
Die Jungfrau Maria – Gottes unmögliche Möglichkeit
Predigt am 4. Sonntag im Advent – 19.12.2010
Vikarin Melanie Corzilius, Bad Lippspringe
III- Reihe: Lukas 1,26-38
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem
Herrn Jesus Christus.
Amen
Liebe Gemeinde,
die vierte Kerze am Adventskranz brennt, bis Heilig Abend sind es nur noch fünf Tage. In der Fußgängerzone herrscht reges Treiben, Verkäuferinnen und Verkäufer machen Überstunden, wo es Platz hat, werden Weihnachtsbäume, verschnürt in Nylonnetzen feilgeboten und über falschen Weihnachtmännern und üppigen Glitzergirlanden schallt aus den Lautsprechern Weihnachtsmusik von Stille Nacht bis Last Christmas. Trubel und Hektik allerorten.
Aus der treibenden Menge löst sich mit Mühe eine Dame im langen Wintermantel. Eben hat ein korpulenter Herr ihr im Vorbeigehen beinahe die Einkaufstaschen aus der Hand geschlagen, ihre graumelierten Haare arbeiten sich widerspenstig unter der Wollmütze hervor und an einer der unzähligen Kaufhauskassen, die sie heute schon passiert hat, muss sie ihre Handschuhe liegenlassen haben. Mürrisch stampft sie sich den Schnee von den Schuhspitzen und wünschst sich nur Ruhe, wenigstens einmal besinnliche, adventliche Ruhe. Da fällt ihr Blick auf die alte Stadtkirche, die unbeeindruckt vom Weihnachtsgewühl am Rande des Marktplatzes ruht. Langsamen Schrittes geht sie auf die schwere Holztür zu. Um sie zu öffnen muss sie sich mit ihrem ganzen Gewicht dagegenstemmen, dann betritt sie das barocke Kirchenschiff. Mit einem tiefen, dumpfen Ton fällt die Tür hinter ihr ins Schloss. Jetzt ist es still. Nur der gleichmäßige Rhythmus ihrer Absätze hallt wider von den hohen Decken. Sie ist ganz allein in der Kirche.
„Ich gehe sonst nie in die Kirche“, denkt sie bei sich, „schon gar nicht in eine katholische. Es ist dort immer so ernst, so traurig.“ Doch jetzt wirkt der große Raum erhaben und beruhigend zugleich auf sie. Der leichte Weihrauchduft, die Gedenkkerzen, deren zarte Flämmchen im Luftzug zittern, verbreiten eine wohlige Stimmung. Mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen betrachtet sie die rundlichen, goldverzierten Putten, die in großer Zahl von Decken und Wänden herabhängen. „Irgendwie kitschig.“ Vor einer großen Marienstatue bleibt sie stehen. Die Statue ist fast so groß wie sie selbst und steht etwas erhöht, so dass sie zu ihr aufsehen muss. Zu ihren Füßen stehen kleine Kerzen umringt von Wachspfützen und ein Blumentöpfchen mit violetten Alpenveilchen. Gedankenversunken betrachtet sie die Marienstatue. Ihr Gesicht ist zart und mädchenhaft, den Kopf hat sie leicht zur Seite geneigt. Ergeben blickt sie Richtung Himmel. Ein blaues Tuch bedeckt nur unzureichend ihre blonden Haare, die ihr in sanften Wellen über die Schultern fallen. Ihr Körper ist vom Hals bis zu den Fußspitzen in ein langes, weißes Kleid gehüllt. Die Handflächen der schmalen Hände zeigen zum Himmel.
„Siehe des Herrn Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast!“ – Sie wundert sich über diese Worte, die ihr da gerade in den Sinn gekommen sind. „Des Herrn Magd“, um Himmels Willen. Sie versucht sich zu erinnern: damals, als ich als Konfirmandin mit meinen Eltern vor Weihnachten in der Kirche war, da wurde eine Geschichte gelesen. Der Satz hat mich schon damals gestört, ach was, eigentlich die ganze Geschichte: Mariae Verkündigung!
Und im sechsten Monat wurde der Engel
Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt
Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen
Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel
kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr
ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein
Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht,
Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger
werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus
geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und
Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er
wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird
kein Ende haben.
Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von
keinem Mann weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der
heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird
dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird,
Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte,
ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im
sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei
Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des
Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied
von ihr.
