An Gottes Seite bleiben
Predigt am 12.Sonntag nach Trinitatis - 11. September 2011
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III.Reihe: Jesaja 29, 17-24
Wohlan, es ist noch um ein klein wenig zu tun, so soll der Libanon ein Feld werden, und das Feld soll wie ein Wald geachtet werden. Und zu derselben Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen, und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Armen unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels, wenn die Tyrannen ein Ende haben und es mit den Spöttern aus sein wird und vertilgt sein werden alle die, so wachen, Mühsal anzurichten, welche die Leute sündigen machen durchs Predigen und stellen dem nach, der sie straft im Tor, und stürzen durch Lügen den Gerechten. Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob also: Jakob soll nicht mehr zu Schanden werden, und sein Antlitz soll sich nicht mehr schämen. Denn wenn sie sehen werden ihre Kinder, die Werke meiner Hände unter ihnen, werden sie meinen Namen heiligen und werden den Heiligen in Jakob heiligen und den Gott Israels fürchten. Denn die, so irrigen Geist haben, werden Verstand annehmen, und die Schwätzer werden sich lehren lassen. (Jesaja 29,17-24)
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus,
unserm Herrn. Amen.
Drei Sätze aus dem Predigttext:
„Die Augen der Blinden werden wieder Freude
haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich
sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den
Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt
werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten. Und die,
welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die,
welche murren, werden sich belehren lassen.“
Soweit der Prophet Jesaja. Gott segne dein Wort an uns allen.
Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
damals zur Zeit des Jesaja ging alles drunter und drüber. Es war
eigentlich eine Zeit des Untergangs. Der Kleinstaat Juda war am
Ende, die sogenannte Führungselite unfähig, die Verantwortlichen des
Tempels in Jerusalem feige und unglaubwürdig, die einfachen Leute
unterdrückt, verängstigt und gelähmt. Und Gottes Wort in dieser Zeit
war: der Untergang kommt - und ihr habt ihn euch selbst
zuzuschreiben.
Mitten in diese Situation hinein diese so Mut machenden,
aufbauenden, hoffnungsvollen Worte. Hier spricht einer, der nicht
mit einstimmt in das allgemeine Gejammer. Hier ist einer, der auf
Gott setzt und der den Mut hat, in schweren Zeiten über den Horizont
hinauszublicken auf das, was wirklich wichtig ist - und was wirklich
Gottes Wille ist.
Wir hören die prophetischen Worte heute am Jahrestag des
11.September 2001. Diese Worte können als ein Gegenbild zu den
einstürzenden Türmen des World-Trade-Centers in New York verstanden
werden. Die fanatischen Täter wollten ein epochales Bild des
Schreckens und der Zerstörung schaffen, während der Prophet ein Bild
verwandelter Landschaft und veränderter sozialer Beziehungen vor
Augen steht.
In der Vorbereitung dieses Gedenkgottesdienstes hat ein Theologe die
Worte des Propheten deshalb versucht, in unsere Zeit zu übertragen.
