Mit Augen der Liebe und Barmherzigkeit
Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis - 27. Juni 2010
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
II. Reihe: Römer 14, 10-13
Du, warum urteilst du über deine Schwester?
Oder du – warum verachtest du deinen Bruder? Wir alle werden einmal
vor den Gerichtssitz Gottes treten müssen. Denn es ist geschrieben:
So
wahr ich lebe, spricht die Lebendige: Jedes Knie wird sich vor mir
beugen
und jede Zunge wird Gott preisen.
Also wird jede und jeder von uns Rechenschaft über das eigene Leben
vor
Gott ablegen müssen. Wir sollten damit aufhören, uns gegenseitig zu
verurteilen.
Nehmt euch vielmehr vor, euch dem Bruder nicht in den Weg zu
legen, die Schwester nicht zu Fall zu bringen.
(Brief an die Gemeinde in Rom 14, 10-13. Übersetzung Bibel in
gerechter Sprache)
Was interessieren uns eigentlich die Probleme der Römer, liebe
Gemeinde? Und noch schlimmer, was interessieren uns die Probleme,
die die Römer vor 2000 Jahren hatten?
Wahrscheinlich nicht sehr viel, werden Sie antworten. Zu Recht?
Ein Blick in das Fernsehprogramm einer beliebigen Woche lässt
anderes erahnen:
• Richter Hold
• Richterin Salesch
• Das Kochduell
• Big Brother
• Germanys Next Topmodel
• Deutschland sucht den Superstar
• Das XXL-Talent
Das nur die bekanntesten Sendungen. Und meist geht es darum, dass
Menschen beurteilt werden. Von einer Moderationsstimme, die durch
vermeintlich humorvolle Kommentare jede kleinste Schwäche ins
Scheinwerferlicht zerrt. Durch eine Jury, die dann lobt oder tadelt,
offensichtlich doch fachkundig, oder durch einen selbsternannten
Titanen, der beleidigt und bloßstellt, um bejubelt zu werden.
Und dann natürlich kann auch ich als Zuschauerin mein Urteil abgeben
und je nach Sympathie oder Abneigung für eine Kandidatin oder einen
Kandidaten anrufen. Mein Urteil, so wird mir erzählt, macht Menschen
zu Stars oder zu Verlierern.
Natürlich zwingt mich niemand, all diese Fernsehsendungen
anzuschauen.
Aber wenn ich das alles als symptomatisch für unseren Alltag, unser
Leben, unsere Zeit nehme, - und ist das so abwegig? - dann müssten
uns die Probleme der Römer von vor 2000 Jahren brennend
interessieren, denn die waren nicht so anders als unsere heutigen.
Paulus, Apostel und Missionsreisender, schreibt an eben diese
Menschen in Rom vor fast 2000 Jahren:
Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest
du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes
gestellt werden.
Anscheinend hatten wohl auch die Römer große Lust am Urteilen. Am be-
und am ver-urteilen.
In der jungen christlichen Gemeinde in Rom herrscht Streit. Man ist
gerade dabei, sich gegenseitig den Glauben abzusprechen. Sie sind
alle ja nicht in diesen Glauben hineingeboren, sondern sie kommen
aus anderen Traditionen und Richtungen, hatten vorher ein anderes
Denken, eine andere Weltsicht. Und das nicht einheitlich, sondern es
ist auch in der christlichen Gemeinde die ganze Vielfalt der
Weltmetropole Rom vertreten. Und während die einen nun vorsichtig
überlegen, wie man als Christin, als Christ im Gegensatz zu früher
lebt, leben die anderen die Freiheit des Glaubens aus.
Und es gibt verschiedene Punkte, an denen es immer wieder zum Streit
kommt. Darf man das Fleisch essen, das als Opferfleisch für einen
Götzen geschlachtet wurde und nun auf dem Markt zum Verkauf
ausliegt?
Darf man aus Gewohnheit und um der gesellschaftlichen Konventionen
willen die alten Feiertage mitmachen, oder heißt das schon, fremden
Göttern zu huldigen?
So sprach man sich gegenseitig den richtigen Glauben ab und hatte
den schönsten Streit.
Paulus versucht mit seinem Brief an die Gemeinde in Rom, diesen
Streit zu schlichten. Allerdings kommt mir das zunächst einmal recht
phantasielos vor.
Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest
du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes
gestellt werden.
Für mich hört es sich zunächst einmal so an wie das: „Der liebe Gott
sieht alles“, was Eltern früher ihren Kindern mitgegeben haben.
„Der liebe Gott sieht alles“ – ein Satz der Erwachsenen, um Kinder
auch noch außerhalb ihres Einflussbereichs unter Kontrolle zu
halten.
Der liebe Gott sieht alles. Werde ich dauernd beobachtet und
abgehört, alles damit es mir irgendwann am jüngsten Tag, im Gericht
präsentiert und vorgehalten werden kann?
Sollen die Römer jetzt aus purer Angst vor dem Richterstuhl Gottes
immer nett zueinander sein?
Oder tun sie, und wir mit ihnen, die Auffassung vom gestrengen
richtenden Gott als antiquierte, verstaubte Vorstellung aus
Kindertagen ab?
In Rom ist man dabei, sich gegenseitig den Glauben streitig zu
machen. Der andere ist im Blick – als Gegner. Er macht es falsch,
ich zeige ihm, wie es richtig ist. Ich nehme ihm das ab.
Du, warum urteilst du über deine Schwester?
Oder du – warum verachtest du deinen Bruder? Wir alle werden einmal
vor den Gerichtssitz Gottes treten müssen. Denn es ist geschrieben:
So wahr ich lebe, spricht Gott: Jedes Knie wird sich vor mir beugen
und jede Zunge wird Gott preisen.
Also wird jede und jeder von uns Rechenschaft über das eigene Leben
vor Gott ablegen müssen. Wir sollten damit aufhören, uns gegenseitig
zu verurteilen.
Nehmt euch vielmehr vor, euch dem Bruder nicht in den Weg zu
legen, die Schwester nicht zu Fall zu bringen.
Jede/r von uns wird für sich selbst Rechenschaft ablegen müssen, ich
kann es niemandem abnehmen. Ich kann mitgehen, stützen, begleiten,
aber das Leben gestaltet jede/r in je eigener Verantwortung. Jede/r
von uns für sich.
Das öffnet meinen Blick. Ich kann den Menschen mir gegenüber oder
neben mir als eigenen Menschen (an-)erkennen. Nicht ich bin Maßstab
für sein Leben und er nicht für meins.
Wir alle werden einmal vor den Gerichtssitz Gottes treten und
Rechenschaft ablegen müssen.
Ja – und das ist erschreckend und auch beängstigend, weil ich mich
dann sehen muss, wie ich von Gott erkannt bin. Mit all den Seiten,
die ich am liebsten verstecke, selbst vor mir selbst.
Wir alle werden einmal vor den Gerichtssitz Gottes treten und
Rechenschaft ablegen müssen.
Ja – und das ist hoffnungsvoll und ermutigend. Denn Gott beachtet
das Kleine und Unscheinbare. Die Anfänge und die Versuche. Gott
schaut mit Augen der Liebe und Barmherzigkeit auf uns. Deshalb
können auch wir mit freundlichen Augen auf unseren Nächsten schauen.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 29.06.10