Abere, aber richtig!
Predigt am letzten Sonntag nach Epiphanias - 24. Januar 2010
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
II. Reihe: 2. Korinther 4, 6-10
Manchmal,
liebe Gemeinde,
da sitze ich vor einem Predigttext und mir fällt dazu nichts
wirklich Wunderbares ein. Kurz gesagt, so ging es mir mit dem
heutigen Predigttext, den ich Ihnen vorlesen möchte:
Überschrieben ist er in unserer Lutherbibel mit:
Leidensgemeinschaft mit Christus
Natürlich sind diese Überschriften nicht ursprünglich, sondern erst
sehr viel später in den Text eingefügt, aber nun steht sie da
hindert meine Motivation noch ein Stück mehr.
Aber hier geht es ja zunächst mal um das, was Paulus an die Gemeinde
in Korinth schreibt, nämlich:
Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis
hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben,
dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der
Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. Wir haben aber
diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft
von Gott sei und nicht von uns. Wir sind von allen Seiten bedrängt,
aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen
nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir
werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Wir tragen allezeit
das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an
unserm Leibe offenbar werde.
Das ist so gut und richtig und treffend formuliert, dass mir nicht
viel dazu eingefallen ist.
Na gut, ich könnte erzählen, an wen das Schreiben gerichtet ist, die
Gemeinde in Korinth, wie gesagt. Die Gemeinde der Hafenstadt Korinth
in Griechenland war wohl von Paulus selbst gegründet und schnell
gewachsen. Ganz unterschiedliche Menschen von überall her hatten
sich von der unerhörten guten Nachricht von Jesus, Mensch und Gott,
dem Retter, begeistern lassen. Und dennoch, schnell kamen auch
Streitigkeiten hoch. Wer hat den wahren Glauben, wer die besseren
Traditionen? Und es kam die Fragestellung, die in der Theologie das
Theodizee-Problem heißt. Die Frage nämlich: wenn Gott existiert,
warum lässt er Ereignisse geschehen, die Menschen leiden lassen,
warum lässt Gott Katastrophen, unschuldiges Leiden, Krankheit und
Tod zu.
Bei den Bildern, die uns im Moment täglich von der
Erdbebenkatastrophe auf Haiti erreichen bin ich fast sicher, dass
diese Frage kein Problem aus dem theologischen Elfenbeinturm ist und
auch nicht alt und verstaubt nur die Korinther der 50er Jahre nach
Christus umgetrieben hat.
Sollte ich Ihnen also jetzt, einigermaßen theoretisch, das
Theodizee-Problem erläutern?
Oder einige Assoziationen zum Paulinischen Argumentationsgang? Licht
soll aus der Finsternis hervorleuchten, das erinnert an die
Schöpfung. Wir Menschen sind wie irdene Gefäße, natürlich, von Gott
geschaffen und verletzlich, eben nicht unkaputtbar, selbst
als gläubige Christinnen und Christen.
Oder soll ich Ihnen aufzählen, wo in unserem alltäglichen Leben und
Erleben wir bedrängt sind, ängstlich und bange (eingeschüchtert und
verschreckt, für alle, denen dieses Wort nun doch nicht mehr so
vertraut ist). Wo über all auf dieser Welt Verfolgung leiden und wo
Unterdrückung. Vom Sterben ganz zu schweigen. Ich vermute, ich muss
das nicht aufzählen, ich vermute, Sie alle haben Bilder vor Augen,
eigene Erlebnisse, Gefühle und Erinnerungen.
Aber was dann?
Immer, wenn ich mir bei der Predigtvorbereitung nach ernsthafter
Überlegung diese Frage stelle, schaue ich im Internet nach, was
anderen zu dieser Bibelstelle eingefallen ist. Vielleicht könnte ich
ja gute Ideen abschreiben.