Sie klingen dann so:
„Es kann nicht mehr lange dauern, da werden die Menschen sich nicht
mehr bedroht fühlen, wenn sie in Hochhäusern arbeiten, in U-Bahnen
oder Flugzeuge einsteigen. Sie werden sicher leben. Die großen
Städte werden zu Orten der Begegnung und der Verständigung. Keine
und keiner wird ausgegrenzt und an den Rand gedrängt. Die Tauben
werden Gottes Weisung zum Leben hören und die Blinden, deren Augen
von Hass und Rache verdunkelt sind, werden endlich sehen. Die Armen
werden sich freuen, weil Gott ihnen zu ihrem Recht verhilft und auch
für die ärmsten Länder wie Afghanistan oder Pakistan endlich eine
hoffnungsvolle soziale Zukunft sichtbar wird. Der Aberglaube der
militärischen Lösungen des Terrors wird zu Ende sein. Wie die
orientalischen Despoten in der arabischen Welt werden auch die
anderen Diktatoren verschwinden. Die Medien werden über erfolgreiche
Friedensinitiativen berichten statt über die Opfer von
Selbstmordanschlägen mit ihren zahllosen Opfern Die politischen und
sozialen Ursachen des Terrorismus - Armut, das Gefühl religiöser und
kultureller Unterlegenheit und die Aussichtslosigkeit vieler junger
Menschen – verlieren ihre Wirksamkeit, weil sie gezielt beseitigt
werden. Die Folter, die jedem Verständnis des Rechtsstaates
widerspricht, wird es nicht mehr geben. Gefängnisse wie Guatanamo
oder Abu Ghraib werden endgültig der Vergangenheit angehören, weil
sie das Recht, das auch dem Rechtsverletzer gilt, verhöhnen. Profit-
und Machtinteressen, die das Recht beugen, werden in ihre Schranken
gewiesen. Die Welt wird sich an den Weisungen Gottes ausrichten,
weil sie erkennt, dass es nur auf diesem Weg Leben und Hoffnung
gibt. Sie muss nicht mehr erbleichen noch sich schämen, wenn sie die
täglichen Schreckensmeldungen von Krieg, Gewalt, Hunger und
Entrechtung hört. Als „gute Schöpfung“ wird gesehen, was beschädigt
und verletzt, zerstört und verwahrlost wurde. Die verwirrten
Geister, die meinten, sie könnten eindeutig zwischen gut und böse
unterscheiden und von der „Achse des Bösen“ sprachen, werden
einsehen, dass dies eine schreckliche Anmaßung mit verheerenden
Folgen für eine friedliche Entwicklung war. Und die Besserwisser,
die Rechthaber und Dauernörgler werden zur Vernunft kommen, d.h. sie
werden statt bloß zu kritisieren nach Zielen fragen, die erreichbar
sind und die Lage der Armen und Rechtlosen tatsächlich verbessern.
Gott selbst weist sie auf diesen Weg.“
Was für eine Vision, die so ganz anders klingt als die
Untergangsparolen der Fanatiker auf allen Seiten. Worte die Hoffnung
geben, aber die auch realistisch gemeint sind. Denn mit dem
Propheten spricht hier einer, der Grund genug zur Klage hätte. Der
Prophet weiß, dass die Not in seinem Land sehr groß ist. Er kennt
die Verzweiflung, die Angst, die Sorge um die Zukunft am eigenen
Leib. Er ist eng verbunden mit der Klage der einfachen Leute, die so
ohnmächtig zu Opfern werden. Es sind es immer die kleinen Leute, die
die Zeche bezahlen. Der Prophet leidet mit. Er sagt nicht: Weiter
so! Wir schaffen das schon! Er will nicht vertrösten und sinnlose
Durchhalte-Parolen ausgeben.
Er gibt auf dem Höhepunkt der Sorge um die Zukunft einen Einblick in
Gottes Sicht der Dinge. Das ist etwas ganz anderes als „positives
Denken“ und ein „Es wird schon wieder.“ Der Prophet nimmt das
Düstere, das Traurige, die Sorgen der Menschen ernst und sagt: „Ja,
auch das ist ein Teil des Lebens. Auch das Leid, auch die Furcht,
sogar der Tod gehören dazu. Und - ihr könnt nicht einmal Gott dafür
verantwortlich machen, ihr habt selbst schuld daran.“
„Wie kann man heute Kinder in die Welt setzen, wo alles so schlimm
ist!“ das sagte mir ein junges Ehepaar. Ich bestreite gar nicht,
dass unsere Zeiten keine gute Zukunftsprognosen enthalten - aber: es
gab immer schon Zweifel, ob es gut mit der Welt weitergehen wird.
Aber die schlechteste aller Haltungen und - nebenbei: die
unchristlichste - wäre es, die Hände in den Schoß zu legen und still
vor sich hin zu jammern. „Und wenn morgen die Welt unterginge, würde
ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Das war der Glaube
Martin Luthers.
Gott ist nicht derjenige, der uns ein leidloses, immer erfolgreiches
Leben verspricht. Das tun gerne Politiker, Versicherungsvertreter,
Sektengurus, religiöse Fanatiker. Und genau die halten nicht, was
sie versprechen. Gott verspricht etwas anders - und er verspricht
mehr: „Ich gebe euch eine gute Zukunft. Ich werde den Tyrannen den
Mund stopfen und die Mächtigen lächerlich machen. Ich werde den
einfachen Menschen die Augen öffnen und die Ärmsten der Armen
belohnen. Die Menschen werden unendlich fröhlich werden und feiern.
