Heidenangst
Predigt am Altjahresabend - 31. Dezember 2009
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
II. Reihe: Römer 8,31b-39
Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns. Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Fährlichkeit oder Schwert? wie geschrieben steht: "Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe." Aber in dem allem überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm HERRN.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen .
Liebe Schwestern und Brüder,
glauben Sie an Geister, an Spuk, an untote Seelen, die nicht zur
Ruhe kommen, an gute oder böse Engel? Na ja, anscheinend glauben ja
viele Menschen daran, denn warum würde sonst in der Silvesternacht
soviel Geld ausgegeben, um die bösen Geister durch Böller, Knaller
und Raketen zu vertreiben.
Nein, im Ernst, Menschen haben schon eine Heidenangst vor
unheimlichen Dingen, die irgendetwas mit Geistern, mit Spuk zu tun
haben. Beschwörungen, Tischerücken – mit all diesen Sachen möchte
man nichts zu tun haben. Und gleichzeitig üben sie einen besonderen
Reiz aus auf uns Menschen. „Ich glaub da ja nicht dran“, sagen
manche, „ aber wer weiß, vielleicht ist doch da etwas dran…“
Ich weiß zum Beispiel: Meine Großmutter hatte das sogenannte „Zweite
Gesicht“. Sie hat nachweislich Dinge vorausgesehen oder etwas davon
gesehen, was sie nach naturwissenschaftlichen Gesetzen nicht wissen
konnte. Und ich selbst habe auch schon einmal etwas vorausgesehen,
von dem ich mir bis heute nicht erklären kann, wie das zustande kam.
Und ich bin mir sicher, so manche, so mancher von Ihnen könnte auch
eine Geschichte dazu beitragen, die es uns gruseln lässt. Wenn Sie
sich trauen, denn man erzählt nach nicht so gern davon. Solche Dinge
sind tabu. Solche Dinge sind unheimlich, machen eben eine
Heidenangst.
Aberglaube, Horoskope, Geschäfte mit der Angst, Zukunftsdeutung,
Prophezeiungen – all das stand auch im antiken Rom hoch im Kurs. Und
nicht nur da! Paulus jedenfalls musste sich damit auseinandersetzen.
Warum fiel soviel Schauerliches auf guten Boden, sogar in der
christlichen Gemeinde? Was sagen Christen dazu: gibt es ein
Zwischenreich der Toten, der Geister? Ganz ehrlich: Ich möchte
niemanden pauschal als verrückt erklären, der dies für möglich hält.
Dazu gibt es zu viele glaubwürdige Erlebnisse, die daran zweifeln
lassen, dass wir alles mit unserem Verstand erklären können. Ich
weiß nur: Als Christen brauchen wir keine Angst davor zu haben, dass
uns das Unheimliches überwältigen kann. Wir brauchen eben keine
„Heidenangst“ zu haben. Stärker als alle bedrohlichen Mächte, seien
sie nun rational oder irrational, ist die Kraft der Liebe Gottes.
Und da bin ich ganz bei Paulus, der unseren Predigttext geschrieben
hat. Ein Text gegen die „Heidenangst“:
„Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch
Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder
Hohes noch Tiefes , noch eine andre Kreatur uns scheiden kann von
der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer
8, 38.39)
Angst ist zunächst etwas sehr sinnvolles, etwas, was wir ernstnehmen
sollen und worauf wir hören sollte. Gäbe es die Angst nicht, die
Menschheit wäre längst ausgestorben. Wir wären von hohen Gebäuden
gesprungen, hätten giftige Speisen gegessen oder uns im Wald
verlaufen. Die Angst ist ein lebenswichtiges Warnsystem: Halt,
stopp, hier könnte etwas gefährlich und unbeherrschbar werden.
Die Angst verkehrt sich aber da zu ihrem absurden Gegenteil, wo sie
über uns Menschen herrscht. Wenn wir nur auf die Angst starren,
keinen Schritt uns mehr zu gehen trauen, die Angst überbewerten, sie
um jeden Preis vermeiden wollen, da wird es verdreht. Es gibt eine
Menge selbsteingeredeter Ängste, die Panik heraus beschwören, die
irrational sind – und die man sehr schwer wieder los wird. Da hilft
nur, sich der Angst zu stellen, sie klein zu machen – sich nicht von
ihr beindrucken und eben beherrschen zu lassen. Das geht.
Nehmen wir die Angst vor der Zukunft: Wohin wird uns die
Wirtschaftskrise noch führen? Was wird mir und meiner Familie an
Einschränkungen zugemutet? Wie komme ich damit zu recht? Berechtigte
Ängste, denn es wird sich viel verändern.
Nehmen wir die Angst vor dem Klimawandel: Was kommt im nächsten Jahr
an Naturkatastrophen noch auf uns zu? Wir haben Angst, weil wir
merken, unsere Einflussmöglichkeiten zum Besseren sind gleich Null.
Ängste ja – aber keine Heidenangst. Ängste ja – aber sie müssen
nicht zur Panik und damit zur Handlungsunfähigkeit führen. Ängste,
die aufrütteln, die ein Umdenken bewirken, Ängste, die es
abzuschütteln gilt um endlich sich den Herausforderungen zu stellen.