Sie schüttelt den Kopf, während sie der Statue in die zum Himmel gerichteten Augen sieht: „Ach, Maria, des Herrn Magd, dich hat auch keiner gefragt, oder? Kommt einfach ein Engel in die Wohnung, macht große Worte und verschwindet wieder. Und du stehst alleine da, musst deinem Josef erklären, wie du vom Heiligen Geist schwanger geworden bist und deine Nachbarn davon abhalten, über dich zu tuscheln. Von wegen Begnadete! So gottergeben wirst du da bestimmt nicht in den Himmel geblickt haben, schließlich ist hier eben das friedliche Bild, das du dir für die Zukunft ausgemalt hattest, wie nichts weggewischt worden.“
Ihr Blick gleitet an der schlanken Silhouette hinab, der goldenen Lockenpracht, den weißen Händen, um dann an einem goldenen Gürtelchen zu verweilen, das den Stoff des weißen Kleides um die Taille rafft: „Warst du wirklich eine Jungfrau? Das hab ich sowieso nie verstanden, warum eigentlich unbedingt Jungfrau? Warum nicht Hausfrau, verheiratet, drei Kinder und dann eben noch Mutter Gottes? Diese Sache hat doch viel zu viele falsche Fantasien angeregt. Dieses Idealbild von der unberührten Frau, die sündlose Reine und wehe wenn nicht. Das hat schon Frauen das Leben gekostet, ohne dass sie etwas dafür konnten. Aber nur nicht aufmüpfig werden, immer schön ergeben sein. Und am besten noch entsprechend aussehen. Dabei war doch deine Haut niemals so elfenbeinfarben blass, eher sonnengengebräunt von der Mittelmeersonne, und deine Haare waren bestimmt nicht blond, sondern dick und schwarz, und deine Hände waren wahrscheinlich auch nicht so zart, sondern rau, vielleicht mit ein wenig Hornhaut, vom Kochen und Wasser holen und Ziegenfüttern. Und in deinen Augen hat sich vielleicht der Tagtraum vom sicheren Leben, aber doch nicht der Glanz der Ewigkeit gespiegelt. Du warst doch auch nur eine normale Frau. Und so eine Geburt geht schließlich nicht spurlos an einem vorüber. Hast du nicht auch Schmerzen gehabt? Das ist doch dieser schreckliche Fluch über Eva, als sie aus dem Paradies vertrieben wurde: die Frau soll unter Schmerzen gebären. Das wird bei Maria auch nicht anders gewesen sein, als bei Eva und mir und allen anderen Müttern. Warum auch nicht, tut doch dem Herrn Jesus keinen Abbruch. Immer diese Idealisierung, an der alle Frauen gemessen wurden. Natürlich konnte dem keine entsprechen. Bin ich froh, dass ich in Zeiten der Aufgeklärtheit und Emanzipation lebe. Wurde aber auch höchste Zeit. Und vielleicht muss ich das mit der Jungfrau auch gar nicht so ernst nehmen, ist schließlich eine alte Geschichte. Irgendwo hab ich auch mal gelesen, dass das Wort für ‚Jungfrau‘ auch ‚junge Frau‘ heißen kann. Das würde ja einiges erklären. Meinetwegen braucht es die Jungfrau sowieso nicht.“
Sie blickt noch einmal in die hohe Kuppel und beschließt gerade zu gehen, als ihr ein Gedanke kommt, der sie noch einmal innehalten lässt: „Andererseits – Maria betont ja gegenüber Gabriel deutlich, dass sie „von keinem Mann weiß“. Umständliche Formulierung, heißt aber wohl, dass doch nicht die junge Frau gemeint ist. Und dann diese komische Erklärung von Gabriel, wie das mit dem Heiligen Geist und so von statten gehen soll. Irgendwie scheint diese Jungfrau doch wichtiger zu sein, als ich dachte. Immerhin kommt sie sogar im Glaubensbekenntnis vor, auch bei den Evangelischen. Außerdem in unzähligen Weihnachtsliedern und –gedichten.
Wenn es aber so wichtig sein soll, dass Maria eine Jungfrau war, dann muss das ja auch irgendwie einen Zweck haben. Dann muss diese Jungfrauengeburt für Weihnachten etwas austragen.“ Sie beginnt zu grübeln, während sie einen Wachstropfen beobachtet, der eben auf Marias großem Zeh zum Erkalten kommt. „Also, Weihnachten feiern wir ja, weil dort Jesus geboren sein soll. Ich meine, ich glaube ja schon auch, Kirche und so ist zwar nichts für mich, aber glauben tue ich schon auch. Wäre doch schön, wenn es stimmte, dass Gott auf die Welt kommt und alles neu macht. Und wie jedes Kind weiß, ist er ja nicht mit Glanz und Gloria gekommen, sondern so ganz unscheinbar, als Kind in der ärmlichen Krippe. Wer aber richtig Mensch werden will, muss auch geboren werden wie ein Mensch. Den Gedanken finde ich eigentlich ganz schön. Da kommt kein großer Gott, der von heute auf morgen tabula rasa macht mit unserer Welt, sondern einer, der sich erstmal anschaut, wie das so ist Mensch zu sein, um dann von innen raus die Welt zu erneuern. Aber trotz dem er geboren ist wie ein Mensch und lebt wie ein Mensch, ist er doch auch Gott und zwar von Geburt an. Schon im Bauch von Maria