Am Ende wird die Dummheit besiegt und der Verstand wird sich
durchsetzen. Und selbst die Unbelehrbaren werden ein Einsehen
haben.“
Welche eine Vision für die Zukunft! Was für eine Hoffnung! Ist
dieser Prophet ein Träumer, ein Spinner? Ja, wenn er sagt: Wir
Menschen werden das erreichen, weil wir so tüchtig und intelligent
sind. Nein, wenn er sagt: Gott wird es so machen. Gott wird dieses
Friedensreich aufrichten. Es kommt, er ist schon auf dem Weg - und
es lohnt sich, durchzuhalten und zu warten. Gott wird siegen. Und er
wird uns die Kraft geben, dass wir neuen Mut, neue Hoffnung
bekommen. Gott gibt die Kraft - weil er noch viel mit uns vorhat,
weil das Beste noch kommt. Ja, es gibt Leid, es gibt sogar die Macht
des Todes. Doch stärker ist Gottes Kraft, sie hat den Tod besiegt,
in Jesus Christus hat Gott die Freiheit vom Tod erzwungen.
Vielleicht kommt Ihnen die Frage danach, was können wir denn tun,
dass weniger Hass, weniger sinnlose Zerstörung, Krieg und Fanatismus
die Tagesordnung der Welt bestimmen. Ja es stimmt, wir können wenig
tun. Aber es ist doch wichtig, sich mutig darauf zu verlassen, was
Gott für Pläne für uns hat. Pläne von Frieden und der Überwindung
der Gewalt allein aus Liebe. Und wenn wir mutig zu dem lebendigen
Glauben an diesen friedliebenden Gott stehen – und auch wenn wir
dabei die einzigen sind – dann haben wir ein Zeichen gesetzt.
Vielleicht sogar ein prophetisches. Und wir bleiben damit an Gottes
Seite in dieser so grausamen Welt.
Ein Beispiel:
Im US-Kongress war es eine Frau, die Republikanerin Barbara Lee aus
Kalifornien, die als einziges Mitglied gegen Präsident Bushs
Resolution zum "Einsatz von Gewalt" stimmte. Das folgende Zitat
stammt aus ihrer Rede vor dem US-Repräsentantenhaus am 14. September
2001.
"... Dieser unaussprechliche Angriff auf die Vereinigten Staaten hat
mich dazu gebracht, mich auf meinen moralischen Kompass zu
verlassen, mein Gewissen und meinen Gott, um Orientierung zu finden.
Der 11. September hat die Welt verändert. Unsere tiefsten Ängste
verfolgen uns jetzt. Und doch bin ich überzeugt, dass militärische
Aktionen nicht in der Lage sind, weitere Akte internationalen
Terrorismus gegen die Vereinigten Staaten zu verhindern...
Wir dürfen nicht zu schnell urteilen. Viel zu viele unschuldige
Menschen sind schon gestorben. Wenn wir möglichst schnell einen
Gegenangriff starten, riskieren wir zu sehr, dass Frauen und Kinder
und andere Nicht-Kombattanten im Kreuzfeuer getötet werden. Wir
dürfen auch nicht zulassen, dass unser gerechtfertigter Zorn über
diese unglaublichen Taten feiger Mörder Vorurteile gegenüber
arabischen Amerikanern, Muslimen, Südostasiaten oder allen anderen
Menschen wegen ihrer Rasse, Religion oder ethnischen Zugehörigkeit
anstachelt.
Schließlich müssen wir vorsichtig sein, uns auf einen zeitlich
unbegrenzten Krieg ohne Beendigungsstrategie und begrenztes Ziel
einzulassen. Wir dürfen die Fehler der Vergangenheit nicht
wiederholen....
Ich habe mir über diese Abstimmung den Kopf zermartert. Aber während
des äußerst traurigen und doch schönen Gedenkgottesdienstes heute in
der nationalen Kathedrale habe ich Klarheit gefunden. Ein Mitglied
des Klerus formulierte es eindrucksvoll: 'Lasst uns bei unserem
Handeln nicht zu dem Übel werden, das wir beklagen.'"
(aus: zivil1/2002)
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 11.09.11