
Lichtscheue Gesellen
Predigt am 3. Advent - 13. Dezember 2009 (1.Korinther 4, 1-5)
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
II.Reihe: 1.Korinther 4, 1-5
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
der Predigttext steht im 1.Korinther-Brief im 4. Kapitel. Der
Apostel Paulus schreibt:
„Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden. Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet. Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und er wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wir einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.“
Segne dein Wort an uns allen. Dein Wort ist die Wahrheit. Amen.
„Lichtscheue Gesellen“, Sie wissen alle, liebe Schwestern und
Brüder, was darunter zu verstehen ist. „Lichtscheue Gesellen“ sind
solche, die etwas zu verbergen haben, die nicht wollen, dass etwas
davon ans Licht kommt, was sie in ein schlechtes Licht setzen
könnte.
„Lichtscheue Gesellen“, liebe Schwestern und Brüder, sind in
gewisser Weise wir alle. Oder haben wir kein Problem damit, wenn
unsere Schattenseiten, unsere Versäumnisse, unser Versagen – auch
unsere Feigheit, unser Egoismus, unsere Bequemlichkeit ans
Tageslicht kämen?
Fragen Sie sich doch einmal, wie es Ihnen geht, wenn Ihre
Schulzeugnisse, Ihre Arbeitsbeurteilungen hier öffentlich vorgelesen
würden – oder vielleicht nur ein bisschen von dem bekannt würde, was
Sie hinter verschlossenen Türen von Ihren Familienangehörigen, Ihrer
Lebenspartnerin, Ihrem Lebenspartner vorgeworfen bekommen haben –
vielleicht sogar zurecht vorgeworfen bekommen haben.
„Lichtscheue Gesellen“ – das ist doch verständlich, dass wir in der
Öffentlichkeit Masken tragen, dass wir strategisch denken: Wir
erreiche ich ein Höchstmaß an Ansehen bei meinen Mitmenschen? Das
lernen heute schon die Kinder in der Schule: Wie verkaufe ich mich
am besten? Wie beeindrucke ich die Lehrerinnen und Lehrer am
meisten? - Ganz gewiss nicht durch Schwäche und Unsicherheit,
sondern durch ein scheinbar immer vorhandenes starkes
Selbstbewusstsein.
Es ist erst ein paar Wochen her, liebe Schwestern und Brüder, da
ging durch die Presse und durch die Herzen der Menschen, dass der
Fußballnationaltorhüter Robert Enke freiwillig seinem Leben ein Ende
gemacht hat. Er litt an Depressionen – und hatte sich kaum einem
Menschen, auf keinen Fall der Öffentlichkeit offenbaren können, weil
er dann von allen verlacht worden wäre. „Wir müssen etwas
Grundsätzlich ändern“ hieß es damals bei allen Verantwortlichen.
„Der Fußball ist nicht mehr, was er war! Nicht nur die Sieger dürfen
zählen, es muss auch Platz sein für die Verlierer.“
Heute spricht davon niemand mehr. Heute sind diese Worte längst
vergessen. Heute zählen wieder nur noch Strategie, Stärke,
Siegermentalität. Von den Verlierern spricht niemand, darüber machen
wir uns lustig. So schnell geht das. Wie in der Politik: „Wachstum
um jeden Preis führt zur Gier, wie müssen umdenken, wir müssen
menschlicher werden, auch in der Wirtschaft.“ Geschehen ist gar
nichts. Weihnachten ist wieder einmal ein unglaubliches Geschäft und
unverhohlen wird uns Verbrauchern eingebläut, dass nur wer
konsumiert – und das weit über die eigenen Grenzen hinaus - wirklich
ein liebevoller Mensch sei. Das neue Auto von einem französischen
Hersteller – es kostet ja gar nichts. Die neue Küche von einem
schwedischen Möbelhaus: die ist doch umsonst.
Wer traut sich da in der Öffentlichkeit zu sagen: „Mir ist das zu
teuer. Ich habe kein Geld.“ Wer kann wirklich zu seinen Schwächen
stehen, dass die Kräfte nicht mehr so da sind wie in jungen Jahren.
Dass man oft traurig ist und enttäuscht, mutlos und einfach
unattraktiv. Es ist doch längst wieder so, dass die Welt nur den
Erfolgreichen, den Starken, den Siegern gehört. Den Siegern und den
Siegerinnen.
Paulus spricht hier mitten hinein: „Mich lässt das völlig kalt, wie
mich die anderen beurteilen. Gerede, öffentliches Zu-Schau-Stellen
interessieren mich nicht. Ja, selbst mein eigenes Urteil über mich
ist ganz nebensächlich.“
Man könnte meinen, dass sei eine arrogante Einstellung. Wenn sie uns
heute von Menschen begegnet, dann wirkt das wie ein Verstecken
hinter selbstgerechten Floskeln.
Gott sei Dank kennen wir diesen Paulus näher. Der war nicht
selbstgerecht. Der hat sich durchaus kritisieren lassen und auf
Vorwürfe reagiert. Dem lagen andere Menschen sehr am Herzen. Der war
auch ehrgeizig und wollte viel leisten, und es ärgerte ihn, wenn
etwas nicht klappte.
Aber er hat sich nie als erfolgreicher Macher begriffen, sondern
immer als Werkzeug. Er hat sich selbst nicht so wichtig genommen.
Wichtiger war ihm, dass die Sache Jesu Christi, die frohe Botschaft,
die Menschen erreichte. Er hat das Scheitern am eigenen Leib erlebt.
