Ich bin vergnügt, erlöst, befreit
Predigt am Drittletzten Sonntag nach Trinitatis –
7. November 2010
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
II.Reihe: Römer 14, 7-9
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
"Ich bin vergnügt, erlöst, befreit,
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.
Was macht, dass ich so fröhlich bin?
- Ich sing und springe her und hin
vom Kindbett bis zur Leich.
Was macht, dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen?
- Es kommt ein Geist in meinen Sinn
will mich durchs Leben tragen.
Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsinn hält?
- Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt."
Hanns Dieter Hüsch
Der Predigttext steht im Römerbrief im 14.Kapitel:
"Denn unser keiner lebt sich selbst, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei."
Vielleicht fragen Sie sich, liebe Schwester und Brüder, was denn
wohl der anfängliche Text mit den Sätzen des Apostel Paulus aus dem
Römerbrief zu tun hat. Da sind die schönen und hoffnungsvollen Worte
des ansonsten scharfzüngigen und kritischen Kabarettisten und dann
dieses: "Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben
wir dem Herrn," das wir möglicherweise aus Beerdigungsansprachen
kennen.
Doch Paulus geht es wie Hanns Dieter Hüsch nicht um den Tod, sondern
um das Leben. Um das Leben in seiner ganzen Fülle. Um das Leben, das
offen ist für Gott, ein Leben, das sich verantwortlich weiß
gegenüber Christus. Und das ist eigentlich eine alte Taufformel, die
Paulus zitiert: Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Durch
die Taufe gehören wir zu Gott - und das ist eine Botschaft, die das
Leben möglich machen möchte, die Lebensfreude, Lebenskraft
freisetzen will und gerade die Lähmung zu überwinden sucht, die eine
allzu große Angst vor dem Tod, vor dem Sterben hervorruft. Wir
gehören zu Gott - das schreibt Paulus seiner Gemeinde nach Rom,
dieser lebendigen, pulsierenden Stadt zu einer lebendigen und in
sich zerstrittenen Gemeinde. Es gab in ihr auch das, wovon Hüsch
spricht: Verzagen, Elend, Furcht, Dunkelheit und Trübsinn. Es gab
Streit um Nichtigkeiten, Vordergründiges, der freilich die gerade
gewonnene Freiheit in Christus aufs Spiel setzte.
Weil wir zu Christus gehören, weil wir auf seinen Namen getauft
sind, darum: "Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich
selber." Es ist nur ein einziger Buchstabe, den wir im Deutschen
wegstreichen müssen, und dann lesen wir: "unsereiner lebt sich
selber." Das kommt der leider vorfindlichen Realität viel näher. Die
Dunkelheit, der Streit, die Engstirnigkeit kommen doch aus unserem
Egoismus. Jeder sucht so viel vom Leben mitzunehmen, wie es geht,
rücksichtslos werden die Ellenbogen gegen die Mitmenschen
eingesetzt. So braucht es doch unter uns Christen nicht zuzugehen,
sagt Paulus. Gott hat euch so angenommen, schenkt euch seinen
lebensschaffenden Geist, er war so unendlich freigiebig, hat so
überhaupt nicht an sich gedacht. Und nur wer nicht egoistisch,
allein auf seinen Vorteil ausgerichtet lebt, lebt wirklich. Wer die
Freude mit anderen teilt, kann sich wirklich freuen. Wer mit anderen
lacht, lacht wirklich, aber auch nur wer mit anderen weinen kann,
bleibt nicht im Leid allein.
Leben wir, so leben wir dem Herrn. Hüsch kann sagen: Lachen wir, so
lachen wir dem Herrn. Das ist ja das Einzigartige am christlichen
Glauben, das er Lebensmut und Lebensfreude schenkt und doch keine
Vertröstung auf das Jenseits ist. Er stellt sich der Härte der oft
leidvollen Wirklichkeit. Versagen, Elend, Furcht, Dunkelheit und
Trübsinn werden schonungslos aufgedeckt. Christus nahm das Kreuz,
das Leid der Welt auf sich, und das war keine Kleinigkeit, zu
sterben, dann wieder lebendig zu werden.
