In einem ändern Anblick
Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias - 23. Januar 2011
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Kurseelsorge Bad Lippspringe
III. Reihe: Joh 4, 46 -54
Lesung aus dem Alten Testament (2. Könige 5,1-19a)
Naeman, der Feldhauptmann des Königs von
Syrien, war ein trefflicher Mann vor seinem Herrn und hoch gehalten;
denn durch ihn gab der HERR Heil in Syrien. Und er war ein
gewaltiger Mann, und aussätzig. Die Kriegsleute aber in Syrien waren
herausgefallen und hatten eine junge Dirne weggeführt aus dem Lande
Israel; die war im Dienst des Weibes Naemans. Die sprach zu ihrer
Frau: Ach, daß mein Herr wäre bei dem Propheten zu Samaria! der
würde ihn von seinem Aussatz losmachen.
Da ging er hinein zu seinem Herrn und sagte es ihm an und sprach: So
und so hat die Dirne aus dem Lande Israel geredet. Der König von
Syrien sprach: So zieh hin, ich will dem König Israels einen Brief
schreiben. Und er zog hin und nahm mit sich zehn Zentner Silber und
sechstausend Goldgulden und zehn Feierkleider und brachte den Brief
dem König Israels, der lautete also: Wenn dieser Brief zu dir kommt,
siehe, so wisse, ich habe meinen Knecht Naeman zu dir gesandt, daß
du ihn von seinem Aussatz losmachst. Und da der König Israels den
Brief las, zerriß er seine Kleider und sprach: Bin ich denn Gott,
daß ich töten und lebendig machen könnte, daß er zu mir schickt, daß
ich den Mann von seinem Aussatz losmache? Merkt und seht, wie sucht
er Ursache wider mich!
Da das Elisa, der Mann Gottes, hörte, daß der König seine Kleider
zerrissen hatte, sandte er zu ihm und ließ ihm sagen: Warum hast du
deine Kleider zerrissen? Laß ihn zu mir kommen, daß er innewerde,
daß ein Prophet in Israel ist. Also kam Naeman mit Rossen und Wagen
und hielt vor der Tür am Hause Elisas. Da sandte Elisa einen Boten
zu ihm und ließ ihm sagen: Gehe hin und wasche dich siebenmal im
Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder erstattet und rein werden.
Da erzürnte Naeman und zog weg und sprach: Ich meinte, er sollte zu
mir herauskommen und hertreten und den Namen der HERRN, seines
Gottes, anrufen und mit seiner Hand über die Stätte fahren und den
Aussatz also abtun. Sind nicht die Wasser Amana und Pharphar zu
Damaskus besser denn alle Wasser in Israel, daß ich mich darin
wüsche und rein würde? Und wandte sich und zog weg mit Zorn. Da
machten sich seine Knechte zu ihm, redeten mit ihm und sprachen:
Lieber Vater, wenn dich der Prophet etwas Großes hätte geheißen,
solltest du es nicht tun? Wie viel mehr, so er zu dir sagt: Wasche
dich, so wirst du rein! Da stieg er ab und taufte sich im Jordan
siebenmal, wie der Mann Gottes geredet hatte; und sein Fleisch ward
wieder erstattet wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er ward
rein.
Und er kehrte wieder zu dem Mann Gottes samt seinem ganzen Heer. Und
da er hineinkam, trat er vor ihn und sprach: Siehe, ich weiß, daß
kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel; so nimm nun den
Segen von deinem Knecht. Er aber sprach: So wahr der HERR lebt, vor
dem ich stehe, ich nehme es nicht. Und er nötigte ihn, daß er's
nähme; aber er wollte nicht. Da sprach Naeman: Möchte deinem Knecht
nicht gegeben werden dieser Erde Last, soviel zwei Maultiere tragen?
Denn dein Knecht will nicht mehr andern Göttern opfern und
Brandopfer tun, sondern dem HERRN. Nur darin wolle der HERR deinem
Knecht gnädig sein: wo ich anbete im Hause Rimmons, wenn mein Herr
ins Haus Rimmons geht, daselbst anzubeten, und er sich an meine Hand
lehnt.
