... hält euch kein Dunkel mehr
Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias - 9. Januar 2011
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III.Reihe: Matthäus 4,12-17
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
sofern noch nicht gewünscht: Ein gutes neues Jahr! Jetzt geht es
wieder los, das neue Jahr. Hoffentlich mit Schwung und Energie, denn
das neue Jahr ist ja noch wie ein weißes Blatt Papier, es ist noch
alles offen.
In diese Situation des Aufbruchs und Anfangs passt wunderbar unser
Predigttext. Hier begegnen wir dem jungen, aufbrechenden,
energiegeladenen Jesus. Gerade hat er die 40 Tage Fasten in der
Wüste mit allen Versuchungen des Teufels heil überstanden. Er hat
erlebt, wie die Engel Gottes zu ihm kamen und ihm dienten. Ein
wahrhaft himmlisches Erlebnis. Matthäus 4,11. Und dann geht es los:
Ab Matthäus 4,12 beginnt unser Predigttext:
Als Jesus hörte, dass man Johannes in den Kerker geworfen hatte, kehrte er nach Galiläa zurück. Er verließ die Gegend um Nazareth und blieb längere Zeit in Kapernaum am See Genesareth, im Gebiet der Stämme Sebulon und Naphtali. So sollte in Erfüllung gehen, was der Prophet Jesaja gesagt hat: „Du Land von Sebulon und Naphtali, am See, auf der anderen Seite des Jordans, du bist das Galiläa der Heiden. Das Volk, das im Dunkeln wohnt, hat ein großes Licht gesehen, und für die Menschen, die im finsteren Schattenreich des Todes leben, ist ein großes Licht aufgegangen.“ Von da an begann Jesus mit der Verkündigung. Er rief den Leuten zu: „Kehrt um! Gottes Herrschaft steht vor der Tür.“ (Übersetzung Klaus Berger, Christiane Nord, 1999)
Der Herr segne unser Reden und unser Hören. Amen.
„Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ So heißt
es altbekannt bei Martin Luther. „Kehrt um! Gottes Herrschaft steht
vor der Tür!“ so heißt es nahe am Urtext übersetzt. Ein
selbstbewusster, junger, begeisternder Jesus begegnet uns hier.
Jetzt will er es wissen. Johannes der Täufer im Gefängnis – das ist
für ihn geradezu ein Ansporn, die frohe Botschaft in die Welt zu
posaunen, dass alle sie hören: „Kehrt um! Gottes Herrschaft steht
vor der Tür!
Angst kennt Jesus nicht, wieso auch. Selbst der Teufel konnte ihm
nicht beikommen. Er hat Gottes Macht am eigenen Leib erfahren. Und
nun möchte er, dass alle anderen Menschen auch diese befreiende
Macht Gottes erleben.
Um „Umkehr“ geht es ihm. Griechisch: Metanoia. Um eine komplette
Kehrtwendung der Sichtweisen. Dafür gibt es auch den Begriff „Buße“.
Aber Buße klingt in diesem Zusammenhang zu sehr nach Sack und Asche,
nach Freudlosigkeit. Metanoia, Umkehr – das meint aber Neuanfang,
Befreiung. Wie neugeboren sollen sich die Menschen fühlen. Jesus
will ihnen die Augen öffnen für all die Zeichen der Gegenwart
Gottes, so, wie er sie erfahren hat: „Dem alle Engel
dienen …
„Nur von Verwandelten können Wandlungen ausgehen.“ Sören
Kierkegaard. Jesus ist durch seinen Aufenthalt in der Wüste, durch
den Sieg über den Tod verwandelt. Er weiß, jetzt worauf es ankommt.
Er kennt die Kraftquelle für sein Handeln. Er weiß, Gott hat die
Macht, sonst niemand. Eine wunderbare Wandlung.
„Dem alle Engel dienen wird nun ein Kind und Knecht.“
Jesus kommt als Diener in die Welt. Ganz folgerichtig geht er nicht
zuerst nach Jerusalem oder in die anderen Paläste der Herrschenden.
