es eben gehört, reflektiert
die Zerstörung Jerusalems und des Tempels. In der Epistel, zugleich
Predigttext, geht es um eine Verhältnisbestimmung von Christen und
Juden.
Paulus war frommer Jude bevor er die Botschaft Jesu Christi kennen
lernte. Und er schreibt an die junge christliche Gemeinde in Rom,
die sich gerade in einer inneren und äußeren Auseinandersetzung mit
dem Verhältnis von Juden und Christen befindet.
Was nämlich ist das junge Christentum?
Eine Gruppierung des Judentums, weil doch Jesus und fast alle der
Apostel, Lehrerinnen und Lehrer nach ihm Juden waren?
Das hätte den Vorteil, von der römischen Staatsmacht anerkannt zu
sein und als religiöse Gemeinschaft einem gewissen Schutz zu
unterliegen.
Was aber dann mit den Christinnen und Christen, die nicht aus dem
Judentum kamen? Sind die Christen zweiter Klasse? Müssen sie erst
zum Judentum konvertieren?
Oder anders, wenn die christlichen Gemeinden etwas ganz Neues,
Eigenständiges sind – wie dann mit dem Judentum umgehen? Hat Gott
Jesus geschickt, um sich ein neues Volk zu erwählen, etwa, weil er
mit seiner ersten Erwählung unzufrieden war?
In diese Diskussion hinein schreibt Paulus nach Rom und vergessen
wir nicht, er schreibt vor fast 2000 Jahren, unbelastet von unserer
Geschichte der mittelalterlichen Judenpogrome, des gegenseitigen
Misstrauens durch die Jahrhunderte und der furchtbaren Ermordung
jüdischer Menschen im Nazi-Regime.
Paulus schreibt:
Ich möchte, dass ihr die verborgene
Wirklichkeit kennt, Geschwister, damit ihr die Dinge nicht nur nach
euren Maßstäben beurteilt: Über einen Teil Israels erging eine
Verhärtung. Sie wird so lange anhalten, bis die Völker vollzählig
hinzugekommen sind. Auf diese Weise wird ganz Israel gerettet
werden. Im Blick auf die Freudenbotschaft sind sie feindlich gesinnt
– um euretwillen. Im Blick auf die Auserwählung sind sie Geliebte,
auf Grund ihrer Mütter und Väter.
Denn Gott bereut es nicht, in freier Zuwendung Geschenke gemacht und
Menschen gerufen zu haben. Das gilt unwiderruflich. (Bibel in
gerechter Sprache)
Soweit so gut und so wichtig. Sie haben jetzt schöne
Informationen über das Kirchenjahr und einiges an Wissen über den
Römerbrief des Paulus. Aber was fangen Sie nun damit an, wenn der
Gottesdienst zu Ende ist und der Alltag vor der Tür steht?
Ist der Israelsonntag der Gedenktag, der uns auffordert, den
düsteren Antisemitismus unserer Tradition in einen fröhlichen
unreflektierten Philosemitismus umzuwandeln? Philosemitismus ist die
Liebe zu allem semitischen, oder verkürzt zu Israel, egal ob das
biblische Volk Gottes oder der moderne Staat im Nahen Osten gemeint
ist.
Sie erkennen an meinen Worten, dass ich auf Ihr Nein in Gedanken und
ein tieferes Nachdenken hoffe!
Wenn ich das ernst nehme, was Jesus vorgelebt hat, dann ist Gott
nicht Gott, der seine Menschenkinder einteilt in Nationen, Völker,
Rassen oder ethnische Gruppen. Für Gott sind nicht die einen näher
an seinem Herzen als die anderen. Gottes Maßstab ist nicht weiß oder
schwarz, Jude oder Palästinenser, Mann oder Frau, Erwachsen oder
Kind, oder, oder, oder.
Gottes Maßstab ist „Mensch“.
Die Frage, die dann an diesem 10. Sonntag nach Trinitatis zu stellen
ist:
Tragen wir dazu bei, dem Leben zu dienen, unseren Alltag
menschlicher zu machen, in Beziehung zu unseren Mitmenschen, Gottes
Ebenbildern, zu leben.
Mit diesen Fragen ist mir der 10. Sonntag nach Trinitatis ein
wichtiger Gedenktag.
Und Gottes Maßstab ist seine Gerechtigkeit.
Nennen wir Unrecht beim Namen? Wie etwa das Unrecht, das immer noch,
Tag für Tag, im Nahen Osten und besonders in den von der
israelischen Militärverwaltung kontrollierten und besetzten Gebieten
geschieht? Spüren wir das Unrecht noch, das durch die ungerechte
Verteilung von Macht und Ohnmacht, von Arm und Reich weltweit
geschieht?
Aber der oberste Maßstab Gottes ist seine Liebe. Denn Gott bereut es
nicht, in freier Zuwendung Geschenke gemacht und Menschen gerufen zu
haben. Das gilt unwiderruflich. So erinnert uns Paulus. Gott sei
Dank! Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 09.08.10