Hohepriester? Kein fremder Gott!
Predigt am Sonntag Invokavit - 21. Februar 2010
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
II.Reihe: Hebräer 4, 14-16
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen.
Der Predigttext steht im Hebräerbrief im 4.Kapitel. Wir haben ihn
bereits als Epistel gehört. Ich lese ihn noch einmal in einer
anderen Übersetzung:
Doch wir haben einen großen Hohenpriester,
Jesus Christus, der durch die Himmel hindurch bis zu Gottes Thron
gelangt, weil er Sohn Gottes ist. An dem Bekenntnis wollen
festhalten. Denn unser Hoherpriester steht uns bei: Wenn wir schwach
sind, fühlt er mit uns; wenn wir stolpern, taumelt er mit uns, wenn
wir Angst und Schmerz leiden ist er auch unserer Seite. Jeder
Versuchung hat er sich ausgesetzt, aber gestrauchelt ist er nicht.
Deshalb wollen wir voll Zuversicht zum Gnadenthron Gottes treten,
denn Jesus Christus wird uns gnädig und barmherzig helfen, wenn wir
es nötig haben.
Übersetzung Klaus Berger / Christiane Nord, 1999
Liebe Schwestern und Brüder,
was fällt Ihnen ein zu dem Wort "Hohepriester"? Ich weiß noch, ich
selbst habe als Kind im Kindergottesdienst, selbst noch im
Konfirmandenunterricht so recht nichts anfangen können mit diesem
Begriff: "Hohepriester". Priester, das wusste ich wohl, waren die
Pastoren der katholischen Christen, und das waren zwar schön
gekleidete aber mir irgendwie fremde, unnahbare Gestalten. Und bei
Hohepriester dachte ich eben an einen besonders heiligen Priester,
erhöht und noch unnahbarer als alle anderen. Hohepriester, das klang
so nach "Hohes Gericht" oder "Hohes Haus", irgendwie sehr mit
Respekt und Autorität verbunden. Da hatte man nicht so gern nahen
Kontakt, und allein der Name löste Ehrfurcht und Unterordnung aus.
Und war da nicht noch der eine Hohepriester, der Jesus am Ende zum
Tode verurteilte, zusammen mit Pontius Pilatus? Ja, waren die
Hohenpriester nicht zeitlebens die Feinde Jesu, zusammen mit den
Pharisäern und Schriftgelehrten? Noch mehr schien mir als Kind ein
"Hohepriester" irgendwie eine fragwürdige und undurchsichtige
Gestalt so ganz entrückt und übermächtig von den sympathischen,
einfachen Leuten wie etwa Jesus und seinen Jüngern.
Später habe ich dann etwas ganz Wichtiges entdeckt: Dass man nämlich
"Hohepriester" gar nicht in zwei Worten schreibt wie etwa Hohes Haus
oder Hohes Gericht. Dass es sich also um gar keine Anrede handelt,
sondern um eine ganz konkrete Amtsbezeichnung:
Allein dem Hohenpriester war es erlaubt, einmal im Jahr das
Allerheiligste im Tempel zu betreten, um dort stellvertretend für
das ganze Volk der Juden zu beten. In der Tat ein besonders
herausgehobener Mann, dem man auch mit dem nötigen Respekt und
Abstand zu begegnen hatte..
Was bringt aber nun den Schreiber des Hebräerbriefes dazu,
ausgerechnet Jesus als einen solchen Hohenpriester darzustellen?
Ausgerechnet Jesus - der doch von den Hohenpriestern verfolgt und
umgebracht worden war, weil er nicht deren Herrschaftsanspruch und
deren Frömmigkeit anerkannte, der lieber am Sabbat heilte, statt den
Buchstaben des Gesetzes einzuhalten und der lieber im Tempel die
Tische der Geldwechsler umstieß und einen Skandal anzettelte als den
darin tätigen Priestern seinen Respekt zu zollen.
Wenn der Hebräerbrief ausgerechnet in Jesus den großen Hohenpriester
sieht, so trifft er damit auf absolutes Unverständnis der Juden.
