Kein Mieses Karma
Predigt am Sonntag Quasimodogeniti - 11. April 2010
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
II. Reihe: 1. Petrus 1, 3-9
Gelobet sei Gott und der Vater unsers HERRN Jesu Christi, der uns nach seiner Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das behalten wird im Himmel euch, die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereitet ist, daß sie offenbar werde zu der letzten Zeit. In derselben werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wo es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen,auf daß euer Glaube rechtschaffen und viel köstlicher erfunden werde denn das vergängliche Gold, das durchs Feuer bewährt wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn nun offenbart wird Jesus Christus, welchen ihr nicht gesehen und doch liebhabt und nun an ihn glaubet, wie wohl ihr ihn nicht sehet, und werdet euch freuen mit herrlicher und unaussprechlicher Freudeund das Ende eures Glaubens davonbringen, nämlich der Seelen Seligkeit.
Kennen Sie, liebe Gemeinde, das Buch „Mieses Karma“? Es ist schon vor einiger Zeit erschienen, sehr unterhaltsam, nett zu lesen. Es beschreibt die Geschichte eines Menschen, alltäglich und wahrscheinlich einigermaßen häufig zu finden. Kurz umrissen: Familie, Beruf, Kinder, Karriere, eigene Wünsche und Ansprüche. Und wie so häufig, hat dieser Mensch an vielen, wenn nicht an allen Stellen das Gefühl: ich werde dem, was von mir erwartet wird, nicht gerecht. Ich genüge nicht. Ich selbst komme zu kurz. In einem tragischen Unfall kommt der Mensch dann zu Tode. Und wird, wie das Schicksal will, als Ameise wiedergeboren. Sehr unterhaltsam wird dann auch das Leben als Ameise beschrieben. Mir schien es beim Lesen: na, so viel anders als unser Menschenleben ist das an vielen Stellen auch nicht: arbeiten, tun, machen, Erwartungen erfüllen, nicht genügen, selbst zu kurz kommen….
Große Weltreligionen wie der Hinduismus erzählen von einem
Gesetz, das die Menschen immer wieder in dieses Erdenleben
zurückkehren lässt. Reinkarnation nennen sie es, Wiedergeburt, eine
immer wiederkehrende Geburt.
Und viele Menschen auch im Christentum denken an eine solche
Reinkarnation, wieder-Fleisch-Werdung, Wiedergeburt, wenn sie über
Auferstehung, neues Leben aus dem Tod hören.
Im Petrusbrief, unserem heutigen Predigttext, ist sogar wörtlich die
Rede von Wiedergeburt:
Gelobt sei Gott, Ursprung von Jesus Christus, zu dem wir gehören. Gott hat großes Mitleid gehabt und uns wiedergeboren, so dass Hoffnung in uns lebendig geworden ist, weil Jesus Christus von den Toten aufgestanden ist. (1. Petrus, 1,3 BiGS)
Der Brief beruft sich auf den Apostel Petrus, ist aber deutlich nach
dessen Tod entstanden. Er richtet sich an die Gemeinden in
Kleinasien, deren Situation in den letzten Jahre der Regierungszeit
Kaiser Domitians (90-100 n. Chr.) durch Bedrohung gekennzeichnet
ist. Sie weist). Die Mitglieder der Gemeinden werden als Christinnen
und Christen verfolgt.
Der Briefschreiber war ein Meister seiner Kunst! Im griechischen
Urtext sind all die Verse, die wir in der Lesung gehört haben, nur
ein Satz. Und in diesem einen Satz ist schon der Inhalt des gesamten
1. Petrusbriefes zusammengefasst. Es geht um die Begründung, warum
ChristInnen fremd sind in der heidnischen Welt, es geht darum, sie
zum Durchhalten dieser neuen Existenz zu ermutigen, selbst wenn das
Leiden bedeutet und es geht darum, ihnen deutlich zu machen, dass
sie damit in der Nachfolge Christi stehen.
Das alles hört sich für uns, in der Sicherheit des Abstands von fast
2000 Jahren, alles einigermaßen theoretisch an. Ist das wirklich so?
Und wie steht es denn dann mit der so populären Wiedergeburt. Sagt
uns der Petrusbrief, dass wir in der Tat damit rechnen müssen, in
einem nächsten Leben als Ameise wiedergeboren zu werden, wenn wir
denn wirklich die Erwartungen nicht erfüllt haben, nicht genügt
haben. Oder wird es denn dann doch die Wiedergeburt als irgendeine
Art „Paris Hilton“ sein, reich, schön und mächtig, wenn wir dieses,
unser Leben gut gemeistert haben und belohnt werden sollen?