Ängste, die herrschen wollen, sind wie böse Geister, die es zu
besiegen gilt. Wie geht das? Paulus sagt es unmissverständlich:
„Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch
Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder
Hohes noch Tiefes , noch eine andre Kreatur uns scheiden kann von
der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“
Nicht das Böllern und Raketen abschießen besiegen böse Geistern.
Nicht das Bleigießen lässt in die Zukunft sehen.
Wohl aber der Glaube an die menschgewordene Liebe Gottes, der Glaube
an Jesus Christus nimmt die Panik vor der Zukunft. Ein innig
gebetetes Vaterunser oder anderes Gebet ist eine stärke Medizin
gegen die Ängste als Medikamente, Alkohol und andere Fluchtversuche
vor der Panik. Glauben Sie es mir.
Weil es Christus gibt, braucht unsere Angst keine Heidenangst zu
werden. Es ist Christus, der uns an die Hand nimmt und sagt:
„Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“
Dahin sind wir unterwegs. Zur Jahreslosung 2010 Johannes 14,1.
Noch erschrickt unserer Herz oft genug. Ich fürchte, das wird auch
noch lange so bleiben. Aber der Glaube an Christus gibt die Kraft,
diesen Schrecken zu besiegen und sich mit anderen an die Arbeit zu
machen, Angst und Schrecken klein zu halten. Amen.
Kollektengebet Altjahresabend
Barmherziger Gott!
Man müsste noch mal Zwanzig sein.
Die Zeit zurückdrehen,
bis sie wieder ganz die gute alte ist.
Wenn man doch ungeschehen machen
und anders entscheiden könnte.
Lieber diesen Händedruck erwidern
und jenen Kuss,
lieber hier ein klares Nein wagen
und dort ein mutiges Ja,
ihr und ihm verzeihen,
bevor der Tod uns scheidet,
den Blick aufheben zu den Bergen,
statt ihn kleinmütig zu senken.
Wenn man doch einmal noch …
Zeit steht nicht still.
Sie kennt keine Atempause
und kein Zurück.
Stillstand ist Tod.
Umkehr unmöglich.
Nichts wird die Zeiger aufhalten
Außer Deinem Arm, mein Gott.
Deinen Uhren gehen anders,
Dein Maß ist großzügiger, gütiger.
Zeige mir,
wo ich das Steuer herum reißen
und von vorne beginnen kann,
wo die gute neue Zeit anfängt
und meine zweite Chance liegt.
Meine Zeit steht in Deinen Händen.
In Jesus Christus, deinem Sohn, der mit dir lebt im Heiligen Geist
von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Fürbitten zum neuen Jahr
Wir rufen zu dir:
Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten.
Es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.
Mögest du in
all den Worten
das Schweigen
Singen hören
Und in den
Nachrichten
Menschen begegnen.
Mögest du in den
tausend Ansprüchen
deiner Tage
immer wissen
dass dies dein Tag ist.
Mögest du
Mit Zuversicht
einen Schritt
vor den anderen setzen
das notwendige Tun
im Wissen
dass du nicht alles
tun kannst,
Mögest du dich in
Zeiten der Verwirrung
an die erinnern,
die vor dir gingen
im Vertrauen,
dass der richtige Weg
sich zeigt.
Manchmal unvermutet
an überraschenden Orten
Mögest du jeden Tag
ein Lachen
und ein gutes Wort
den Duft des Brotes
finden
Lichter in der Nacht
dazu den Mond.
Wir rufen zu dir:
Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten.
Es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.
Mögest du weinen können
zur Zeit des Schmerzes
und jemanden haben,
der dann an dich denkt.
Möge jeder deiner Tage
DEIN sein und
jeder deiner tiefen Träume
aufwachsen
und reifen für dich.
Mögest du mit dir
und den Menschen
um dich
Geduld haben
und dich an dem
was absonderlich scheint
erfreuen.
Mögest du tausend
Zärtlichkeiten
entdecken
ein Lächeln unvermutet
ein Lob
ein geteiltes Lachen.
Mögest du ohne Furcht
über die Brücke gehen
auch wenn sei schmal ist.
Wir rufen zu dir:
Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten.
Es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.
Segen
Der Herr -
Mensch geworden in einem Stall
Er segne dich.
Es lasse das Licht seiner Liebe
leuchten in deiner Dunkelheit
Er behüte dich
er berge dich in seiner Menschlichkeit
Wenn Unmenschliches dich erschreckt.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir.
Er begleite deine Wege,
wenn du dich von allen guten Geistern verlassen fühlst.
Er sei dir gnädig,
wenn du ungnädig mit dir bist.
Der Herr erhebe sein Angesicht über dich.
Er strahle auf in deinem Leben,
wie die Engel den Hirten Erleuchtung brachten.
Er gebe uns seinen Frieden
in den Familien
unter den Völkern
und zwischen den Religionen.
Es segne und behüte euch Gott, der Allmächtige und Barmherzige, der
Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 31.01.10