Hoffnung kann es geben
Predigt am 16. Sonntag n. Trinitatis - 9. Oktober 2011
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
III. Reihe: Klagelieder 3, 1-8.18
Liebe Gemeinde,
"das habe ich noch nie jemandem erzählt- nur dir jetzt!" Kennen Sie
diese Worte? Hat Sie schon einmal jemand zu Ihnen gesagt? Oder haben
Sie sie selbst schon einmal gebraucht?
Vielleicht waren Sie schon einmal das eine Ohr für den anderen, für seine Worte, seine Not. Vielleicht haben Sie jemanden gefunden, dem Sie erzählen konnten, sich Luft machen, klagen.
"Das habe ich noch nie jemandem erzählt"- diese Worte begegnen mir in letzter Zeit häufig bei meinen Gesprächen in den Kliniken.
Ich frage dann manchmal, was daran gehindert hat, zu sprechen, sich jemandem anzuvertrauen. Dann bekomme ich Antworten: Ich wollte niemandem meine Geschichte zumuten. Ich wollte meine Frau nicht damit belasten. Die Kinder müssen doch ihr Leben leben.
Oder: Ich hatte niemandem, sie zu erzählen. Oder: Das wollte doch niemand mehr hören, nach so langer Zeit. Damit konnte ich niemandem kommen.
Und dann, dann gibt es einfach Erfahrungen, die schnüren uns die Kehle zu, machen uns sprachlos und stumm.
Manchmal bringt das Aussprechen die Schmerzen zurück, unmittelbar und erschütternd. Nicht von selbst ist geteiltes Leid halbes Leid.
Und manchmal fehlen die Worte für erlebte Angst und Not.
Dann, liebe Gemeinde, ist es gut, wenn jemand anders Worte findet
für den, dem sie fehlen. Nicht, um sie dem anderen in den Mund zu
legen, sondern um ihm die Worte zu leihen, die er braucht. Die er
oder sie, ich oder Sie hier, brauchen, um wieder sprechen zu lernen,
wieder singen, wieder leben. "Es zum ersten Mal jemandem sagen".
Alles beginnt mit Worten der Klage, einem offenen Ohr, einem
Gegenüber.
Ein Klagelied singen- das hat heute oft so einen abfälligen
Unterton. Aber das Alte Testament kennt Klagelieder: viele finden
wir in den Psalmen. Und eins der bewegendsten Gedichte des Alten
Testamentes ist ein Klagelied, das Klagelied, geschrieben zur
Zerstörung des Tempels in Jerusalem 587 vor Christus, angefüllt mit
schwer zu ertragendem Leid und Not.
Und doch möchte ich Ihnen heute morgen etwas davon zumuten, etwas davon, was ein anderer Mensch uns anvertraut hat, uns erzählt, uns klagt. Mag sein, er leiht Ihnen dabei seine Worte, für manches, was Sie noch niemandem sagen konnten.
Ich lese aus Klagelieder 3
Ich bin der Mensch, der Elend sehen muss durch
die Rute des Grimmes Gottes.
Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins
Licht.
Er hat seine Hand gewendet gegen mich und erhebt sie gegen mich Tag
für Tag.
Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen.
Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal
umgeben.
Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind.
Er hat mich ummauert, dass ich nicht herauskann, und mich in harte
Fesseln gelegt.
Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu
vor meinem Gebet.
Ich sprach: Mein Ruhm und meine Hoffnung auf den HERRN sind dahin.
Tiefe Verzweiflung. Dafür muss Raum sein. Da, wo wir solcher
Verzweiflung, solchen Menschen begegnen, muss Platz sein für solche
Worte. Für das, was noch niemals gesagt werden konnte. Wo das
Unsagbare eine Stimme bekommt. Wo das Unfassbare ein Form erhält,
Worte und Sätze. Wo Leid angesehen und angehört wird.
Dafür muss Raum sein hier in unserer Gemeinde, wenn Menschen
krank und traurig sind, davon erzählen wollen und können. Dafür muss
Platz sein hier im Gottesdienst. Dass wir unsere Toten hier mit
Namen nennen, hat darin seinen Grund.
Dafür muss Raum sein unter Freundinnen und Freunden, in der Familie,
überall da, wo Leben geteilt wird.
Denn überhaupt erst, wo dafür Raum war und ist, kann auch Platz
für anderes sein.
Denn jetzt folgen die Worte, die wir zu Beginn des Gottesdienstes
gemeinsam gesprochen haben, die so ganz anders klingen, und doch
hier zu hören sind:
Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar
aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn
hoffen.
Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem
Menschen, der nach ihm fragt.
Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN
hoffen.
Denn der HERR verstößt nicht ewig;
sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen
Güte.
Fast gegen die eigene Erfahrung, zumindest gegen allen Augenschein,
wird Gott als der bekannt, der alles ändern kann. Können wir
mitsprechen? Bekommen wir neue Worte geschenkt, in alles Klagen
hinein?
Vielleicht kann es ja geschehen, liebe Gemeinde, dass nicht nur
die Klage uns Worte leiht, sondern auch das andere: die Hoffnung auf
eine Zukunft, das Vertrauen in einen Gott, der treu ist und am Ende
voller Güte, der Glaube an Gott, der barmherzig ist und freundlich.
Wenn die Klage an unser Herz rührt, die Klage des anderen und unsere
eigene Klage, dann mag es geschehen, dann rührt auch das Lob Gottes,
aus unserem Mund und aus dem des Nächsten, unser Herz an, stärkt
unseren Glauben und unsere Zuversicht.
Wir finden beides nebeneinander: Klage und Lob. Wir finden es in unserem Leben und in dem der Menschen der Bibel.
Auch der Beter der Klagelieder geht wieder hin zur Klage über sein Schicksal, über das Schicksal der Stadt und des Landes.
Aber in der Mitte, im Zentrum aller Worte der Klagelieder, da
stehen sie und bleiben sie stehen: diese Worte des Gottvertrauens
und der Hoffnung.
Das Aussprechen der Klage, das Anhören durch Menschen, durch uns,
und ich glaube ganz fest daran: das Anhören auch durch Gott,
hat Raum geschaffen, Raum für die Hoffnung in der Mitte.
Denn seien wir gewiss: Hoffnung kann es geben. Das haben die Frauen
und die Menschen in Liberia und im Jemen erfahren. Die
Hoffnungsworte der drei Friedensnobelpreisträgerinnen haben anderen
Hoffnung und Kraft gegeben. Mir, und vielleicht auch Ihnen?!
Hoffnung kann es geben. Ich wünsche es mir, Sie alle kennen einen
Menschen, der im Glauben an Gott die Hoffnung nicht aufgibt. Dem Sie
sagen können, was Sie noch niemandem gesagt haben. Der in Krankheit,
Not und Tod Ihnen seine Worte leihen kann, sie verschenkt, sie laut
sagt mit uns allen und für uns:
Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar
aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist
alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
Und der Friede Gottes, der größer ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 30.11.11