
Der ...
Predigt in der Christvesper - 24. Dezember 2009
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Mit Gott konnte ich nie viel anfangen - aber der
da“ - und dabei wies sie mit dem Finger auf die aus Wurzelholz
geschnitzte Christusfigur - „der versteht mich.“ So
beschreibt der Schweizer Dichter und Theologe Kurt Marti eine
Begegnung mit einer einfachen Frau, der das Leben an
Schicksalsschlägen nichts erspart hatte.
„ Der versteht mich. Der da hatte
es ebenfalls schwer.“ Die Frau meinte damit, dass in Christus Gottes
Hilfe nicht nur theoretisch gepredigt würde, sondern Gestalt
gewonnen habe, für sie zu einer konkreten Hilfe geworden ist, die
sie mit Fleisch und Blut versteht.
Da ist Gott nicht mehr eine theoretische Größe im Himmel, die
Gedankengebäuden der klugen Denker, sondern da wird ein Mensch
geboren, von dem wir Menschen sagen dürfen: „Der
versteht mich. Der ist einer wie ich.“
Weihnachten heißt also: Da kommt einer, der mich versteht. Nicht
einer vom Himmel her, sondern von innen her: aus dem Leib einer
Frau. Ein richtiger Mensch. Keine übernatürliche Erscheinung,
sondern auf dem natürlichen Weg der Geburt ein Kind.
Nicht einmal einen außergewöhnlichen Namen hat dies Kind: Jeschua,
Jesus, war die moderne Form des alten Namens Josua. Und der Name
bedeutet: Gott hilft.
Ein Mensch wird geboren, der Jesus heißt. Gott hilft. Das ist
Weihnachten. Er lebte, er wirkte, er wurde gehängt als Mensch.
Wir brauchen keinen, den niemand versteht. Wir brauchen nichts, was
über uns richtet, aber uns nicht nahe ist. Die Sehnsucht danach ist
groß. Zufällig hörte ich im Radio einen Standpunkt zum Thema
„Weihnachten“ und der Frage: Spielt die spirituelle Wurzel dieses
Fest überhaupt noch eine Rolle oder ist der Sinn des Festes heute
nur noch die Stärkung des Einzelhandels?!
Der Kabarettist Dieter Nuhr hat in seinem Programm eine sehr bissige
Schluss-Pointe, die gibt einem, wenn man sie richtig bedenkt, viel
zu denken. Er sagt sinngemäß: „Gut, zu Karfreitag und zu Ostern hat
Jesus die Schuld der Menschen auf sich genommen, Gott hat die Schuld
vergeben und neues Leben durch die Auferweckung von den Toten
ermöglicht“ - (dass ein Dieter Nuhr soviel richtiges dogmatisches
Fachwissen an den Tag legt - alle Achtung!) - „gut, Ostern hat die
Erlösung der Menschheit gebracht! Aber was ist das gegenüber
Weihnachten? Weihnachten ist die Erlösung des Einzelhandels!“
Machen wir uns nichts vor, unsere Gesellschaft ist längst nicht mehr
von christlichen Werten geprägt. Vergebung von Schuld, Erlösung des
Menschen vom ewigen Tod - wen interessiert das? Und doch -wir feiern
Weihnachten, und der Kommentator im Radio meinte wörtlich: „Ich
halte es mit der religiösen Deutung. Irgendetwas in den meisten
Menschen dieses Landes hat Sehnsucht. Nach dem, was in der
Weihnachtsgeschichte verpackt ist: ein neuer Anfang - wie die Geburt
eines ganz großen Reformers in einer kinderfeindlichen Umgebung,
Zuwendung - wie sie dieses Billiglohn-Schafhüter erleben - Freude -
wie bei dieser ungewollt Schwangeren mit ihrem Verlobten in der
letzten Bruchbude.“
Dann fährt der Kommentator fort: „ Unser Problem ist: wir haben zwar
diese Sehnsucht, aber wir zappeln uns ab, um sie zu erfüllen.
falscher Weg! Kommen lassen, heißt die Devise.
Einsichten kommen lassen z.B. über das, was uns in den letzten vier
Wochen so in Unruhe versetzt hat. Ich habe noch keine Ahnung, was
genau es bei mir war. Morgen werde ich darüber nachdenken. Am
Heiligen Abend bei leckerem Essen und kleine Geschenken.“
Vielleicht kann ja dem Mann geholfen werden. Vielleicht liegt ja die
Antwort auf seine Sehnsucht, das Ende seiner Unruhe weniger im Essen
und den Geschenken. Vielleicht ist es ja doch diese so merkwürdige
Weihnachtsgeschichte, die man wieder heraus-kramen muss aus dem
Staub der bloßen Tradition. Sie hat viel mehr mit uns zu tun, gerade
uns im Jahr 2009 hier in Deutschland, als man gemeinhin denkt.
Vor allem tut es gut, in dem Kind in der Krippe den zu entdecken,
von dem jemand sagen kann: „der versteht mich.“
Mich mit meiner Sorge um die Rettung der kleinen heilen Welt
angesichts der globalen riesigen Probleme. Der meine Sehnsucht nach
Ruhe, nach Sinn, nach Zu-Hause-Sein kennt und teilt, und der eine
Antwort weiß auf mein rastloses Suchen.
Vielleicht tut es ja gut, einfach sich hinzusetzen, zu schauen, zu
hören, einfach „KOMMEN LASSEN“. Eben nicht selbst aktiv sein, selbst
zappeln, zappen, ziellos herum rasen, zaudern, zaubern wollen. Der
Zauber kommt wo anders her. Von innen. Durch einen Menschen. Aus dem
Bauch einer Frau. Ganz wie bei uns. Ganz einer von uns. Mit einem
ganz gewöhnlichen Namen. Aber der Name hat Programm: „Gott hilft.“
Jeschua, Josua, Jesus. „Der versteht mich.“
Ich wünsche Ihnen Zeit, Muße an den Weihnachtstagen, diese
Erkenntnis einfach „kommen zu lassen.“ Die Erlösung gilt den
Menschen, die noch staunen können, die sich beschenken lassen, die
noch Hoffnungen, Erwartungen haben und nicht meinen, sie müssten
sich alles selbst erarbeiten. Einfach kommen lassen. Und dann kommt
das Weihnachtswunder auch zu Ihnen: „Denn euch ist heute der Heiland
geboren“ - der, der dich versteht.
Amen.
[verwandt in der Predigt: Kurt Marti, Wir
können uns nicht mehr auf Engel verlassen, aus Davids Stern steht
über Bethlehem; Wolfgang Brinkel und Heike Hilgendiek, München 1992)
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 25.12.09