
Geduld
Predigt am 2. Advent - 6. Dezember 2009 (Jakobus 5, 7 - 8)
Pfarrerín Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
II- Reihe: Jakobus 5, 7 - 8
Die heutige Predigt, liebe Gemeinde, halte ich mir selbst. Denn
über das heutige Thema der Predigt muss ich reden, wie der
sprichwörtliche Blinde über die Farben. Ich habe große Mühe mit dem,
was uns da heute abverlangt, ja eigentlich zugemutet wird.
Im vorgeschlagenen Predigttext aus dem Jakobusbrief heißt es:
So seid nun geduldig, liebe Geschwister, bis
zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare
Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den
Frühregen und Spätregen.
Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des
Herrn ist nahe.
Ich habe Mühe damit, denn ich bin kein geduldiger Mensch. Ich
werde nervös, wenn mir etwas zu lange dauert und das geschieht
einigermaßen schnell. Vielleicht können die Kinder das gut
verstehen, die mussten sich heute auch eine ganze lange Nacht
gedulden, bis sie die Nikolausstiefel entdecken durften heute
morgen.
Ich denke auch nicht, dass Geduld immer und überall gut und
angebracht ist.
Wenn ein Patient auf eine wichtige Operation warten muss –
vielleicht, weil er sich als Kassenpatient hinten anstellen muss –
dann ist nicht die Tugend der Geduld zu preisen, sondern der Skandal
beim Namen zu nennen. Und wenn Menschen getroffene Verabredungen,
Arbeiten, Termine oder was auch immer, nicht einhalten, dann kann
meine Geduld auch schnell Zeichen der Inkonsequenz sein: Wenn ich
nichts mehr sage, um ermüdenden Diskussionen und Streitigkeiten aus
dem Weg zu gehen.
Und doch machen Geduld und Warten auf etwas an vielen Stellen einen
guten Sinn. Advent ist im Dezember, so heißt eine Initiative der
Kirche, die sich dagegen wendet, Lebkuchen und Stollen schon Ende
August zu kaufen und spätestens Mitte Januar mit den Ostereiern
anzufangen.
Als der unbekannte Schriftsteller, der sich Jakobus nannte, seinen
Brief an die christlichen Gemeinden schrieb, gab es noch keine
Adventszeit, noch nicht einmal ein Christfest. Die Leute damals,
etwa im Jahr 100 nach Christi Geburt, waren der Überzeugung, Jesus
Christus würde bald kommen, um zu richten die Lebenden und die
Toten. Die Christinnen und Christen in den ersten Gemeinden
erwarteten die Wiederkunft Christi noch zu ihren Lebzeiten. Als der
Jakobusbrief entstand, war allerdings schon die nächste Generation
herangewachsen. Manche fragten sich womöglich auch, ob sich der Herr
überhaupt noch einmal zeigen würde zu ihren Lebzeiten. Deshalb
schreibt Jakobus das ganz eindringlich: Seid geduldig, wartet, der
Herr kommt bald!
Versucht nichts zu beschleunigen, auch dieser Gedanke steckt
dahinter. Niemand kann etwas tun, damit der Messias wiederkommt.
Das Beispiel des Bauern stellt es deutlich vor Augen: der sät und
wartet geduldig die Zeit ab, die die Saat braucht um zu wachsen und
zu reifen. Einleuchtend!
Sie als junge Familie erwarten sicher nicht, dass Ihre Kinder über
Nacht erwachsen sind. Heute geboren, morgen aus dem Haus. Kinder
groß ziehen, das ist nicht wörtlich zu machen, niemand kann an
Kindern ziehen. Es ist eben das zu tun, was „an der Zeit ist“.
Die ganz kleinen auf den Armen tragen, die etwas Größeren bei der
Hand nehmen und die noch größeren loslassen und ihnen eigene Wege
zutrauen.
Tun, was an der Zeit ist, ich denke, dass ist die Qualität, die
Geduld in sich trägt. Geduld heißt ja nicht, passiv sein, nichts
tun, Zeit vertun.
Wir warten geduldig auf ein Ziel hin: Gottes Kommen in diese Welt,
in jedem Jahr im Advent, aber eben auch auf sein großes Kommen am
Ende der Zeit.
Am Ende der Zeit wird Gott selber die Gerechtigkeit herstellen, die
in dieser Welt immer wieder verletzt wird. Am Ende wird nichts egal
sein. am Ende wird nichts vergessen sein. Am Ende der Zeit wird die
Heilung stehen - die Heilung dieser geschundenen Welt und auch
unsere Heilung - im Licht Gottes. Wie Gott das machen wird? Ich weiß
es nicht. Ich brauche es auch nicht zu wissen. Es reicht, dass ich
und dass wir die adventliche Hoffnung bewahren: heute und morgen und
bis zum letzten Atemzug meines Lebens. Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 26.01.10