Beten - aber wie?
Predigt am Sonntag Rogate - 9. Mai 2010
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
II. Reihe: 1. Tim. 2,1-6
Die Predigt wird von einem Tisch im Altarraum aus gehalten:
So, endlich ist Zeit zur Predigtvorbereitung.
Was ist denn Sonntag dran? Reihe II- wieder ein Brief. Nicht gerade
meine Lieblingsstücke. Aber gut- danach geht es ja nicht.
Was- ein Abschnitt aus dem 1. Brief an Timotheus? Das ist doch einer
von diesen Briefen, die im Namen des Paulus alles in bürgerliche
Bahnen lenken wollen- und das 100 Jahre nach Paulus.
Frauenfeindlich sind die, eventuell noch als Dokument zur Geschichte
des Urchristentums zu benutzen. Na ja, vielleicht kann ich darüber
etwas predigen.
Erst mal den Text lesen. Aber ich nehme eine moderne Übersetzung.
Dann geht es sicher schon etwas leichter. 1. Tim 2, 1-6
Ich bestärke euch nun darin, dass es vor allem wichtig ist, zu beten. Nehmt euch Zeit zum Gebet. Bittet und dankt. Schließt alle Menschen ein, auch Kaiser und alle, die eine hohe Stellung innehaben. Betet besonders für sie, damit wir in Frieden ohne Gefahr leben können, loyal Gott gegenüber den den Menschen gegenüber und so, dass andere uns achten.
Das ist gut und gefällt Gott. Gott hat uns gerettet und will,
dass alle Menschen gerettet werden. Gott will, dass alle Menschen
erkennen, was Wahrheit ist: Gott ist einzig. Einen gibt es, der
zwischen Gott und den Menschen vermittelt; Jesus, der Messias, ein
Mensch, der sich selbst geschenkt hat, um andere Menschen zu
befreien.
Nehmt euch Zeit zum Gebet. Wann habe ich das denn das letzte Mal
gemacht? Gestern abend, im Bett? Aber irgendwie bin ich
eingeschlafen. Eigentlich ist es wahr: ich sollte mir mal wieder
Zeit zum Beten nehmen. Ruhig werden, mich besinnen auf Gott und auf
mich. Das täte meinem Glauben sicher gut. Ich könnte Gott eine
Gelegenheit geben, mich zu treffen- wenn ich mir Zeit zum Beten
nehme.
Bittet und dankt. Ich weiß nicht: Bitte ich mehr oder danke ich
öfter?
Kommt auf meinen Tag an. Manchmal fange ich an zu bitten, für mich,
meine Kinder, meine Familie- für Fremde eher weniger. Das mache ich
mehr im Gottesdienst. Manchmal gerät mir auch ein Dank zwischen die
Bitten - wenn zwischen vielem Chaos was Gutes war. Manchmal merke
ich das sogar dann erst. Bittet und dankt- manchmal tut auch Klagen
gut.
Ich finde, Gott kann ruhig wissen, wenn es mir so richtig schlecht
geht.
Aber Konzentration: Zurück zum Text!
Den nächsten Absatz überspringe ich erstmal: Beten für die
Obrigkeit- das konnte ich noch nie gut. Vielleicht wird es hinterher
klarer.
"Schließt alle Menschen mit ein. Gott will, dass alle Menschen
gerettet werden".
Alle Menschen? Ich kapituliere! Ich glaube, ich muss erst mal eine
kleine Pause machen. Ein bißchen Zeitung lesen vielleicht. (Zeitung
wird aufgeschlagen)
"Landtagswahl 2010"-Wählen soll ich ja Sonntag auch noch.
"Landtagswahl 2010: Das muss in Nordrhein-Westfalen besser werden."
O, da wüsste ich auch vieles. Aber mich fragt ja keiner. Irgendwie
fällt mir das mit dem Gebet für den Kaiser und die Regierenden
wieder ein.
Wer die Wahl gewinnt, das ist bei uns ja Gott sei Dank eine
demokratische Entscheidung. Aber wenn schon hier beten, dann bitte
ich: Friedensschaffender Gott! Gib allen Politikern etwas von deinem
Geist, damit sich Gerechtigkeit ausbreitet. Und gib uns Wählern
etwas von deinem Geist, damit wir uns informieren, nachfragen, uns
nicht abspeisen lassen mit Floskeln- vor und nach der Wahl.
Schließt alle Menschen mit ein in euer Gebet! Auch die, von denen
ich hier lese?! "Fünf Autos aus Frust demoliert"
Was da wohl dahintersteckt, hinter dieser Meldung?
Hoffnungslos Kriminelle? Süchtige? Oder Menschen, die mit ihrem
eigenen Leben nicht fertig werden und Hilfe brauchen, damit sie sich
und andere nicht beschädigen?
Nehmt euch Zeit zum Gebet: Und so bete ich: Barmherziger Gott, ich
möchte nicht leichtfertig urteilen über andere. Ich möchte sehen,
dass auch diese Menschen Mütter und Geschwister haben, die sie
lieben. Und ich möchte, dass sie eine Chance und auch noch eine zur
Veränderung bekommen- auch wenns Geld kostet. Lass uns als Kirche
Geld und Zeit dafür aufbringen, Gott!! Das ist mein Gebet.
Ich bin im Wirtschaftsteil gelandet. Davon verstehe ich ja
eigentlich gar nichts. Das verunsichert mich immer so. Meistens
überschlage ich diesen Teil. Heute einmal nicht:"Wenn die Börse
verrückt spielt-
Milliarden von Dollar an Börsenwert waren vernichtet. "
Vor meinem Auge erscheinen Menschen, nicht Dollar. Menschen, die
sich ihren Mais und ihren Reis nicht mehr leisten können, weil
unsere Börse crasht. Das ist Sünde. Aber was kann ich schon dagegen
tun?
Nehmt euch Zeit zum Gebet. Gott des Lebens, vor manchem stehe ich
hilflos. Gib mir Mut, mich zu informieren, gib mir Kraft, zu teilen,
gib mir Elan, mich über ethische Geldanlage zu informieren und nicht
alles unkritisch dem erstbesten Geldinstitut zu überlassen. Und lass
mich nie, nie an das Gesetz des Marktes glauben, den niemand
kontrollieren kann!
Schließt alle Menschen mit ein in euer Gebet!
Jetzt bin ich auf der letzten Seite angekommen. Seit die nicht mehr
bunte Seite heißt, sondern "Aus aller Welt" stehen oft selbst da
noch schreckliche Dinge drauf. Die Meldungen zur untergegangenen
Ölplattform- die werden allerdings immer kleiner. Spielt scheinbar
schon keine Rolle mehr.
"Stahlkuppel wird abgesenkt"
Nehmt euch Zeit zum Gebet: Diesmal mache ich es kurz, Gott.
Lass den Versuch gelingen. Lass nicht zu, dass für unser Öl Meer und
Küsten verseucht werden. Mach uns Menschen demütiger im Umgang mit
unserer Technik!
Jetzt habe ich die ganze Zeit Zeitung gelesen. Und was soll ich
jetzt am Sonntag predigen?
Beten, liebe Gemeinde, öffnet die Augen.
Beten schärft die Sinne, für uns, für andere, für die Welt.
Beten macht uns wacher, aufmerksamer, sensibler. Und damit auch
kritischer, offener, lebendiger.
Wenn wir danke sagen, spüren wir Gottes Liebe wärmer und kräftiger.
Wenn wir bitten, finden wir uns nicht ab mit dem, was unerträglich
ist.
Denn Gott will, dass allen Menschen geholfen werde. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 01.07.10