Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte
Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis - 10. Juli 2011
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
Predigttext: Psalm 103
Gnade sei mit euch und Friede von dem der da war, der da ist und
der da kommt. Amen.
Wissen Sie, liebe Gemeinde, wen ich gern gekannt hätte? Die
Menschen, Männer und Frauen, die die Psalmen geschrieben, gedichtet
und als erste gesungen haben.
Wie war er wohl, der gelehrte Mann, wie war sie wohl, die weise und
fromme Frau, die diese Worte aufgeschrieben hat:
Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig
und von großer Güte?
Welches Leben hat Erfahrungen machen lassen, die in diese Worte
münden: Er wird nicht für immer hadern noch
ewig zornig bleiben? Hat
der Psalmbeter Gott ein Leben lang gekannt, vertraut und geglaubt?
Oder ist er zwischendurch verlorengegangen- so wie der verlorene
Sohn in Jesu Gleichnis- und hat dann wieder nach Haus gefunden?
Setzen wir uns auf die Spur des Psalmbeters, folgen wir der
Psalmbeterin unseres Psalm heute. Setzen wir uns auf die Spur ihres
Lebens, seines Glaubens- und finden, was auch wir erleben; lassen
uns bereichern von neuer alter Sicht und frischer Hoffnung.
Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig
und von großer Güte.
Ein guter Satz. Fazit eines reichen Lebens, in Gesundheit und
Wohlstand, so könnten wir meinen. Wie schön, so einen Satz sagen zu
können. Wir stimmen ein. Alle? Immer? Die Frau, die ihren Sohn
verloren hat? Der Mann, der ohne seine Frau zurückbleibt? Der
Konfirmand, der in der Schule ausgegrenzt und gemobbt wird? Gott
loben hat seine Zeit. Gott loben hat seine Menschen. Wie den
Psalmbeter. Manchmal müssen wir für die mitloben, die es nicht
können. Manchmal müssen andere für uns loben. Wenn wir nicht können.
Manchmal loben wir- trotz allem- und erfahren: das Herz kann dem
Mund folgen. Mag sein, dem Psalmisten ging es so. Barmherzig und
gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. Ein Wort zum
Laut-Singen mit den Fröhlichen, und zum Leise-Flüstern ins Herz der
Traurigen. Als Ahnung. Als Hoffnung.
Gott wird nicht für immer hadern noch ewig
zornig bleiben.
Der Psalmbeter kommt mir näher, liebe Gemeinde. Er ist nicht allein
ein Lober, ein Gott-Preiser, ein Gutes-Erleber. Er oder sie ist auch
einer, der doch etwas gespürt hat von Dunkelheit, von Abwesenheit,
ja gar vom Zorn Gottes. Zorn Gottes? Kann das sein?
Kann Gott zornig sein? Die Bibel und ihre Menschen sprechen davon.
Die alttestamentliche Lesung atmete Liebe und Zorn Gottes zugleich.
Was ist mit Gottes Liebe? Ich denke an den Satz: Das Gegenteil von
Liebe ist Gleichgültigkeit. Nein, gleichgültig sind wir Gott nie.
Lieber Gottes Zorn, ja, Gottes Strafe, als keinen Sinn zu erleben in
dem, was Böses widerfahrt- manchen Menschen ist das eine Hilfe und
ein Trost in dunklen Zeiten. War der Psalmbeter so ein Mensch? Sind
Sie ihm darin nahe, liebe Gemeinde, oder sagen Sie: Mein Gott kann
zornig sein, aber nur in aller Liebe? Mein Herz neigt sich dem
letzten zu.
Denn: Er handelt nicht mit uns nach unsern
Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.
Das glaubt der Psalmbeter.
Missetat, Sünden- vergessene Worte. Selbstrechtfertigung mehr als
realistische Selbstsicht, davon verstehen wir etwas.
Wenn wir das merken würden: wo wir andere verletzen. Wenn wir so
handeln würden: der Schöpfung nicht schaden. Wenn wir so teilen
würden: dass es für alle reicht.
