Man
Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis - 4. Juli 2010
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
II. Reihe: 1.Korinther 1,18-25
Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden ist's eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben: "Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen." Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht? Denn dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben. Sintemal die Juden Zeichen fordern und die Griechen nach Weisheit fragen, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christum, göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind; und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind. (Lutherbibel 1912)
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.
„.. denn die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit... Wir predigen aber Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“
Wir, liebe Schwestern und Brüder, wissen doch eigentlich immer,
was „man“ tut. Wir wissen, was sich gehört und was nicht.
Wir kennen die Grenzen und regen uns über andere auf, die solche
Grenzen ständig überschreiten. Wir stimmen nur allzu gern ein in den
Chor derer, die es immer schon gewusst haben. „Man“ hält
sich besser fern von dem Unbekannten. „Man“ vertraut lieber
dem, was man zu kennen glaubt. „Man“ ist fleißig
und strebsam und liegt nicht auf der faulen Haut. „Man“ hat
anständige Freunde und trägt anständige Kleidung. Und wehe, da fällt
jemand aus dem Rahmen. Da ist einer anders oder handelt anders als
wir das kennen. Wie schnell zeigen wir mit Fingern auf ihn - auch,
und manchmal gerade, als Christen.
„Wenn man fleißig und ordentlich arbeitet sowie gesund und
anständig lebt, dann hat Gott einen lieb und belohnt einen auch.“ So
übertragen wir unsere Vorstellungen von menschlicher Gerechtigkeit
auf Gott. Und erleiden damit Schiffbruch. Die Lebenserfahrung ist
nämlich eine ganz andere. Da lebt einer, so wie „man“
anständig lebt - und wird ohne Sinn schwer krank. Da lebt einer ohne
Gott - und ohne schlechtes Gewissen - herrlich und in Freuden: und
bleibt gesund. Neid kommt auf. „Das darf Gott doch nicht zulassen!“
Und es fällt so schwer, dies anzunehmen: Gott belohnt uns nicht nach
unseren Taten, sondern er schenkt uns einfach seine Gnade. Ohne
Vorbedingungen. Allein aus Liebe.
Gott durchkreuzt das Denken das „man“ gewohnt ist. Wer
krank ist, hat nicht unbedingt vorher gesündigt; wer gesund ist, war
nicht immer ein Muster an Tugend. Gott mutet uns zu, dass wir
geradezu enttäuscht werden von ihm.
Auf die Spitze treibt er es bei seinem Sohn Jesus Christus. Anstatt
den für alle seine guten Taten zu belohnen, lässt er zu, dass er ans
Kreuz geschlagen wird. Warum tut Gott dies? Warum lässt er ihn,
warum lässt er uns so oft im Stich? „Mein Gott, mein Gott, warum
hast du mich verlassen?“ Ein ohnmächtiger Gott - eine einzige
Enttäuschung! Kein Zeichen geschieht, keine Verurteilung des Bösen.
Wie dumm! Das Kreuz - eine einzige Torheit, Dummheit. Für einen
ohnmächtigen Gott gibt es in unserer Welt keinen Platz.
Und doch, liebe Schwestern und Brüder, versuchen wir doch einen
Moment diesen Gedanken auszuhalten. Dass Gott ohnmächtig ist. Dass
er nicht um jeden Preis siegen muss. Dass er nicht den allgemeinen
Moralvorstellungen entspricht. Dass er nicht die Guten belohnt und
die Bösen verwirft. Dass er sich überhaupt nicht daran hält, was
man tut und was man lässt. Dass er einfach nur
mitleidet, sich mitfreut, mitfeiert, mitweint, mitlacht, mitlebt.
Dass er für die Fleißigen und Tugendsamen nur ein mildes Lächeln
übrighat: Ach, was müht ihr euch so ab mit Sachen, die doch gar
nicht so wichtig sind. Lebt doch lieber mit all euren Gaben, die
euch Gott geschenkt hat!
Dass er die Ungläubigen nicht aburteilt, sondern ihnen nachgeht,
dass er sie gar nicht bestrafen will, wie man das doch tun
müsste, sondern, dass er die gleiche Stufe stellt wie die
sogenannten anständigen Menschen.
Gott hätte etwas Amoralisches, merken wir dies? Gott ist die Liebe,
sein Kreuz durchkreuzt unsere Vorstellungen von Moral. Was anständig
ist, zeigt sich nicht daran, wie sehr man sich an überkommene
Moralvorstellungen hält. Sondern wie sehr man in den gekreuzigten,
gescheiterten Christus den ohnmächtigen Gott erkennt.
Niemand kann sich Gottes Gnade verdienen. Auch wenn wir alle so als
Kinder erzogen wurden: „Verhältst Du dich wohlgefällig, habe ich
Dich lieb. Wenn nicht - wirst Du verstoßen!“ So ist Gott nicht.
