Ein buntes Bild in klaren, leuchtenden Farben
Predigt am 13. Sonntag n. Trinitatis - 18. September 2011
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
III. Reihe: Markus 3, 31-35
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist, und
der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde,
zwei Bilder möchte meine Phantasie Ihrer Phantasie heute morgen malen.
Das erste Bild: leuchtende Farben, klare Formen. Es strahlt Ruhe aus und eine Einladung, sich zu versenken, mitzumachen. Was zu sehen ist auf dem Bild: ein paar Kinder – vielleicht- einige Erwachsene, Menschen mit grauen Haaren, Jugendliche, Männer und Frauen. Eine Gemeinschaft, auch wenn nicht alle dasselbe tun. Manche nachdenklich, manche beschäftigt, manche fleißig, andere chillen. Mancher vielleicht gerade allein, aber niemand einsam.
Hören können wir auch etwas, wenn wir genau hinhören: ein bißchen Lachen, ein paar Diskussionen, "Das sehe ich aber ganz anders", einen kleinen Streit, "Lass mich in Ruhe", eine Versöhnung ist auch dabei: "Es tut mir leid". Ein Kinderweinen wird getröstet, ein Lied wird gesungen, ein Spiel gespielt.
Können Sie es hören, können Sie es sehen, dieses Bild von -ja,
Familie. Das ist das Motiv. Familie so, wie wir sie wünschen, wie
viele von Ihnen hier sie leben und erlebten. Wohl oft mit kleinen
Einschränkungen, etwas unscharf das Bild vielleicht. Aber trotzdem
gut.
Und jetzt das andere Bild. Es ist grau, verschwommen, an manchen
Stellen aber messerscharf. Ich möchte wegsehen von diesem Bild. Es
tut mir nicht gut, es tut denen nicht gut, die leben in diesem Bild.
Wieder sind es Kinder und Erwachsene, Alte und Junge, Männer und
Frauen. Aber keine Gemeinschaft, keine Gemeinsamkeit, kein
Verstehen. Zusammen, aber einsam. Gewalt und Streit liegen unter der
Oberfläche.
Zu hören: Lieblosigkeiten "Das ist mir egal", Gleichgültigkeit "Dass
ist nicht mein Problem", oder auch- eisige Stille. Das Klatschen von
Schlägen. Kein Trost in Tränen, keine Liebe, keine Zuwendung.
Auch das ist Familie. Ich wünsche Ihnen nicht, dass Sie so etwas
erleben mussten oder müssen. Aber das es so etwas gibt, dass wissen
wir alle. In Abstufungen, sicherlich. Zu oft bekomme ich in
Gesprächen etwas davon erzählt, viel öfter und viel schwerer als ich
denke, dass Menschen das aushalten können. In der Kindheit, aber
auch noch im Erwachsenenalter: Familienerfahrungen prägen.
Um Familie geht es auch heute in Worten aus dem Markusevangelium,
dem Predigttext für den heutigen Sonntag. Ich lese Mk 3, 31-35.
Und es kamen Jesu Mutter und seine Brüder
und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen.
Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine
Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach
dir.
Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine
Brüder?
Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach:
Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!
Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester
und meine Mutter.
Oft und gewohnterweise haben wir Mühe mit diesem Text, mit diesen so
radikalen Worten Jesu. Wir leben alle in Familienstrukturen, so, wie
die Menschen es auch zur Zeit Jesu taten. Und auf den ersten
Eindruck zu hören, dass all diese Beziehungen nichts wert seien, das
macht uns unruhig.
Denn: Wir hören diese Worte mit dem Bild von Familie im Herzen- die meisten von uns wohl- das ich zuerst gemalt habe. Wo Familie trägt und hilft, wo Menschen zusammen leben so, wie Gott es sich vorstellt.
Ich bin auch zutiefst davon überzeugt, das dieses Bild seine Gültigkeit behält. Der Jesus, der kranke Kinder geheilt und ihren Eltern zurückgegeben hat, der Aussätzige zurückgebracht hat in die Gemeinschaft ihrer Familie, der kann nicht wollen, dass solches Zusammenleben auf das Reich Gottes hin aufgegeben wird.
Meine Schwester, die mich liebt, darf meine Schwester bleiben, meine Mutter meine Mutter, meine Kinder bleiben meine Kinder - gemeinsam mit mir auf der Suche nach dem, was für unsere Familie und für die Welt Gottes Wille ist.
Aber viele Menschen, die uns begegnen, erleben Familie so, wie im zweiten Bild: grau, gewalttätig, ohne Gottes Willen, ohne Liebe, Barmherzigkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit.
Und da sind Jesu Worte Befreiung, und nichts als Befreiung: Da nämlich, wo die Familie nicht trägt, sondern verletzt, wo Geschwister versagen, wo Mutter und Vater nicht Mutter und Vater sind, wie Kinder sie verdienen, da eröffnet Jesus neue Möglichkeiten. Er schafft Bruder und Schwester nicht ab. Er streicht das Bedürfnis nach elterlicher Liebe, nach Rat und Hilfe, nicht aus dem, was Menschen brauchen.
Er tut etwas anderes: Er zeigt, dass wir solche Liebe, solche Zuwendung und Nähe, solche Barmherzigkeit und Güte auch bei anderen suchen und finden können und dürfen.
Wir als Christinnen und Christen in Jesu Spuren sind aufgerufen, solche Orte, solches Zuhause zu schaffen. Wir sind aufgerufen zu lieben, barmherzig zu sein, dem nah zu sein, der sonst keine Nähe erfährt, uns untereinander nah zu sein. Wir sollen Schwestern sein und Brüder, hier in der Gemeinde, zuhause, überall, wo Menschen sind. Familie Gottes sollen wir sein. Ein neues Zuhause geben, auch wir hier als Gemeinde.
Nicht nur Sonntag morgen, aber auch. Und vielleicht kann es hier
beginnen.
Und so bieten Jesu Worte Befreiung aus bedrückenden Erinnerungen und
Erfahrungen. Das geht sicher nicht ohne Schmerzen ab. Denn es gehört
ein langer Abschied dazu, zu erkennen, wo ich sagen muss und darf:
Hier ist meine Mutter nicht, nicht meine Schwester oder mein Bruder.
Hier ist nur Enttäuschung und ein Leben ohne Freude, ohne Gott.
Aber so ein Abschied und Neuanfang ist möglich, wenn es Freundinnen und Freunde gibt, Mütter und Väter, Schwestern und Brüder, für ein neues Zuhause in Gottes Familie.
Jesus sagt es im Johannesevangelium: "Siehe, Frau, das ist dein
Sohn." "Siehe, Sohn, das ist deine Mutter." So entsteht die Familie
des Auferstandenen.
Ein buntes Bild in klaren, leuchtenden Farben.
Kinder, Erwachsene, Menschen mit grauen Haaren, Jugendliche, Männer
und Frauen. Eine Gemeinschaft, auch wenn nicht alle dasselbe tun.
Manche nachdenklich, manche beschäftigt, manche fleißig, andere
chillen. Mancher vielleicht gerade allein, aber niemand einsam.
Hören können wir auch etwas, wenn wir genau hinhören: ein bißchen Lachen, ein paar Diskussionen, "Das sehe ich aber ganz anders", einen kleinen Streit, "Lass mich in Ruhe", eine Versöhnung ist auch dabei: "Es tut mir leid". Ein Kinderweinen wird getröstet, ein Lied wird gesungen, ein Spiel gespielt. Leben wird geteilt, so wie Gott es will. Zuhause in seiner großen Familie. Als Schwestern und Brüder. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 30.11.11