Und doch sieht uns Gott so an: als solche, die gut zu anderen sind.
Als solche, die seine Welt bewahren. Als solche, die miteinander
teilen.
Nicht weil Gott blind ist. Blind sind wir. Aber weil er uns sehend
machen will. Für sich und seine Liebe. Für eine Welt, wie sie sein
könnte. Für sein Reich, das kommt.
Ach wenn wir sein Leben nicht kennen: Welche Selbsteinsicht hat der
Psalmbeter in sein Leben und Handeln. Darin gleicht er dem
heimkehrenden Sohn in Jesu Gleichnis. Aber welche Hoffnung gibt er
uns auch.
Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, läßt
Gott seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.
Was ist höher als der Himmel für einen Menschen vor 2500 Jahren?
Und auch wir fühlen ja Gottes Größe bei manchem Blick in das Blau.
Vielleicht hätte ich Gott gerne etwas näher bei mir. Hier würde ich
fast raten: das hat ein Mann geschrieben. Der Gottes Gnade mit dem
größten bezeichnete, das es gab damals in der Welt. Und der das
tiefste an Gefühl dazu nahm, dass er kannte an Verehrung:
Gottesfurcht.
Zur Gottesfurcht nehme ich für mich noch die Liebe hinzu, wie es
auch Martin Luther getan hat: Du sollst Gott fürchten und lieben.
Aber Gnade in der Himmelsfarbe, "blaue Gnade", Gnade des Himmels,
die nicht herrschen will über mich, sondern walten - damit will ich
es wohl aushallen. Dort kann ich auch nicht verloren gehen.
Freudig gegebene Vergebung, Gnade gratis - Gottes schönstes Geschenk
an uns.
So fern der Morgen ist vom Abend, läßt er
unsre Übertretungen von uns sein.
Das ist für mich - vielleicht auch für Sie, liebe Gemeinde - der
schönste Satz des Psalms. Und - lachen Sie jetzt nicht, oder tun Sie
es doch jetzt finde ich, der Psalm muss von einer Frau stammen.
Aber auch als Mann kennen Sie das:
Abends zu Bett gehen. Hundekaputt. Den Tag bedenken. Den nächsten
Tag bedenken. Wissen, wo man überall Mist gebaut hat. Bei der
Arbeit. Beim Partner. Bei den Kindern. Bei den Eltern. Merken, wie
man in eine Schleife gerät:
Das war, weil ich konnte doch nicht anders . Wissen, dass vieles
daran wahr ist und richtig, manches auch unvermeidlich. Trotzdem
wird die Dunkelheit ein klein wenig dunkler - bis wir endlich
einschlafen.
Und dann am Morgen mit neuen Kräften erwachen. Im Licht der Sonne
oder auch unter Wolken neue Hoffnung spüren: es besser machen zu
können. Es besser machen zu dürfen. Neu anfangen können. Bei der
Arbeit, beim Partner, bei den Kindern. Davon spricht die
Psalmbeterin, so hat sie es erfahren:
Gott will uns neu und Gott macht uns immer wieder neu!
Wissen Sie, liebe Gemeinde, wen ich gern gekannt hätte? Die
Menschen, Männer und Frauen, die die Psalmen geschrieben, gedichtet
und als erste gesungen haben.
Wie war er wohl, der gelehrte Mann, wie war sie wohl, die weise und
fromme Frau, die diese Worte aufgeschrieben hat.
Barmherzig und gnädig ist der Herr,
geduldig und von großer Güte.
Er wird nicht für immer hadern
noch ewig zornig bleiben.
Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden
und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.
Denn so hoch der Himmel über der Erde ist,
läßt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.
So fern der Morgen ist vom Abend,
läßt er unsre Übertretungen von uns sein.
Ich glaube, wer das geschrieben hat, der war wie wir. Mal
glaubend und mal zweifelnd, mal klagend und mal Gott lobend. Aber
vielleicht - Gott sei dank - war er oder sie ein kleines bißchen
fester im Glauben als wir.
Und das kann ja wohl nicht schaden. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 10.07.11