Nachdem ich einige Zeit damit verbracht hatte, alle möglichen
Predigten zu lesen, musste ich feststellen – ja, alles gut und
richtig, klug gedacht und wunderbar formuliert, aber nichts hat mich
wirklich gepackt.
Bis ich dann auf den Satz stieß: „Abere nicht in der falschen
Richtung.“
Und der Prediger, ein Pfarrer aus Kulmbach (Dekan Jürgen Zinck,
Petrikirche, Kulmbach), fuhr fort: „Wie bitte? Was ist denn das
für ein Wort? Angeblich gibt es das Wort abern tatsächlich. Was ist
damit gemeint?“
Abere nicht in der falschen Richtung.
Abern, das kenne ich gut und tue es oft, obwohl mir bisher das
richtige Wort fehlte.
Eigentlich müsste ich ja, aber …
Ich sollte doch wohl, aber.
Eine Suppenküche aufbauen, eine gute Idee, aber ….
Mal mit der muslimischen Gemeinde reden über ihren Traum, ein
Minarett zu bauen, statt über sie, aber ….
Jetzt nun wirklich den so oft aufgeschobenen Besuch machen, aber …..
Abern, ich aberte, ich habe geabert, man kann das Erheben von
Einwänden sogar konjugieren.
Ich abere.
Und Paulus abert auch, aber in einer ganz anderen Richtung, erinnern
wir uns, er schreibt an die Gemeinde in Korinth:
Gott sprach: Licht soll aus der Dunkelheit aufstrahlen, und
Gott hat ein helles Strahlen in unsere Herzen gegeben, so dass wir
das Leuchten der Gegenwart Gottes im Angesicht des Messias Jesus
erkennen.
Doch diesen Schatz haben wir in zerbrechlichen Gefäßen. So stammt
die alles übersteigende Kraft von Gott und nicht von uns. Von allen
Seiten werden wir bedrängt, aber wir haben Raum.
Wir wissen nicht weiter, aber wir verzweifeln nicht.
Wir werden verfolgt, aber nicht von Gott im Stich gelassen.
Wir werden zu Boden geworfen, aber wir gehen nicht
zugrunde. Immer tragen wir das Sterben Jesu an unserem Körper mit
uns. Genauso erscheint an unserem Körper auch das Leben Jesu. (2.
Kor 4, 6-10 „Bibel in gerechter Sprache“)
Ihr seid Christinnen und Christen, aber trotzdem müsst ihr
leiden, werdet verfolgt, bedrückt und müsst sterben. Wie kann Gott
das zulassen? Das schreibt Paulus nicht.
Er muss auch die schlimme Situation einiger Menschen in Korinth
nicht kleinreden, um Gott groß zu machen. Er schiebt ihnen keine
Schuld für das eigene Unglück zu. Er sagt auch nicht: Haltet aus, im
Jenseits wird’s schon besser werden. Alles das nicht. Er schreibt
von Angst, Unterdrückung, von Verfolgung, Leiden und Tod. Aber er
schreibt auch:
Gott abert die Angst, nicht umgekehrt.
Insofern ist die eigentlich angemessenere Überschrift wohl: Gott
lässt sich auf das Leiden der Menschen ein.
Und: Gott abert das Leiden.
Ja, es gibt Leid, aber es gibt auch Gott, der Menschen im Leid nicht
im Stich lässt.
Ja, es gibt Unterdrückung, aber da ist auch Gott, der Druck und
Unterdrückung nicht unwidersprochen lässt.
Ja, es gibt den Tod, aber Gottes Leben ist lebendiger.
Und mit einem Dank an den unbekannten Kollegen aus Kulmbach, lasse
ich ihn zum Schluss noch einmal zu Wort kommen:
„Sage nicht: Ich glaube, aber ich habe viele Zweifel. Lass nicht zu,
dass Zweifel deinen Glauben „abert“. Abere richtig: Ich habe viele
Zweifel, aber ich glaube. Ein Unterschied: Klein aber fein! „
Und jetzt, ohne Wenn und Aber: Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 31.01.10