Osteraugen
Predigt am Ostersonntag - 4. April 2010
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
II. Reihe: 1. Kor 15, 1-11
Ich tue euch aber, Brüder, das Evangelium
kund, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in
dem ihr auch steht,
durch das ihr auch errettet werdet, wenn ihr festhaltet, mit welcher
Rede ich es euch verkündigt habe, es sei denn, daß ihr vergeblich
zum Glauben gekommen seid.
Denn ich habe euch vor allem überliefert, was ich auch empfangen
habe: daß Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den
Schriften;
und daß er begraben wurde und daß er auferweckt worden ist am
dritten Tag nach den Schriften;
und daß er Kephas erschienen ist, dann den Zwölfen.
Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von
denen die meisten bis jetzt übriggeblieben, einige aber auch
entschlafen sind.
Danach erschien er Jakobus, dann den Aposteln allen;
zuletzt aber von allen, gleichsam der unzeitigen Geburt, erschien er
auch mir.
Denn ich bin der geringste der Apostel, der ich nicht würdig bin,
ein Apostel genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt
habe.
Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade mir
gegenüber ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr
gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes,
[die] mit mir [war].
Ob nun ich oder jene: so [jedenfalls] predigen wir, und so seid ihr
zum Glauben gekommen. Die Auferstehungshoffnung gegen die Leugnung
der Auferstehung.
Christus ist auferstanden.
Er ist wahrhaftig auferstanden.
Was, liebe Gemeinde, gehört bei Ihnen zur Ostertradition? Es gibt da
ja die verschiedensten Bräuche, in der Osterausgabe der Tageszeitung
war diesen Osterbräuchen eine ganze Seite gewidmet: es gibt
besonderes Ostergebäck, in Italien z.B. eine Ostertorte, in Finnland
wird man mit Birken geschlagen und in Schweden z.B. verkleiden sich
Kinder als Osterhexen.
Von einem wunderschönen Brauch habe ich aus der Normandie,
Frankreich gelesen:
Da waschen sich die Menschen am Ostermorgen die Augen mit klarem
Wasser, ganz bewusst und voller Hoffnung, dass sie "Osteraugen"
bekommen. Mit denen sie besser sehen. Mit denen sie das sehen, was
unsichtbar ist und doch wirklich. Ganz einfach: Mit denen sie Ostern
sehen. Den Auferstandenen. Die Auferstehung in ihrem Leben. Die
Auferstehung, die ihrem Leben folgen wird.
Osteraugen. Den Auferstandenen sehen. Ob uns das hilft, können wir
dann glauben, was Paulus aufgeschrieben hat? Dass Jesus auferstanden
ist? Dass er wahrhaftig auferstanden ist?
Selbst Paulus bemüht berühmte Gewährsmänner und immense
Menschenmengen, um die korinthischen Zweifler zu überzeugen.
Jesus wurde gesehen, so schreibt Paulus von zunächst von Petrus mit
dem Beinamen Kephas, danach von den zwölf Jüngern. Danach ist er
gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal. Sollte
das noch nicht reichen? Danach ist er gesehen worden von Jakobus,
danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von Paulus
gesehen worden. Alles wahrhaftig honorige Augenzeugen. Das müsste
doch die Korinther überzeugen. Hilft mir das, zu glauben? Ich glaube
doch lieber nur das, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.
Aber kann ich mich denn wirklich darauf verlassen, was ich mit
eigenen Augen sehe?
Manchmal, muss ich zugeben, wenn ich ehrlich bin, sehe ich den Wald
vor lauter Bäumen nicht.
Ich stehe in einem Geschäft, vor einem Regal, und suche eine ganz
bestimmte Sache. Die Sorte Joghurt, die ich immer kaufe. Das Buch,
das ich letztens doch noch genau hier gesehen habe. Die Nudelmarke,
von der ich weiß, sie müsste doch hier sein. Und ich kann einfach
nicht entdecken, was ich suche. Ich suche und suche, bis ein
freundlicher Mensch sagt: aber genau hier ist es doch, was Sie
suchen, direkt vor ihren Augen.
Seit fast 12 Jahren lebe ich in Lippspringe, fast tagtäglich fahre
ich die Detmolder Straße mit meinem Auto entlang.. Erst letzte
Woche, als ich mit meiner Nichte ein Stück zu Fuß gegangen bin, an
der gleichen Straße entlang, die ich sonst immer befahre, fiel mir
plötzlich ein besonders schöner Baum auf, der da sicherlich schon
länger als 12 Jahre steht.
Eine Bekannte grüßt mich in der Paderborner Fußgängerzone. Ich hätte
sie nicht gesehen, sie glatt übersehen, weil ich sie dort nicht
erwartet hätte.
Geht es Ihnen etwa wirklich ganz anders, liebe Gemeinde?
Wir Menschen sehen eine ganze Menge mit unseren eigenen Augen, aber
nicht alles nehmen wir wahr. Wir sehen nur das wirklich, was wir für
möglich halten, was wir erwarten, was aus unserer Perspektive am
Platz ist.
Auferstehung in unserem Leben. Auferstehung, die unserem Leben
folgen wird, gehört erst einmal nicht dazu.
Und wir sind in guter biblischer Gesellschaft:
Ich denke da an diese zwei traurigen Jünger, die müde heimgehen nach
Emmaus. Alles ist aus. Und ihnen begegnet ein fremder Mann, der sie
freundlich nach ihrem Befinden fragt. Mit dem sie zusammenbleiben
auf dem Weg. Der ihnen dann beim gemeinsamen Abendessen das Brot
bricht. Und erst dann erkennen sie in dem, der ihnen fremd
erschienen war, den Vertrauten, den Freund, den Totgewesenen, den
Auferstandenen. Sie bekommen Osteraugen.
Manchmal werden uns die Augen aufgetan, dann fällt es uns wie
Schuppen von den Augen, dann haben wir Osteraugen.
Manchmal gewinnen wir durch Ereignisse einen ganz anderen Blick. Ich
bin mir sicher, dass Sie als Tauffamilie durch die Geburt Ihres
Kindes eine ganz andere Perspektive auf manche Dinge des Alltags
gewonnen haben.
Manchmal ist es eine Krankheit, die uns zwingt, noch einmal ganz
anders hinzuschauen und die das Aufbrechen aus verkrusteten
Strukturen nach sich zieht.
Auferstehung – die kann man wirklich nur mit Osteraugen erkennen. Da
sieht man dann das Leben hinter der vorfindlichen Wirklichkeit.
Da sieht man durch das dunkle Gewebe aus Alltag und Sorgen was
darunter ist, was wirklich ist.
Ich wünsche uns Osteraugen, für die kleinen und großen Ereignisse
von Auferstehung, in unserem Leben und in dem, was folgt.
Christus ist auferstanden.
Er ist wahrhaftig auferstanden. Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 11.04.10