Er sprach zu ihm: Zieh hin mit Frieden!
Evangelium (Matthäus 8, 5-13)
Da aber Jesus einging zu Kapernaum, trat ein
Hauptmann zu ihm, der bat ihn und sprach: HERR, mein Knecht liegt zu
Hause und ist gichtbrüchig und hat große Qual. Jesus sprach zu ihm:
Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete und
sprach: HERR, ich bin nicht wert, daß du unter mein Dach gehest;
sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn ich
bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe unter mir
Kriegsknechte; und wenn ich sage zu einem: Gehe hin! so geht er; und
zum andern: Komm her! so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das! so
tut er's.
Da das Jesus hörte, verwunderte er sich und sprach zu denen, die ihm
nachfolgten: Wahrlich ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in
Israel nicht gefunden! Aber ich sage euch viele werden kommen vom
Morgen und vom Abend und mit Abraham und Isaak und Jakob im
Himmelreich sitzen; aber die Kinder des Reiches werden ausgestoßen
in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappen.
Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Gehe hin; dir geschehe, wie du
geglaubt hast. Und sein Knecht ward gesund zu derselben Stunde.
Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist und der da war und
der da kommt. Amen
Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich an diesen Schlager aus den 1970er Jahren?
"Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie
geschehen"-
so sang Katja Ebstein in meiner Kinderzeit.
Wunder- können sie geschehen? Die Bibel zumindest spart
nicht an solchen Begebenheiten.
Zwei Wundergeschichten haben wir heute schon gehört: die Heilung des
aussätzigen Feldhauptmann Naeman durch Elisa in der Kraft des Gottes
Israels, und die Heilung des Knechts des römischen Hauptmanns durch
Jesus, aufgeschrieben im Matthäusevangelium.
Und so wird die folgende Geschichte aus dem Johannes-Evangelium das
eben gehörte noch einmal bekräftigen, und gleichzeitig im Stillen
noch einmal fragen: Wie ist das mit den Wundern?
Ich lese Johannes 4, 46 -54
Und Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser
zu Wein gemacht hatte. Und es war ein Mann im Dienst des Königs;
dessen Sohn lag krank in Kapernaum.
Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa kam, und ging hin zu
ihm und bat ihn, herabzukommen und seinem Sohn zu helfen; denn der
war todkrank.
Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so
glaubt ihr nicht.
Der Mann sprach zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!
Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Mensch glaubte
dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin.
Und während er hinabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten:
Dein Kind lebt.
Da erforschte er von ihnen die Stunde, in der es besser mit ihm
geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente
Stunde verließ ihn das Fieber.
Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in der Jesus zu ihm
gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen
Hause.
Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa
nach Galiläa kam.
Das zweite Zeichen, das zweite Wunder, liebe Gemeinde. Ich krame in
meinen Kenntnissen über die Wunder im Johannes-Evangelium.
Sieben sind es. Und die Wunder steigern sich, werden wunderbarer,
bis hin zur Auferweckung des Lazarus. Johannes will sie als Zeichen
verstanden wissen. Für ihn ist klar: In diesen Taten erweist sich
die volle Göttlichkeit Jesu. "Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder
seht, so glaubt ihr nicht", sagt Jesus zu dem Beamten. Aber der will
gar kein Wunder sehen, damit er glauben kann. Er kommt zu Jesus und
bittet um Hilfe für sein todkrankes Kind. Für ihn geht es nicht um
Zeichen und Beweise, sondern um Leben und Tod. Dann geschieht das
Wunder: sein Sohn wird zur Stunde gesund. Und der Vater und sein
ganzes Haus glauben an Jesus.
Ist diese Wunderheilung eine Erfindung, liebe Gemeinde, ein frommes
Märchen, eine Legende?
