Dinge müssen nicht so bleiben, wie sie sind
Predigt am 1. Weihnachtstag - 25. Dezember 2010
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
III. Reihe: Micha 5,1-4a
Banksy Bethlehem (Alle Rechte vorbehalten von untitledstreetart.co.uk)
Und du Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir kommen, der in Israel HERR sei, welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Indes läßt er sie plagen bis auf die Zeit, daß die, so gebären soll, geboren habe; da werden dann die übrigen seiner Brüder wiederkommen zu den Kindern Israel. Er wird aber auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und im Sieg des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, soweit die Welt ist. Und er wird unser Friede sein.
Bethlehem, liebe Gemeinde,
Betlehem ist eine Stadt im Westjordanland mit etwa 50.000 Einwohnern. Die
Stadt gehört zu den Palästinensischen Autonomiegebieten und grenzt im Norden an
Jerusalem. Für die 2,1 Mrd. Christen ist die Stadt von besonderer Bedeutung,
weil sie der Überlieferung nach als der Geburtsort von Jesus Christus gilt.
So die eher nüchterne Beschreibung von Bethlehem in der Enzyklopädie Wikipedia.
Aber mal ehrlich – hat Ihr Bethlehem nicht auch viel mehr mit der
Weihnachtsgeschichte des Lukas zu tun, als mit der real existierenden Stadt in
den palästinensischen Gebieten? Mit der Krippe, die Sie bei sich zu Hause
aufstellen oder aus Ihrer Kindheit kennen? Mit dem Krippenspiel früher in der
Kirche, bei dem es Kennzeichen der Hirten war, das Plüschfutter aus einem
ausgedienten Parka zu tragen oder Mutters ausrangierte Lammfellstiefel.
Vielleicht ist Ihr Bild von Bethlehem auch das aus der Kinderbibel von damals:
Hütten von pittoreske Einfachheit, ein klarer Sternenhimmel wölbt sich über
einem Feld, auf dem beschaulich einige Hirten bei ihren Schafen wachen.
Damals, zu der Zeit in der Micha, der Prophet aus dem Ort Moreshet wirkt,
vielleicht gegen Ende des 8. Jhd v.Chr. war das anders. Da hatte Bethlehem
nichts romantisch-pittoreskes, da war Bethlehem schlichtweg Provinz. Ein kleines
verschlafenes Dorf, das nichts vorweisen konnte als das der legendäre König
David in grauer Vorzeit ihm entstammte.
Damals, zu Michas Zeit, waren schlechte Zeiten. Die Assyrer hatten die Macht in
der gesamten Region, und die Herrscher in Jerusalem waren von ihnen abhängig.
Unrecht prangert Micha an. Die willkürlichen Enteignungen von Haus und Land
durch die Mächtigen in Jerusalem, soziale Ungerechtigkeit und Ausbeutung der
Armen.
Und dann, nachdem die große Katastrophe über sie hereingebrochen war, die einige
als Strafe Gottes über Unrecht und Ungerechtigkeit empfanden, das Land in
Trümmern, der Tempel zerstört, das Königshaus vernichtet, Menschen im Exil, da
erinnerte man sich der Worte des unbequemen Propheten: Du Bethlehem Efrata,
die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll der kommen, der in
Israel herrschen wird. Er erwartet die Rückkehr der Vertriebenen. Er
erhofft ein Wiederkommen der Vermissten und Zerstreuten. Er ersehnt eine
Wiederherstellung des zerbrochenen Reiches. Er kündigt einen Friedensherrscher
an. "Er wird der Friede sein." Diese Aussicht hat Micha vor Augen.
Gott macht einen neuen Anfang. Gott eröffnet eine neue Perspektive, jenseits von
dem Glanz und der Pracht Jerusalems, jenseits dessen, was Menschen für möglich
halten und sich vorstellen können.
Jahrhunderte später sehen Menschen in Israel zur Zeit der römischen Besatzung
diese Verheißung erfüllt. Matthäus schreibt: das so in seiner
Weihnachtsgeschichte und auch für Lukas ist die Geburt in Bethlehem die
Erfüllung der alttestamentlichen Weissagungen. Jesus, geboren in Bethlehem, ist
der angekündigte Friedensherrscher.
Und noch einmal Jahrtausende später, heute in Bethlehem? Wie hören Menschen in
Bethlehem heute die Verheißung, die sich mit ihrem Ort verbindet? Die, die heute
leiden unter den ungerechten Strukturen. Unter der Herrschaft der Gewalt. Die,
deren Häuser heute enteignet werden von den Machthabern in Jerusalem?
Und wie hören wir heute die große Vision des Micha? Auch hier, bei uns, heute,
sind die Zeiten für viele Menschen hart. Stehen Menschen vor den Trümmern ihres
bisherigen Lebens, weil Krankheit sie betroffen hat, der Tod eines lieben
Menschen, der Abschied von ihren bisherigen Lebensplänen. Auch hier, bei uns,
heute sind Hoffnungen zerstört, Träume vernichtet. Auch hier, bei uns, können
wir einiges sehen und erzählen von Unrecht und Ungerechtigkeit und der
Ausbeutung der Schwachen, vom Leben auf Kosten der Machtlosen. Und von unsrer
eigenen Hilflosigkeit, manchmal sogar von Resignation.
„Du Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll der kommen, der in Israel herrschen wird.“ (Micha 5,1)
Und ihr werdet finden das Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Lukas 2, 12)
Gott wählt nicht das große Wunder und bindet sich auch nicht an alte und
bekannte Strukturen.
Wo wir es am wenigsten erwarten, kommt Gott uns neu entgegen. Dinge müssen nicht
so bleiben, wie sie sind.
Seine Liebe zu uns hat Gott öffentlich gemacht, ins Leben gebracht. In der
Krippe hat es überraschend klein angefangen. Mitten im Unscheinbaren war einen
Moment Frieden auf Erden, wurde einen Moment den Unansehnlichen die gute
Nachricht verkündet, wurde Bethlehem der wichtigste Platz auf der Welt, der Ort,
an dem Gott da ist uns alles in allem. Und wir können aufatmen. Und Acht haben
auf die kleinen und guten Wendungen des Lebens.
Einer dieser Momente für mich: ein Gottesdienst im Altenheim, die Konfis hatten
Engel gebastelt, einfach aus Pappe, aber ganz hübsch und mit einer kleinen Feder
als Flügel. Ich habe die dann verteilt und noch über die Engel gesprochen. Und
ich bin sicher, dass eine Dame, mit fortgeschrittener Demenzerkrankung, nichts
von meinen klugen Worten wahrgenommen hat. Aber die ganze Zeit über saß sie da,
ganz ruhig, in sich ruhend, und streichelte lächelnd den Flügel des Engels. Und
ich konnte spüren, wenn auch nur für einen Moment, es war gut. Ich wünsche Ihnen
allen solche weihnachtlichen Momente, immer wieder. Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 30.12.10