Unser Verhalten bestimmt eben nicht seine Liebe. Auch wenn unsere
Moralvorstellungen uns dies immer wieder einreden wollen. Gott
handelt allein aus Gnade. Er hält uns seine ausgestreckte, liebende
Hand hin - wir müssen sie nur ergreifen. Erst da, wo wir radikal
brechen mit unseren Moralvorstellungen, da wird die Weite von Gottes
Liebe sichtbar.
Jesus hat vieles getan, was „man“ nicht tut. Er hat sich
mit den Mächtigen seiner Zeit angelegt. Er hat die frommen Pharisäer
und Schriftgelehrten angegriffen und wüst beschimpft. Er hat ehrbare
Händler aus dem Tempelvorhof vertrieben. Er hat mit Zöllner,
Sündern, Verbrechern, zwielichtigen Gestalten gesprochen, gefeiert,
gebetet. Man möchte dies vielleicht alles ein bisschen
relativieren, so in dem Sinn, ganz so drastisch war das nicht.
Man möchte damit auch seinen Tod am Kreuz ein bisschen
relativieren. Ganz so der Bruch mit der Vorstellung, ein anständiger
Mensch kann sich auch selbst erlösen, sei es dann doch nicht
gewesen. Aber wie sagt Paulus: „Entweder wir predigen den
gekreuzigten Christus oder wir predigen gar nicht.“
Wenn wir wirklich den Menschen helfen wollen, dann dürfen wir sie
nicht auf einen „lieben“ Gott vertrösten, der den „Anständigen“
schon irgendwie hilft und die Bösen bestraft. Wenn wir wirklich
Menschen in Not helfen wollen, dann sollen wir ihnen sagen: Seht auf
das Kreuz! Christus, Gottes Sohn hat sich radikal auf die Seite der
Menschen gestellt, auf die andere nur mit Fingern zeigen. Er hat
ihre, er hat unsere Schuld auf sich genommen. Er hat die Grenzen des
„guten Geschmacks“ gesprengt. Er hat ein für allemal Schluss gemacht
mit der Vorstellung, man könne sich Liebe und Erlösung
verdienen. Er ist den Weg für die Leidenden, Kranken, Entrechteten,
vorangegangen, er hat auch noch im dem Miesesten und Zwielichtigsten
sein menschliches Gesicht gesehen. Und er hat darauf verzichtet, so
wie es die Moral will, die Guten zu belohnen und die Schlechten zu
bestrafen. Gott wollte mehr als das, viel mehr. Er wollte, dass alle
Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen und gerettet werden.
Er war es so leid, dass ein paar Gerechte auf Kosten der sogenannten
Ungerechten belohnt würden. Er wollte vielmehr die Gerechten ihrer
eigenen Ungerechtigkeit überführen: Wer meint, mit Fingern auf
andere zeigen zu dürfen, sieht seine eigenen Sündhaftigkeit nicht
und ist so gesehen schlimmer als ein unmoralischer Mensch.
Glauben - darauf kommt es an. Glauben an den Gott der Liebe. Der uns
alles schenkt, was wir zum Leben brauchen. Der uns nicht zwingt,
sondern der das Böse durch seine Liebe ein für allemal unschädlich
macht. Der Teufelskreis von Leistung und Belohnung, Versagen und
Bestrafen ist durchbrochen.
Glauben heißt: Sich gegen das anerzogene Leistungsprinzip einfach
nur auf das Leben ein zu lassen. Es geht um den Mut, loszulassen,
sich fallen zu lassen. Das macht Angst. Das sind wir nicht gewohnt.
Oft gerade nicht in der Kirche. Und doch ist das die frohe
Botschaft: Glaube dem Gott der Liebe. Lass deine selbstgemachten
Vorstellungen von einem „anständigen“ Gott los und lass dich nur in
seine gnädigen Hände fallen. In Hände, die wissen, was Ohnmacht, was
Angst, was Selbstzweifel, was Verlorenheit ist. Dieses Loslassen und
Fallenlassen kann auch weh tun. Aber es ist eine so große
Verheißung, die uns Paulus mitgibt: „So halten wir nun dafür,
dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke - allein durch
den Glauben.“
Allein durch den Glauben - nicht durch Wunder, durch „Zeichen“,
nicht durch frommes Verhalten noch durch Weisheit und die
Wissenschaft dieser Welt bekommen wir Gott in den Griff. Er liebt -
ohne sich um unsere Moralbegriffe zu stören.
Lernen wir, auch uns selbst, auch unsere Mitmenschen mit diesen
liebenden Augen Gottes anzuschauen. Und uns gehen die Augen über.
Und unser Herz lebt auf. Der Schutt der selbstgemachten Gebote fällt
ab. Das Kreuz Jesu verwandelt sich von einem Schandmal zu
einem Symbol der Befreiung. Endlich dürfen wir „ICH“ sein. Endlich
sagt einer einfach nur: „DU“.
Glauben Sie mir, liebe Schwestern und Brüder, das Geschenk der
Glaubens an einen gnädigen Gottes ist wirklich eine Kraft, die Berge
versetzen kann. Eine Kraft, die auch den Götzen „Man“
mit einem Mal überwindet.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 04.07.10