Der Maßstab für Gottes Liebe ist 0
Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis - 26. Juni 2011
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
III. Reihe: Johannes 5,39-47
Liebe Gemeinde,
vorbei die Zeit der schönen Feste und Feiern im Kirchenjahr, jetzt
beginnt die Zeit nach Trinitatis, der Alltag, in dem sich der Glaube
bewähren muss. Manchmal mühsam und anstrengend.
Insofern ist auch der Predigttext für diesen Sonntag nicht besonders
erbaulich, eher sperrig, mühsam und vielleicht sogar anstrengend.
Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen ewiges Leben zu haben – und jene sind es doch gerade, die über mich Zeugnis ablegen. Aber ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt. Ich sammle nicht Anerkennung von Menschen, sondern ich habe euch durchschaut: Ihr habt die Liebe Gottes nicht in euch. Ich bin im Namen Gottes gekommen, die mir wie Mutter und Vater ist, und ihr nehmt mich nicht an; wenn jemand anders im eigenen Namen kommt, den werdet ihr annehmen. Wie könnt ihr glauben, wenn ihr Anerkennung voneinander sammelt, statt nur die Anerkennung von Gott, der Einzigen, zu suchen? Meint nicht, dass ich euch bei Gott anklage, die mir wie Vater und Mutter ist; Mose ist es, der euch anklagt, er, auf den ihr eure Hoffnung setzt. Wenn ihr nämlich Mose glauben würdet, würdet ihr auch mir glauben; denn über mich hat er geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr dann meinen Reden glauben?« (Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)
Habe ich Ihnen jetzt die Lust am Zuhören vergällt?
Schade, denn ich würde Sie gerne mit hinein nehmen in einige
Gedanken zum Text.
„Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen ewiges Leben
zu haben“ – so lässt der Text aus dem Johannesevangelium Jesus
seinen Gegnern gegenüber Stellung beziehen.
Ihr, in diesem Fall „die“ Juden.
Und schon hier bleibe ich hängen. Die Juden gibt es so wenig wie die
Christen und die Muslime und es gab sie auch zu Jesu Zeiten nicht.
Auch das Judentum ist eine Religion mit verschiedensten Strömungen,
Meinungen, theologischen Schulen etc. Der Mehrheit der Bevölkerung
wird der Rabbi aus Nazareth egal gewesen sein und außerdem, er war
doch einer von ihnen, ein Jude nämlich.
Gute 100 Jahre später ist die Situation verändert. In der Metropole
Ephesus duldet die römische Staatsmacht vieles, Hauptsache, die
Macht und Autorität Roms wird nicht angetastet.
Die jüdischen Gemeinden auch die in Ephesus lebt unter dem relativen
Schutz einer offiziell geduldeten Religionsgemeinschaft, sie dürfen
ihre Riten befolgen. Dieser römische Religions“friede“ wird massiv
gestört durch die ersten Juden, die sich zu dem als politischer
Aufrührer, als Terrorist hingerichteten, Messias Jesus bekennen, die
Judenchristen, die ersten Christinnen und Christen eben. Die
alteingesessenen Gemeinden haben einiges zu verlieren, wenn die
Staatsmacht aufmerksam wird und die neue Gruppe wirft der Gemeinde
vor, faule Kompromisse eingegangen zu sein. Es kommt zu
Diskussionen, vielleicht hitzigen Debatten.
Der Judenchrist Johannes versucht zu vermitteln. Die Schüler des
Johannes in späteren Zeiten, als die Auseinandersetzung in den
Gemeinden eskaliert, stecken die Fronten deutlicher ab „aber ihr
wollt ja nicht zu mir kommen“ – Rückendeckung von höchster
Autorität, dem Namen Jesu nämlich.
Sie hatten mit ihren Worten in einer konkreten Auseinandersetzung
nicht vor, Grundlage für eine Tradition der Judenfeindschaft in den
christlichen Kirchen zu sein.
„ich habe euch durchschaut: Ihr habt die Liebe Gottes nicht in
euch“
Während der erste Gedankensplitter gerade eben historisch und
kirchengeschichtlich und auch politisch wichtig ist, zucke ich jetzt
innerlich zusammen. Durchschaut?! Die Liebe Gottes nicht in euch?!
Das könnte mich ganz persönlich treffen. Habe ich nicht genug
geglaubt, nicht genug gebetet, nicht genug in die Kollekte getan,
nicht genug… - genüge ich Gott nicht? Habe ich seine Liebe nicht
genug verdient und Jesus durchschaut das natürlich sofort?
Wann reicht denn das, was ich tue? Wie hoch hängt die Messlatte? Ihr
habt die Liebe Gottes nicht in euch. Was ist denn der Maßstab für
Gottes Liebe?
Der Maßstab für Gottes Liebe ist 0. Daran erinnert uns jede Taufe.
Weder Linda noch Jonathan sind große Glaubensheldinnen und Helden
(ohne den beiden zu nahe treten zu wollen), sie können es werden,
natürlich, aber zunächst mal sagt Gott: Ich liebe dich.
Der Maßstab für Gottes Liebe ist der Nullpunkt. Manchmal müssen wir
erwachsene und kluge und gescheite Menschen auf den Nullpunkt
zurückgeworfen sein um zu erkennen: Gott liebt, allein aus
Freundlichkeit, allein aus Gnade.
Und damit hängt der dritte Gedanke zusammen, der mir aus diesem
Johannestext ins Auge springt:
„Wie könnt ihr glauben, wenn ihr Anerkennung voneinander sammelt,
statt nur die Anerkennung von Gott, der Einzigen, zu suchen?“
Anerkennung der Menschen? Dafür kann ich etwas tun. Fleißig
arbeiten, freundlich und ehrlich sein. Großzügig, aber nicht zu
sehr. Klug. Und und und.
Manchmal reicht es sogar, schön zu sein oder reich oder ein großer
Schaumschläger zu sein oder ein Selbstdarsteller um Anerkennung der
Menschen zu erhalten.
Für die Anerkennung durch Gott nützt das alles wahrscheinlich wenig
oder sogar nichts. 0.
Und an dieser Stelle darf ich einmal ganz formal dem ansonsten von
mir sehr geschätzten Denker Tagore widersprechen, dem der Satz
zugeschrieben wird: Gott achtet mich, wenn ich arbeite und er liebt
mich, wenn ich singe.
Mag sein. Aber: Gott achtet mich auch, wenn ich nichts mehr arbeiten
kann und er liebt mich, trotz meiner Unfähigkeit, einen geraden Ton
zu halten, geschweige denn einen Gesang.
Sie und ich, wir haben die Liebe Gottes in uns, sie wird nur immer
wieder verschüttet von unseren verzweifelten Versuchen anerkannt zu
werden, reich zu sein, klug, selbstständig, fromm, oder was auch
immer.
Eine meiner liebsten Geschichten dazu?
Eine alte Indianerin saß mit ihrer Enkelin am Lagerfeuer. Es war
schon dunkel geworden, das Feuer knackte, die Flammen züngelten in
die Höhe.
Die Alte sagte nach einer Weile des Schweigens: Weißt du, wie ich
mich manchmal fühle? Es ist, als ob zwei Wölfe in meinem Herzen
miteinander kämpften. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv
grausam. Der andere ist liebevoll, sanft und mitfühlend.
Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen, fragte das
Mädchen.
Bedächtig antwortete die Alte: Der, den ich füttere.
(aus: Oh! Noch mehr Geschichten für
andere Zeiten)
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 26.06.11