Ungeduldig von Zeit zu Zeit!
Predigt am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres –
14. November 2010
Vikarin Melanie Corzilius, Bad Lippspringe
II. Reihe: Röm 8,18-25
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem
Herrn Jesus Christus.
Amen
Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit
Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an
uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur
wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung
ist ja unterworfen der Vergänglichkeit - ohne ihren Willen, sondern
durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung; denn auch
die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der
Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn
wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit
uns seufzt und sich ängstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir
selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns
selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres
Leibes. Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung
aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das
hoffen, was man sieht?
Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir
darauf in Geduld.
Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich noch an ihr schönstes Geburtstagsgeschenk? Die
leichte Erregung, als ihnen der Wunsch zum ersten Mal in den Sinn
kam; die prickelnde Vorfreude, als es wahrscheinlicher wurde, dass
er erfüllt würde; die schier unerträgliche Ungeduld, als man die
Tage an einer Hand abzählen konnte und schließlich der erlösende
Moment, als Sie die Schleife lösen und das Papier abstreifen
durften, um endlich das lang Ersehnte in Händen zu halten?
Vorfreudige Ungeduld die alles andere zur Nebensache werden ließ.
Eine schöne Erinnerung – doch für die meisten von uns wohl eine
Erinnerung aus Kindertagen, denn mittlerweile wissen wir, dass unser
Leben nicht von Dingen, wie einem rosa Puppenhaus, dem roten
Kinderfahrrad oder dem ersten Paar Abfahrtsski abhängt. Was uns von
solchen Erinnerungen aber geblieben ist, sind die Gefühle, die damit
verbunden waren. Diese ‚Geschenk-Gefühle‘ sind der Unbedarftheit der
Kindertage entwachsen und mit uns erwachsen geworden. Wo wir uns von
anderen Menschen anrühren lassen, treffen wir sie wieder.
Die Idee von Liebe etwa, die in dem Mädchen aufflammt, als der Junge
aus der Klasse über ihr sie zum ersten Mal ansieht; die prickelnde
Vorfreude der Eltern auf der Fahrt zum Flughafen, an dem sie ihre
Tochter nach ihrem Auslandsjahr wohlbehalten abholen dürfen; die
Gewissheit, dass die Liebe seines Lebens ‚ja‘ sagen wird, wenn er
sie fragt; die unerträgliche Ungeduld während sie auf den Anruf
warten: „Es ist soweit, ihr seid Großeltern“, oder der erlösende
Moment, als nach drei Jahren Bewerbungen schreiben endlich eine
Zusage kommt: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben den Job!“. All das
sind ‚Geschenk-Gefühle‘. Sie versetzen uns in Unruhe, nichts kann in
diesen Augenblicken wichtiger sein. Umso quälender die Ungeduld,
wenn das Geschenk auf sich warten lässt. Je länger je mehr sehnen
wir uns danach, alles andere wird Nebensache.
‚Geschenk-Gefühle‘ von Mensch zu Mensch – sie wären unmöglich,
hätten wir nicht zuallererst ein Geschenk ganz anderer Art erhalten.
Die Rede ist von Gottes Geschenk. Wenn wir es auspacken, enthüllt
sich uns Stück für Stück seine ganze Fülle. Zuvorderst das Geschenk
des Lebens. Unser Leben und der Lebensraum, den wir benötigen, ist
Gottes Schöpfung. Das Land und das Wasser, die Pflanzen und Tiere,
die Gestirne und die Sonne, Regen, Wind und Wetter, Luft zum atmen.
Packen wir weiter aus, offenbart sich uns das Geschenk der Erlösung.
Leben ist nicht nur irdisches, sondern ewiges Leben. Darum kommt
Gott zu uns, wird Mensch und schenkt sich selbst für uns.
Schließlich auch das Geschenk seiner Nähe. Gott bleibt bei uns und
um uns in seinem Heiligen Geist, leitet und trägt uns durchs Leben.
Welch ein Geschenk. Gottes Geschenk – das größte Geschenk, das ein
Mensch jemals bekommen kann.
Aber wo bleiben da unsere ‚Geschenk-Gefühle‘? Wir hören und lesen
davon, aber wir geraten nicht außer Rand und Band. Keine süße
Ahnung, keine prickelnde Vorfreude, keine reißende Ungeduld – warum
nicht?
Vielleicht ist es der Blick auf uns selbst und auf diese Welt, der
unsere Geschenk-Gefühle nicht so richtig aufkommen lassen will. Wir
sehen Tod, statt Leben, Gebeugte, statt Erlöste, und Gott scheint
weit weg zu sein. Gemeinsam mit der Schöpfung tragen wir schwer an
Klimawandel und Waldsterben, Terror und Krieg, Lug und Betrug.