Er geht in die Hütten der Entrechteten. Ihnen bringt er Gottes frohe
Botschaft von der Rettung nahe. „Kehrt um! Schaut auf! Gottes
Herrschaft bricht an! Gott erhebt die Niedrigen, aber die Reichen
lässt er leer ausgehen. Das gilt ab sofort euch, die ihr in der
Armut in Galiläa wohnt: „Das Volk, das im Dunkeln wohnt, hat ein
großes Licht gesehen, und für die Menschen, die im finsteren
Schattenreich des Todes leben, ist ein großes Licht aufgegangen.“
Galiläa – das war damals hinterste Provinz. Kapernaum, Nazareth –
das waren Dörfer, deren Bewohner nicht ernstgenommen wurden von den
Mächtigen der Zeit. Und genau das die Botschaft Jesu: Metanoia,
Umkehr. Das Kleine wird groß und das Große wird klein. Gott ist
gekommen, das Verlorene zu finden. Gott macht den neuen Anfang
möglich: Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr
sein Haupt. Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt.“
Zitate aus dem Lied „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht
mehr fern“ von Jochen Klepper. Jetzt ist heller Tag. Jetzt erreicht
die frohe Botschaft die Menschen in der Finsternis, die bisher immer
ausgeschlossen waren von allen frohen Botschaften.
Und dabei provoziert Jesus mit seiner Botschaft von Anfang an die
Mächtigen seiner Zeit. Denn auch ihnen mutet er Metanoia, Umkehr zu.
Und dazu braucht er Mut. Bis auf den heutigen Tag braucht es Mut,
für die Gerechtigkeit der Schwachen einzustehen, die aus Jesu froher
Botschaft folgt. Dazu noch einmal Sören Kierkegaard aus seinem Werk
„Der Augenblick“:
„In der prächtigen Domkirche tritt der hochwohlgeborene, hochwürde
geheime General-Oberhofprediger auf, der auserwählte Günstling der
vornehmen Welt, er triff auf vor einem auserwählten Kreis von
Auserwählten und predigt gerührt über den von ihm selbst
auserwählten Text: ‚Gott hat auserwählt das Geringe vor der Welt und
das Verachtet‘ und da ist niemand, der lacht.“
Solange uns das Eintreten Jesu für die Geringen dieser Welt nichts
kostet, können wir das ja tolerieren oder finden es sogar gut. Aber
das ist Jesus zu wenig. Er predigt „Umkehr“, „Neuanfang“ – und damit
„Teilen“, „Verzicht“, eben ganz neue Sichtweise der Welt. Bei Jesus
ist es die arme Witwe, die er auswählt, der Gichtbrüchige, die
blutflüssige Frau, die Leprakranken – und eben nicht der
hochwohlgeborene, hochwürdige geheime General-Oberhofprediger,
soviel Anerkennung ihm auch immer entgegengebracht wird.
So, liebe Schwestern und Brüder, wünsche ich Ihnen ein gutes neues
Jahr. Ein Jahr voll neuer Sichtweisen, voller Neuanfänge, voller
überraschender und verblüffender Erkenntnisse: Gott ist auf meiner
Schattenseite. Ich brauche meine Dunkelheiten gar nicht mehr
verstecken.
Gott ist auf der Seite der Kranken, der Zweifler, der Übersehenen,
der Sterbenden, der Trauernden und Traurigen. Wenn ich mich klein
und hilflos fühle, dann ist mir Gott ganz nahe und eben gar nicht
fern und weit weg wie ich immer dachte.
Für das neue Jahr gilt sicher auch:
„Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und –
schuld.“
Aber es gilt auch – und gerade in der Epiphanias-Zeit,
in der es ja um die Erscheinung des göttlichen Lichtes in unserer
Welt geht – weiter:
„Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein
Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“
Die Nacht ist vorgedrungen,
Strophe 4
Dass der Stern der Gotteshuld gerade denen im Dunkel scheint,
verwirrt die im Lichte auch heute noch. Aber das ist so. Dies zu
begreifen, setzt Umkehr voraus. Umkehr der Sichtweise: Nicht nur auf
den Boden, nicht nur in die Traurigkeit zu schauen, sondern den
Blick aufzurichten, auf Gottes Liebe zu schauen, den Glanz über der
Krippe von Bethlehem: Gott wurde Mensch, damit die Kleinen und
Schwachen leben können.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
euch durch Jesus Christus, unsern Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 09.01.11