Aber der Gedanke, dass es Wunder gibt, ist nicht an bestimmte
Jahrhunderte geknüpft. Ich treffe immer wieder Menschen, gerade in
den Kliniken, die mir von den Wundern erzählen, die ihnen
widerfahren sind: das Wunder der Rettung in lebensbedrohlichen
Operationen, das Wunder des Überlebens in aussichtsloser Lage. Und
so gut wie immer wird Gott dabei als derjenige erfahren, der seine
schützende Hand wunderbar ausgestreckt hat!" Ich höre das so, dass
diese Wundererfahrungen Glauben nicht so sehr hervorrufen als ihn
bestärken.
Und wenn keine Wunder geschehen?
In der Bibel lesen wir von vielen Wundern- aber auch von vielen
Tragödien, in denen das Wunder ausbleibt. Abel wird nicht gerettet
vor Kain, das Volk Israel geht durch Krieg und Zerstörung. Jesus
stirbt am Kreuz, und seine Jüngerinnen und Jünger erleiden
Verfolgung und Tod.
Und was ist, wenn für uns kein Wunder geschieht?
Kann es tröstlich sein, dass die Mütter und Väter unseres Glaubens
bekannt haben, dass Gott den Menschen nicht nur im Wunder, sondern
auch und gerade im Schmerz verbunden ist? Mit ihnen glauben wir:
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, furchte ich kein Unglück,
denn du bist bei mir.
Gott schützt uns Menschen nicht hermetisch vor Krankheit und Leid,
er lässt unsere Wege auch durch Unglück und Niederlagen gehen bis in
den Tod.
Aber er hat versprochen, an unserer Seite zu sein.
"Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie
geschehen, singt der alte Schlager.
Wunder- können sie geschehen? Das ist eine Frage, liebe
Gemeinde, die ich Ihnen zurückgebe. Ich tue das, weil es nur ganz
persönliche Antworten auf diese Frage gibt.
Ob Ihnen ein Wunder geschehen ist im Leben, das für Sie mehr ist als
ein Zufall des Schicksals, wissen nur Sie selbst und Gott. Ob ein
Wunder Ihren Glauben gestützt, gestärkt hat, oder ob Ihr Glaube
durch solch ein Wunder erst geboren wurde in Ihnen, ist ein Stück
Ihrer persönlichsten Erfahrungen.
Vielleicht haben Sie auf ein Wunder gewartet, gehofft, das dann doch
nicht Wirklichkeit wurde. Dann wünsche ich Ihnen, dass ein Wort von
Luther für Sie Hilfe ist:
"Und wisse gewiss, zweifle auch nicht, dass uns Gott solche Not
nicht schicke zum Verderben, sondern dass er uns damit will treiben
zum Gebet, zum Rufen und Streit, damit wir unseren Glauben üben und
lernen Gott erkennen in einem ändern Anblick, als wir bisher getan
haben."
"In einem ändern Anblick": Gott zeigt sich von
verschiedenen Seiten, so wie auch unser Leben vielfältig ist und
widersprüchlich, mit Hoffnung und Erwartung, mit Enttäuschung und
Fragen.
"In einem ändern Anblick": Wohl nur selten Wundertäter,
wenn wir ein Wunder suchen. Mehr unsichtbarer Begleiter als ein
sichtbarer Schutz. Oft mehr in der Frage als in der Antwort. Aber
Gott zeigt sich:
Wir hoffen für uns: Gott zeigt sich als der, der Wunder
tut; der hilft und heilt; manchmal erfahren wir es auch.
Wir haben Zuversicht: Gott erweist sich als der "Ich bin
bei Dir", wenn uns kein Wunder zuteil wird. Und wir erfahren es.
Wir glauben, dass er es ist, der von der Krippe zum Kreuz
mitgeht mit uns und uns vorangeht in das wunderbare Licht des
Ostermorgens.
Und so schließe ich mit einem Satz aus dem Römerbrief, über das
größte aller Wunder: Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes, noch eine andere Kreatur uns scheiden kann
von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist. (Rom 8,38)
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 23.01.11