Mut zur Nähe
Ansprache Vesper Karfreitag - 2. April 2010
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Weil es Rüsttag war und die Leichname nicht am
Kreuz bleiben sollten den Sabbat über - denn dieser Sabbat war ein
hoher Festtag -, baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine
gebrochen und sie abgenommen würden. Da kamen die Soldaten und
brachen dem ersten die Beine und auch dem anderen, der mit ihm
gekreuzigt war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon
gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der
Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut
und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und
sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit
auch ihr glaubt. Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt
würde: „Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.“ Und wiederum sagt die
Schrift an einer andern Stelle: „Sie werden den sehen, den sie
durchbohrt haben.“
Danach bat Josef von Arimathäa, der ein Jünger Jesu war, doch
heimlich, aus Furcht vor den Juden, den Pilatus, dass er den
Leichnam Jesu abnehmen dürfe. Und Pilatus erlaubte es. Da kam er und
nahm den Leichnam Jesu ab. Es kam aber auch Nikodemus, der vormals
in der Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte Myrrhe gemischt mit
Aloe, etwa hundert Pfund. Da nahmen sie den Leichnam Jesu und banden
ihn in Leinentücher mit wohlriechenden Ölen, wie die Juden zu
begraben pflegen. Es war aber an der Stätte, wo er gekreuzigt wurde,
ein Garten und im Garten ein neues Grab, in das noch nie jemand
gelegt worden war. Dahin legten sie Jesus wegen des Rüsttages der
Juden, weil das Grab nahe war.
(Evangelium Johannes 19, 31-42)
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
„Näher!“ – das war, liebe Schwestern und Brüder, das Thema der
Passionsandachten in Bad Lippspringe.
In diesem Abendmahls-Gottesdienst kommen die Passionsandachten zu
ihrem Höhepunkt.
„Näher!“ – das ist das Thema dieses Gottesdienstes am Karfreitag.
Wussten Sie, dass der Karfreitag in Holland „Goede Vrijdag“
entsprechend in England „Good Friday“ heißt? Karfreitag, der „gute
Freitag“ wie er bei Martin Luther heißt, ist mehr als die
Negativfolie für Ostern, sondern enthält selbst Evangelium, frohe
Botschaft, die es zu entdecken, zu feiern gilt.
Dieser Tag hat viel mit Nähe zu tun. Nähe ist ja nicht immer nur
schön und wünschenswert. So wünschen wir uns das Näher-Rücken von
Tod und Sterben, von Trauer und Schmerzen nun gerade nicht. Deshalb
ist ja auch eine Abneigungen gegen ein allzu pathetisches
Sich-Ergötzen an den Grausamkeiten und Depressionen dieses Tages
keineswegs wünschenswert.
Warum sprechen wir nicht davon, dass die Sterbebegleitung und die
Trauer zu einem Mehr von Nähe führen kann? In dem Begleitheft zu der
Aktion 7-Wochen-Ohne „Näher!“ beschreibt die Seelsorgerin Kerstin
Pilz von ihren Erfahrungen auf der Palliativstation in der Bad
Lippspringer Karl-Hansen-Klinik. Sie erzählt „von der Schwierigkeit,
eine Tür zu öffnen“, wenn sie jeden Montag an die Türen auf der
Palliativstation klopft. Sie beschreibt wie es ist, wenn man einen
toten Menschen sieht: „Sonnenstrahlen fallen durch das Fenster
und beleuchten das Gesicht des Toten. Noch bin ich allein im Zimmer.
Der Anblick hat für mich schon fast etwas Heiliges. Es läuft mir ein
Schauer über den Rücken, nicht vor Schrecken, sondern von dem tiefen
Gefühl des Friedens, der in diesem Raum liegt. Der Weg dieses Mannes
war nicht leicht, er hatte immer Angst, keine Luft mehr zu bekommen
… Ich gehe vor die Tür, dort steht die Familie … Wir feiern
gemeinsam eine Abschiedsandacht. Wir versammeln uns um das Bett. Ich
helfe dabei, die Scheu zu überwinden, ihn zu berühren – die Kälte zu
spüren und damit zu begreifen: Er wird die Augen nicht noch einmal
öffnen. Nach dem Segen sehen sie alle gelöst aus. Die Ehefrau setzt
sich, spricht zu ihrem verstorbenen Mann. Gemeinsam am Bett haben
sie ihre Scheu vor dem Tod überwunden. Der Tod ist nicht hässlich,
der Tod kann auch Frieden bringen. Sie sprechen normal miteinander,
sie flüstern nicht mehr. Sie wollen jetzt bei ihm bleiben, ein
bisschen noch, um sich zu verabschieden. Ich kann jetzt gehen ...