Jesus gehörte gar nicht der Tempelpriesterschaft an, er war ein
umherziehender Wanderprediger, umgab sich mit einer Gruppe
einfacher, ungebildeter Leute, behandelte Frauen, als wären sie
gleichberechtigt, obwohl das Priestergesetz etwas anderes sagte,
wurde von sämtlichen jüdischen Gelehrtenschulen abgelehnt, verfolgt
von der frommen Elite der Pharisäer und Schriftgelehrten. Am Ende
stirbt er den Tod eines Aufrührers, schändlich am Kreuz, zusätzlich
verurteilt als Gotteslästerer. Ausgerechnet Jesus aus Nazareth,
einer Stadt, die keiner kannte, der gelernte Zimmermann, verlacht
und verfolgt - der soll der große Hohepriester sein, der einzige,
der das Allerheiligste betreten darf, um stellvertretend für alle
Menschen zu Gott zu beten?
„Unser Hoherpriester steht uns bei: Wenn wir schwach sind, fühlt er
mit uns; wenn wir stolpern, taumelt er mit uns, wenn wir Angst und
Schmerz leiden ist er auch unserer Seite. Jeder Versuchung hat er
sich ausgesetzt, aber gestrauchelt ist er nicht. Deshalb wollen wir
voll Zuversicht zum Gnadenthron Gottes treten, denn Jesus Christus
wird uns gnädig und barmherzig helfen, wenn wir es nötig haben.“
Das ist es, liebe Schwestern und Brüder: Nur Jesus kann deshalb der
einzige glaubwürdige Hohepriester sein, weil er einerseits als
Gottes Sohn die unmittelbarste Verbindung zu Gott hat; andererseits
aber auch, weil er wie kein anderer das Leid, die Abgründe unseres
menschlichen Lebens am eigenen Leibe kennengelernt hat, kann er
wirklich stellvertretend für uns beten, für uns eintreten.
Was nützte uns ein Vertreter, der die Ängste und Sorgen von uns
Menschen nicht kennte, auf den wir zwar aufschauen könnten, der
prächtig anzusehen wäre, aber der turmhoch über unseren Zweifeln und
Anfechtungen stände und uns damit gar nicht verstände.
Wenn der Hebärerbrief also von Jesus als dem großen Hohepriester
spricht, dann sieht er in Jesus einen Mittler, einen Vermittler
zwischen Gott und uns Menschen - und zwar den einzigen, den es gibt.
Ja, noch mehr: Gott selbst ist es, der mitten darin ist in unseren
Ängsten und Nöten, der sie nicht nur irgendwie von oben herab zur
Kenntnis nimmt, sondern der sie im tiefsten Inneren mit aushält, der
mitleiden kann. Manchen Menschen, manchen Religionen ist ein solches
Gottesbild allzu fremd. Sie sehen stattdessen lieber einen Gott, der
mächtig und unangreifbar fern ab im Himmel regiert, sich nicht mit
den Niederungen des Lebens abgibt, sich nicht die Hände schmutzig
macht.
Im Abendmahl erfahren wir mit Leib und Seele, dass uns Gott so
liebt, wie wir sind. Liebe, Erbarmen, Verzeihen aller Schwäche -
hier ist der Ort dafür.
Freude ist es, was uns der Sohn Gottes vermitteln will. Freude steht
im Mittelpunkt. Gott ist in Jesus nicht weit weg von uns. Nicht in
einer fremden Welt.
Das singt uns gleich die Kantorei in einem Stück von John Rutter:
God Be in My Head. Die Textzeilen sind ganz kurz:
God be in my head and in my understanding. –
Gott ist in meinem Kopf und in meinem Verstehen.
God be in mine eyes and in my looking.
Gott ist in meinen Augen und in meinem Blick.
God be in my mouth and in my speaking.
Gott ist in meinem Mund und in meinen Worten
God be in my heart and in my thinking.
Gott ist meinem Herzen und in meinem Verstand.
Gott ist überall da, wo Menschen sich begegnen. Er ist kein
fremder Gott. Er öffnet unser Herz wie sich eine Rose öffnet. Wie
gut, dass wir die Sakramente Taufe und Abendmahl haben, Kinder und
Gemeinschaft miteinander über alle Grenzen hinweg - und nicht
zuletzt die Musik, die uns für Gottes Barmherzigkeit und Gnade
öffnet und damit unsere Zerrissenheit heilt.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 21.02.10