Kannte Gefängnisse, Fehlschläge, Selbstzweifel bis hin zu
abgrundtiefer Traurigkeit. Wir wissen das, weil er offen davon
geschrieben hat.
Denn Paulus musste seine Schattenseiten nicht verstecken. Er stand
zu seinen Fehlern. Er hatte die Kraft, mit allem Scheitern fertig zu
werden, weil er eben sich selbst und das Urteil der anderen nicht so
ernst nahm.
Ernst nahm er nur das Urteil Gottes. Im Licht Gottes gut dazustehen,
das war ihm wichtig. Und er wusste auch, dass niemand, auch der
Frömmste und Klügste nicht aus eigenen Kraft in diesem Licht Gottes
glänzen kann. Dieses Licht kann einem nur geschenkt werden.
Aber dieses Licht wird einem ja geschenkt! Das Licht, auf das wir in
dieser Adventszeit warten, es ist das Licht vom Kind in der Krippe.
Es ist das Licht für uns „lichtscheue Gesellen“, die ihr Licht so
oft unter den Scheffel stellen, weil wir meinen, es sei nicht gut
genug.
Gott sagt: Es ist gut genug! So wie du bist, bist du gut genug. Es
ist doch völlig egal, was die Menschen oder du selbst von dir
hältst. Ich nehme dich an, so wie du bist! Mit all deinen Schwächen,
mit all deiner Fragwürdigkeit, mit all deinen Dunkelheiten – zu dir
komme ich!
Oft reicht uns das nicht. Wir möchten auch vor den Menschen glänzen.
Wir möchten hier Erfolge sehen und leiten davon unser
Selbstwertgefühl ab. Wie schade. Wir machen uns damit nur das Leben
schwer. Völlig unnötigerweise. Damit müssen wir aufhören, mit diesem
falschen Denken. Gott liebt die Schwachen, die Traurigen, die
Verlassen, die mit dünner Haut, die lichtscheuen Gesellen, die
Unfertigen, die Unzureichenden, die Unfertigen.
Advent und Weihnachten sind Geschichtenzeiten. Die abschließende Geschichte ist einigen nicht neu. Aber sie ist von anderen aufgegriffen und weitergetragen worden. Vielleicht weil ihre Aussage gerade im Jahr 2009 hier bei uns etwas Wesentliches berührt:
Vertut euch nicht – das Kind in der Krippe ist gekommen, um das Dunkle aufzudecken und nicht die selbsternannten großen Leuchten zu bestärken.
„Zwiegespräch an der Krippe“
Ein kleiner Junge ist stolz darauf, einen Großvater zu haben,
der Figuren schnitzen kann. Es ist schon faszinierend zuzusehen, wie
langsam aus einem Stück Holz „lebendige“ Gestalten entstehen. Der
Junge vertieft sich so in die geschnitzten Krippenfiguren, dass sich
seine Gedanken mit der Welt der Figuren vermischen: Er geht mit den
Hirten und Königen in den Stall und steht plötzlich vor dem Kind an
der Krippe.
Da bemerkt er: Seine Hände sind leer! Alle haben etwas mitgebracht,
nur er nicht. Aufgeregt sagt er schnell: „Ich verspreche dir das
Schönste, was ich habe! Ich schenke dir mein neues Fahrrad – nein,
meine elektrische Eisenbahn.“
Das Kind in der Krippe schüttelt lächelnd den Kopf und sagt: „Ich
möchte aber gar nicht deine elektrische Eisenbahn. Schenke mir
deinen – letzten Aufsatz!.“
„Meinen letzten Aufsatz?“ stammelte der Junge ganz erschrocken,
„aber da steht doch..., da steht ,ungenügend‘ drunter!“
„Genau deshalb will ich ihn haben“, antwortete das Jesuskind. „Du
sollst mir immer das geben, was ,nicht genügend‘ ist. Dafür bin ich
in die Welt gekommen!“
„Und dann möchte ich noch etwas von dir“, fährt das Kind in der
Krippe fort, „ich möchte deinen Milchbecher!“ Jetzt wird der kleine
Junge traurig: „Meinen Milchbecher? – Aber der ist doch zerbrochen!“
„Eben deshalb will ich ihn haben“, sagt das Jesuskind, „du kannst
mir alles bringen, was in deinem Leben zerbricht. Ich will es heil
machen!“
„Und noch ein Drittes möchte ich von dir“, hört der kleine Junge
wieder die Stimme des Kindes in der Krippe, „ich möchte von dir noch
die Antwort haben, die du deiner Mutter gegeben hast, als sie dich
fragte, warum denn der Milchbecher zerbrechen konnte.“ Da weinte der
Junge. Schluchzend gesteht er: “Aber da habe ich doch gelogen. Ich
habe der Mutter gesagt, dass mir der Milchbecher ohne Absicht
hingefallen ist. Aber in Wirklichkeit habe ich ihn ja vor Wut auf
die Erde geworfen.“
„Deshalb möchte ich die Antwort haben,“ sagt das Jesuskind bestimmt,
„bring mir immer alles, was in deinem Leben böse ist, verlogen,
trotzig und gemein. Dafür bin ich in die Welt gekommen, um dir zu
verzeihen, um dich an die Hand zu nehmen und dir den Weg zu
zeigen...“Und das Jesuskind lächelte den Jungen wieder an. Und der
schaut und hört und staunt...
(Nach einer Kurzgeschichte von Walter Baudet)
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 26.01.10