“
Haben wir in der Todesgeschichte gehört, wie viel Frieden, wie viel
Versöhnung darin lag: Die Versöhnung zwischen Maria und dem
Lieblingsjünger, am Ende der Satz: „Es ist vollbracht!“, um
nur dieses beides zu nennen. Jesus stirbt im Johannesevangelium
nicht in der Gottesferne, sondern in der Nähe zu den Menschen und
seinem himmlischen Vater.
„Gott war in Christus und versöhnt die Welt mit sich selber … er
hat unter uns aufgerichtet das Wort der Versöhnung.“ Das ist
der Predigttext auf den heutigen Karfreitag aus dem 2. Korinther 5.
Versöhnung, die Nähe schafft, da, wo sonst nur Kälte und Ferne und
Verlassenheit zu erwarten wären.
Glauben Sie mir, liebe Schwestern und Brüder, die Begleitung eines
Sterbenden kann wie die Trauer Nähe schaffen wie es im Leben oft
nicht gelingt. Unter Tränen sagte mir noch vor zwei Tagen eine
Tochter, die über 50 Jahre keine Zärtlichkeit, keine Umarmung ihres
Vater kannte und sie doch so herbeigesehnt hatte, wie der Vater zwei
Tage vor seinem Tod plötzlich seine Lippen zu einem Kuss formte und
damit zum Ausdruck brachte, wie gern er ihr endlich einen Kuss geben
würde. Die beiden haben sich lange in den Armen gehalten. Versöhnt
und friedlich konnte der Vater sterben und versöhnt und friedlich
kann die Tochter nun trauern.
Bei allem Schmerz über den Tod Jesu: Menschen haben ihn immer wieder
als frohe Botschaft, als guten Tod, der Versöhnung und Frieden
bringt, begriffen. Wir haben eben die Geschichte von der Grablegung
Jesu gehört. Sie wird selten bis gar nicht gepredigt.
Aber sie ist auch eine Versöhnungsgeschichte. Der reiche Josef von
Arimathäa, ein Mann der Macht, der mit der Macht reden kann, setzt
sich bei Pontius Pilatus für die Beerdigung des Leichnams Jesu ein.
Ein versöhnlicher Akt, Pilatus erlaubt ihn. Nikodemus, der
Pharisaäer, dem die Berührung von Toten ganz streng verboten war,
ist nichts zu teuer. Die wertvollsten Öle gibt er her. Er selbst
berührt den Leichnam, salbt ihn, wickelt ihn in kostbare
Leinentücher. So eine Mühe macht man sich nur mit dem, was einem am
nächsten steht. Befähigt zu einem alle Grenzen sprengenden
Liebesdienst kann nur jemand, der befreit ist, der versöhnt ist
durch Gottes Liebe. Es wäre Aufgabe der Familie, der besten Freunde
gewesen, Jesus zu bestatten. Die sind alle weit weg. Aber nahe sind
diese beiden: Josef und Nikodemus, eher zwei Randgestalten in der
Passionsgeschichte, jetzt aber ganz dabei. In ihrem Tun wird auch so
viel Hoffnung deutlich: Das ganze aufwändige Salben und
Einbalsamieren macht doch nur Sinn, wenn zumindest für die beiden
der Tod Jesu eben nicht das Ende einer Geschichte, sondern der
Beginn eines neuen, friedlichen, versöhntes Miteinander steht.
Anrührend, das Verhalten der beiden. Das soll uns nahe gehen. Auch
Hoffnung machen. Eben nicht vor dem Tod zu kapitulieren, sondern den
Mut zu haben, sich ihm zu stellen. Türen zu öffnen und
hindurchzugehen – auch gegen anfängliche Widerstände.
Ich möchte noch einmal Kerstin Pilz zu Wort kommen lassen:
„Montagmittag bin ich immer froh, dass ich an die Türen geklopft
habe und hineingebeten worden bin. Ich weiß dann, dass ich den
Menschen etwas geben konnte. Zeit zum Zuhören, Zeit zum Schweigen,
meine Hand zum Halten. Jeden Montag bedeutet für mich nicht nur zu
geben, sondern vor allem beschenkt zu werden. Da ist für mich das
Geschenk, in meinem Glauben immer wieder aufs Neue bestärkt zu
werden, denn ich darf bei meinen Besuchen spüren, dass auch ich
nicht allein bin. Christus ist mit dabei – vor jeder Tür, in jedem
Zimmer, an jedem Bett. Und zum andern ist es das Geschenk , die
Zimmer bereichert zu verlassen, Die Menschen, denen ich begegnet
bin, haben mich mit ihrer Nähe erfüllt, indem sie mit mir gelacht,
geredet, geweint oder geschwiegen haben. Ich werde wohl jeden Montag
meine Scheu aufs Neu überwinden, um diese Nähe zu erfahren.“
Ich wünsche uns allen diesen Mut zur Nähe.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 03.04.10