Paulus gibt dem Zustand in der Welt einen Namen: wir leben unter der
‚Knechtschaft der Vergänglichkeit‘. Die vergangene Woche hat uns
diese Knechtschaft auch hier vor Ort wieder schmerzlich in
Erinnerung gerufen. In der Friedensdekade beten wir in diesen Tagen
für den Frieden, der an so vielen Orten dieser Welt fehlt.
Afghanistan ist nur ein grausames Beispiel von vielen. Am Dienstag
haben wir der getöteten jüdischen Mitbürger gedacht, die in der
Reichspogromnacht 1938 den Nationalsozialisten zum Opfer fielen.
Heute ist Volkstrauertag, an dem wir an die vielen deutschen
Soldaten erinnern, die ihr Leben im Krieg gelassen haben und auch in
unseren Tagen immer noch lassen. Diese Ereignisse nebeneinander
führen uns grausam vor Augen, was es heißt, unfrei zu sein. Wem
gehört was? Wer kämpft für das Gute, wer für das Böse? Und was ist
überhaupt gut und böse? Wer verteidigt, wer greift an? Wer lässt
sein Leben und wem wird es genommen? Selten sind diese Fragen leicht
zu beantworten, zu oft müssen wir uns mit der Grauzone zufrieden
geben, finden keine Antwort.
Angesichts dessen kann sich keine prickelnde Ungeduld einstellen,
vielleicht noch ein wehmütiges Sehnen nach der Erlösung, meist
jedoch lediglich ein Seufzen. Und so seufzt die ganze Schöpfung –
ein Seufzen unter der Last der Knechtschaft, ein Seufzen am Rande
des Erträglichen.
Doch anders als unser Lebensraum Schöpfung, müssen wir nicht bei
diesem Blick auf uns und die Welt verharren, sondern können einen
zweiten darüber hinaus wagen, den Blick auf Gott. Mit den Augen
können wir Gott freilich nicht sehen. Die Welt unter der
Knechtschaft versperrt uns die Sicht. Aber selbst wenn es möglich
wäre: wir müssten vergehen vor brennender Ungeduld, endlich dort zu
sein. Vielmehr sehen wir Gott mit dem Herzen, weil der Heilige Geist
darin die Gewissheit wachsen lässt, dass diese Welt in Herrlichkeit
vollendet werden wird. Durch diese Augen des Heiligen Geistes
blicken wir auf Christus und sehen, was Gott auch mit uns vorhat.
Weil wir aber den Weg nicht sehen, den die Vollendung nehmen wird,
wohl aber ihr Ziel im Herzen haben, können wir geduldig darauf
warten. Dieses gottgewisse und geduldige Sehen mit dem Herzen, das
ist die Hoffnung, von der Paulus spricht. Hoffnung aller
Knechtschaft zum Trotz.
In der Hoffnung aber, dass wir bereits gerettet sind, wird etwas
möglich, was der übrigen Schöpfung nicht möglich ist. Wir sind
fähig, einem Schimmer der Herrlichkeit Gottes bereits in dieser Welt
den Weg zu bereiten. Hoffen wir, so sehen wir in den Menschen und in
dieser Welt nämlich nicht nur die, die sie sind, sondern vor allem
auch die, die sie bei Gott sein werden. Wo ich aber im anderen nicht
nur den Geknechteten, sondern den Befreiten sehe, da ist auch mein
Handeln auf diese Freiheit hin ausgerichtet. Und so wird in der
Begegnung von Mensch zu Mensch Gottes Geschenk der Herrlichkeit
greifbar. „Was ihr getan habt einem oder einer von diesen meinen
geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan“, heißt es
im Evangelium. Überall dort, wo Liebe den Hass überwindet, wo
Freundschaft schwerer wiegt als Vorteil, wo Macht der Barmherzigkeit
weicht, wo Starke den Schwachen aufhelfen, wo Friede möglich wird,
handeln wir an Jesus Christus selbst. In Selbstlosigkeit,
Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit geben wir somit den Blick auf
Gottes Geschenk frei. Geschenk-Gefühle von Gott zu Mensch, hier
werden sie möglich.
Liebe Gemeinde, verklären wir die Welt nicht. Sie seufzt unter der
Last ihrer Leiden. Wir spüren es tagtäglich und seufzen mit. Aber
unterschätzen wir auch nicht Gottes Geschenk der Herrlichkeit, denn
wie groß muss eine Herrlichkeit sein, in der dieser Zeit Leiden
nicht ins Gewicht fallen? Darum wer Hoffnung hat, der schenke sie
den Seufzenden, denn wir sind erwählt, von Zeit zu Zeit etwas
ungeduldig zu werden, ungeduldig wie kleine Kinder, und einem
Schimmer der Herrlichkeit den Weg zu bereiten – wohl wissend, dass
der Tag kommen wird, an dem Gott das Band der Knechtschaft lösen und
die Hülle des Seufzens endgültig abstreifen wird, damit wir unser
Geschenk in Empfang nehmen, ganz und gar.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 14.11.10