"Weil mich mein Gott das Lachen lehrt / wohl über alle Welt" singt
Hanns Dieter Hüsch. Es erinnert an das Osterlachen, an das Verlachen
des Todes, weil Gottes Liebe gesiegt hat. Und eben das hat
Konsequenzen für unser Leben hier und jetzt, nicht für eine ferne
Wirklichkeit. Das ist der Geist, der spürbar werden lässt:
"Ich bin vergnügt, erlöst, befreit, Gott nahm in seine Hände meine
Zeit, mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen, mein Triumphieren und
Verzagen, das Elend und die Zärtlichkeit." so dass am Ende nur das
Staunen bleibt: "Was macht, dass ich so furchtlos bin, an vielen
dunklen Tagen?"
Die Zusage des Paulus ermutigt und befreit: "Wir gehören dem Herrn."
Die Erkenntnis, dass wir ja gar nicht ein Leben lang Gott
hinterherlaufen müssen mit vergeblicher Liebesmüh, sondern wir sind
befreit von aller falschen Gesetzlichkeit. Dass führt dazu, viel
gelassener mit Konflikten umzugehen, denn wenn wir wirklich dem
Herrn schon gehören, dann gehören auch die komischten Leute dem
Herrn, ihr Leben, ihr Sterben. Weg ist der ständige moralische
Vorwurf, nicht andere Menschen genügend zu verbessern. An die Stelle
des verkniffenen und ängstlichen Fragens: "Mache ich, machen die
anderen auch alles richtig?" tritt das befreite Lachen: Gott ist auf
meiner Seite, ich darf fröhlich und frei sein, laut und lustig und
dem Tod und seiner Macht eine lange Nase machen.
Leider jedoch bringen die Pastoren von der Kanzel oft genug etwas
anderes zu Sprache: statt der frohen, freimachenden Botschaft
vermitteln sie Schuldgefühle und machen die Ängstlichen noch
ängstlicher. Dabei gilt es vielmehr, das Leben in beide Hände zu
nehmen und den Mut machenden Paulus zu verkündigen. Aber daran ist
Paulus ist nicht schuld. Er war ein Eiferer, er konnte aber trösten.
'Denn Christus ist gestorben. und wieder lebendig geworden, um Herr
zu sein über Lebende und Tote.' Das war keine Kleinigkeit, zu
sterben, dann wieder lebendig zu werden. Auch für den Sohn Gottes
war es nicht leicht, wir können seine Verlassenheit kaum mit unseren
Maßstäben messen. Und er hatte einen Grund dafür, sich in die Gewalt
des Todes zu begeben, er hatte Grund, uns mit der Auferstehung zu
trösten. Er liebte seine Schwestern und Brüder, die Menschen. Auch
die drohneste Predigt ändert gottlob nichts an der frohen Botschaft,
dass nämlich Christi Tod und Lebendig werden imstande ist, zu
trösten und die Angst davon zuschicken."
Wie sang Hanns Dieter Hüsch:
"Ich bin vergnügt, erlöst, befreit, Gott nahm in seine Hände meine Zeit, mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen, mein Triumphieren und Verzagen, das Elend und die Zärtlichkeit. Es kommt ein Geist in meinen Sinn / will mich durchs Leben tragen. Was macht, dass ich so unbeschwert, und mich kein Trübsinn hält? Weil mich mein Gott das Lachen lehrt wohl über alle Welt."
"Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn."
Möge uns diese frohe Botschaft von der bedingungslosen Annahme,
der verströmenden, völlig unegoistischen Liebe Gottes befreien, sie
möge auch uns zur Zusage werden, die Freiheit ermöglicht, die
tröstet, die alle Angst davonjagt.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 07.11.10