Ich für mich finde das „existentiell“ im wahrsten Sinne des Wortes,
es geht um mein Leben!
Um das vorweg zu nehmen: wenn Bibel und christliche Tradition von
Wiedergeburt sprechen, dann ist nicht eine Kette von
Re-Inkarnationen gemeint, bis man irgendwann seine Schuld und
Leidenschaft abgearbeitet hat und sich in das endlose Nichts
auflösen kann. Menschen kommen nicht alle Jahre wieder auf die Welt,
sondern nur einmal, ein einziges Mal.
Wir müssen in diesem Leben keine Schuld aus vergangenen Tagen
abarbeiten. Wir müssen uns in diesem Leben kein besseres nächstes
verdienen.
Wir werden nicht wiedergeboren, um von vorn anzufangen, um uns
weiter entwickeln zu müssen, sondern wir sind wiedergeboren zu neuer
Hoffnung.
Die Wiedergeburt, von der in der Bibel, in unserem Petrusbrief, die
Rede ist, geschieht mit der Taufe. Durch die Taufe schenkt Gott uns
ein neues Leben, hier und jetzt, ein für allemal. Durch die Taufe
haben wir alle wieder eine weiße Weste, unbefleckt und rein.
Neugeboren, wiedergeboren aus dem Wasser und dem Geist, verändert
und verwandelt durch den Glauben an Jesus Christus. Ein
Herrschaftswechsel hat stattgefunden. Nicht mehr Bürger dieser Welt,
die im Tempel verschiedenen Göttern opfern, den Kaiser als
gottgleich verehren und die alten Riten und Bräuchen befolgen
müssen. Als Bürgerinnen und Bürger von Gottes Reich bekennen sich
die Neugetauften zu Jesus Christus, ihrem Herrn. Sie glauben, dass
der Tod nicht mehr das letzte Wort hat. Sie vertrauen darauf, dass
Jesus Christus von den Toten auferstanden ist. Das glauben sie und
das haben sie öffentlich vor Gott und den Menschen bei der Taufe
bekannt.
Sicher, auch Christen werden sterben. Das wissen sie. Aber sie
vertrauen auf die Zusage Gottes, dass dann nicht alles aus ist. Sie
hoffen, dass ihnen die Zusage gilt: wiedergeboren zu werden zu
einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von
den Toten. Sie beziehen ih¬re Kraft aus dem Vertrauen, dass Jesus
Christus bei ihnen ist, sie durch ihr Leben begleitet und sie
jenseits der Pforte des Todes erwarten wird.
Was es mit der Auferstehung auf sich hat, wie sie erklärt werden
soll, kann ich auch nicht sagen. Es bleibt das Geheimnis Gottes.
Wenn wir Auferstehung sagen, meinen wir: Gott wird uns nicht im Tod
lassen, sondern um Jesu willen neu ins Leben rufen in die
Gemeinschaft mit ihm und allen, die an ihn glauben.
Wie schon gesagt: das ist alles andere als ein theoretisches
Gedankenspiel, es ist existentiell, es geht um mein Leben!
Denn auch wenn ich nicht in solcher Unterdrückung und Gefahr leben
muss, wie die Menschen, die der Petrusbrief zunächst gemeint hat, so
gilt doch auch für uns: Ein Herrschaftswechsel hat stattgefunden.
Nicht mehr Bürger dieser Welt, die den Göttern Erfolg, Ansehen, Geld
opfern, Jugend und Gesundheit als gottgleich verehren und alten
Riten und Bräuchen befolgen müssen. Als Bürgerinnen und Bürger von
Gottes Reich können wir frei atmen.
Wir müssen uns nicht abmühen zu genügen und Schuld abzuarbeiten, wir
genügen. Wir müssen uns kein besseres nächstes Leben verdienen,
Leben ist Geschenk, allein aus Gnade Gottes.
Kein „Mieses Karma“, sondern starke, gute lebendige Hoffnung! Gott
sei Dank! Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 11.04.10