Das Leben haben
Predigt am 2. Sonntag nach dem Christfest - 3. Januar 2010 (1.Joh 5,11-13)
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
II. Reihe: 1.Joh 5,11-13
Und schon wieder ein neues Jahr, liebe Gemeinde.
Und obwohl natürlich der Zeitpunkt unseres Neujahres recht
willkürlich festgesetzt ist und obwohl auch alle Jahreszahlen
ebensolcher Willkür unterliegen, wir lassen uns davon beeinflussen.
Leben ist Zeit. Leben wird häufig in Zeit gemessen. In jedem
Haushalt, so ermittelte eine Umfrage in Deutschland, gibt es
durchschnittlich zwölf Uhren. Zwölf Uhren, das sind drei bis vier in
jedem bewohnten Zimmer. Viele Uhren, viel gemessene Zeit. Und das
ist das Leben?
Zeit ist die Quantität des Lebens, aber ist sie auch die Qualität?
Unser heutiger Predigttext hat einen anderen Ansatz. Auch dem
Schreiber des 1. Johannesbriefes geht es um Zeit und um Leben. In
einer Zeit, in der in der jungen Kirche der Streit um die rechte
Lehre und den wahren Glauben in vollem Gange war, will er seinen
LeserInnen versichern: der Schlüssel zum Leben ist euer Glaube an
Jesus, den Mensch gewordenen Gott. Er schreibt:
„Und das ist das Zeugnis, daß uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wißt, daß ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.“ (1.Joh 5,11-13)
Wer den Sohn hat, der hat das Leben.
Hier ist eine Qualität benannt. Leben ist immer beides: eine Form
und ein Inhalt. Eine Oberfläche und eine Tiefe. Eine Quantität und
eine Qualität. Das eine besteht nicht ohne das andere. Das wissen
wir eigentlich oder ahnen es doch in der besonderen Zeit "zwischen
den Jahren" - in einer Art still stehender Zeit. Wer diese Tage
einmal nicht voll gepackt hat mit Beschäftigung und vielleicht sogar
voller Muße herumsitzt oder liegt, bewegt sich dabei gelegentlich
auch in die Tiefen des Lebens, wenigstens fragend: Was ist die
Qualität in der Quantität? Was sind die Inhalte in all meinem Tun?
Wer den Sohn hat, der hat das Leben.
Wir hören diesen Satz wahrscheinlich mit völlig anderen Ohren als
die Adressatinnen und Adressaten des Johannesbriefes damals.
Offensichtlich war in der Gemeinde, an die der Brief gerichtet ist,
im Blick auf ein Konflikt ausgebrochen. Wer ist dieser Jesus? Es gab
Stimmen, die bestreiten, dass Jesus mehr ist als ein gottgesandter
Prophet, der seine Anhänger zum rechten Handeln ruft.
Natürlich war es einfacher, sich mit Jesus als ethischem Vorbild zu
arrangieren. Gerade in einer Umwelt, die durch Judentum oder
Hellenismus geprägt war. Ein besonderer Lehrer, der die Menschen zu
einem guten und verantwortungsvollen Leben aufruft, das ist
zumutbar, auch ausserhalb der christlichen Gemeinde, damit wird der
neue Glaube gesellschaftsfähig. Aber es für möglich zu halten, dass
Gott selbst in seinem Sohn in den Lauf der Geschichte eingegangen
ist - dazu braucht es wirklich Glauben, damals genauso wie heute.
Vielleicht können wir mit der noch frischen Erfahrung des
zurückliegenden Weihnachtsfestes die Versuchung der Gemeinde sogar
nachvollziehen. Viele Christen fühlen sich von dem Kind in der
Krippe jedes Jahr in ganz besonderer Weise angerührt. Die
Verletzlichkeit des neugeborenen Jesus weist uns auf seine
menschliche Seite hin. Dass er auch als Richter und Retter zu uns
kommt, gerät dann manchmal aus dem Blick. Die Geschichte von dem
Baby im Stall von Bethlehem weist weit über sich selbst hinaus. Im
Kind in der Krippe fängt Gott eine neue Geschichte mit uns Menschen
an - hier braucht es unseren Glauben, um nicht das Kind in seiner
Krippenidylle liegen zu lassen.
Aber was heißt das eigentlich, wenn der Schreiber des 1.
Johannesbriefes davon spricht, dass derjenige, der diesem Glauben
anhängt, das Leben hat?
Leben haben? Wir alle wissen, dass wir zwar unser Leben
haben, und doch bleibt es letztlich unverfügbar. Es ist gefährdet,
unsicher, verletzlich.
Wer den Sohn hat, der hat das Leben.
Hier ist mehr gemeint als glückliches, zufriedenes, eben einfach
gelingendes Leben vor dem Tod. Das wäre zwar auch schon etwas, aber
wenn der Autor des 1. Johannesbriefes den Begriff "Leben" definiert,
hat er auch das ewige Leben im Blick.
Aber Achtung: Der 1. Johannesbrief sagt nicht: Glaubt hier in dieser
Zeit und Welt nur fest, dann werdet ihr in der kommenden Welt leben.
Leben wird nicht in Aussicht gestellt - die Glaubenden haben dieses
neue, andere Leben schon jetzt.
Wer im Kind in der Krippe den Christus, den Retter der Welt sieht,
hat Anteil am ewigen Leben, am Leben über den Tod hinaus, an
unzerstörbarer Gemeinschaft mit Gott.
Weihnachten will uns eine Vergewisserung sein. An dieser Stelle
dürfen wir unseren Glauben, dass das Kind in der Krippe weit über
sich hinaus weist und Heil schaffende Zukunft Gottes in unsere
Gegenwart trägt, einüben. Weihnachten öffnet uns ein Fenster und
lässt uns einen Blick erhaschen auf Gottes liebende Gegenwart, die
von Gottes Seite aus durch nichts zu erschüttern ist - nicht einmal
durch den Tod.
Und wenn wir darum wissen, kann sich das für die Zukunft erwartete
Leben auswirken in der aktuellen Gegenwart. Wenn ich glaube, dass
ich Anteil an der Gemeinschaft mit Gott habe, sogar über den Tod
hinaus, hat dieses auch Einfluss darauf wie ich heute lebe, denke,
fühle, hoffe, handele.
Amen.
(In Teilen nach einer Predigtidee von Nikola
Lenke, veröffentlicht bei: Bergmoser und Höller )
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 24.01.10