trifft das Göttliche auf das Menschliche. Wie auch immer das aussehen soll, aber bei Gott ist ja so einiges möglich, was für uns Menschen unmöglich ist. Gottes Möglichkeit ist der Menschen Unmöglichkeit. Brauchen wir deshalb die Jungfrau? Weil es eigentlich unmöglich ist, dass Gott Mensch wird, braucht es ein Wunder wie die Jungfrauengeburt, damit wir Menschen verstehen, dass da nicht einfach ein Mensch geboren wird, der sich für Gott ausgibt, sondern Gott selbst. Zuerst durchbricht Gott die menschlichen Möglichkeiten, mit etwas, was eigentlich unmöglich ist: eine Jungfrau wird schwanger. Damit wird allen klar: der, der da kommt, ist fähig, alle menschlichen Maßstäbe umzukehren. Umgekehrt braucht Gott aber auch wieder die menschlichen Möglichkeiten, um auf die Erde zu kommen: er wird ganz normal geboren, von einer ganz normalen Frau in ganz normale Verhältnisse hinein. Schließlich hat er den Menschen geschaffen, warum sollte dann der vollkommene Mensch ein entmenschlichter Mensch sein. Dieser Mensch muss nur noch vollendet werden. Weil er das aber nicht aus eigener Kraft kann, wird Gott selbst vollendeter Mensch. Gott bahnt sich also seinen Weg durch den menschlichen Lebenslauf, damit der Mensch einen Weg hat, über den er zu Gott kommt, der da ist: das liebe Jesulein! Wenn das so ist, dann bräuchten wir die Jungfrau also wirklich für unser Weihnachten, weil in der Jungfrauengeburt die ganze Umwälzung enthalten ist, die mit der Menschwerdung Gottes an Weihnachten einhergeht: Unmögliches wird möglich, eine Jungfrau wird schwanger! Seht her, ihr Menschen, alles wird anders.“
Sie sieht auf zu Marias Gesicht, ein mildes Lächeln umspielt deren Mund, sie muss ein wenig mitlächeln: „So im Kleinen merkt man ja schon, dass die Zeit an Weihnachten und die Tage davor sich anders anfühlt. Natürlich wird im Einkaufsgedrängel trotzdem geschuppst und geschimpft, aber die Menschen machen in der Weihnachtszeit Dinge, die sie das ganze Jahr nicht machen. Ich habe zum Beispiel schon wieder tausend Geschenke gekauft für Leute, mit denen ich das ganze Jahr sonst nichts zu tun habe. Aber ich denke an diese Leute und dann fällt mir immer sofort ein, was denen eine Freude machen würde und das muss ich dann auch verschenken. Oder mein Großvater, der alte Griesgram, hat früher immer unzählige Postkarten zu Weihnachten verschickt. Sonst nur gestänkert, aber an Weihnachten hat er die blumigsten Worte gefunden. Und meine Freundin ist Ärztin, sie übernimmt immer die Weihnachtsschicht im Krankenhaus. Sie sagt, da hätte sie am meisten das Gefühl, gebraucht zu werden, und mit den Patienten und Pflegerinnen und Pflegern um so einen kitschigen Plastikweihnachtsbaum zu stehen sei komischerweise total ergreifend. Weihnachtszeit ist immer andere Zeit. Da wird plötzlich möglich, was man nie für möglich gehalten hat. Alles was man tut, bekommt in der Weihnachtszeit einen Sinn. Das Schenken, Spenden und Teilen erscheint einem ja nicht als Verlust, sondern vielmehr als Gewinn. Einmal im Jahr denken die Menschen nicht nur an sich selbst, einmal im Jahr sind die anderen wichtig, einmal im Jahr fällt der Blick auf etwas, was nicht von dieser Welt ist: das Kind in der Krippe im Stall. Und es macht auch noch Freude. Vielleicht auch deshalb, weil die Menschen die Hoffnung doch noch nicht aufgegeben haben, dass alles anders werden kann. Diese Hoffnung könnten sie aber nicht haben, wenn sie nicht wüssten oder zumindest ahnten, dass es einen gibt, der das Unmögliche möglich machen kann, zum Beispiel, dass eine Jungfrau schwanger wird. Erstaunlich, was für eine Kraft von dieser Hoffnung ausgeht. Wir sollten uns öfter daran erinnern, dann wäre auf dieser Welt noch viel mehr möglich. Es könnte sicher nicht schaden, das ganze Jahr über ein bisschen weihnachtlich an andere zu denken, mit Blick auf das, was bei Gott so alles möglich ist.“
Mit einem ächzenden Knurren bewegt sich die dicke Turmglocke schwerfällig im Gebälk, um den Siebenuhrschlag zu läuten. Aus ihren Gedanken gerissen zuckt sie kurz zusammen und muss dann über sich lachen. Es ist spät geworden und ihre Füße kalt, ohne dass sie es bemerkt hätte. „Jungfrau Maria, ich hätte nicht gedacht, dass wir beide mal Freundinnen werden würden“, denkt sie kopfschüttelnd bei sich selbst, bevor sich die schwere Kirchentür wieder hinter ihr schließt und sie in der Menge der weihnachtlich belebten Fußgängerzone verschwindet.
Die vierte Kerze brennt, noch fünf Tage bis Heilig Abend, dem Fest, an dem Unmögliches möglich wird, weil Gott unsere Welt verändert hat. Die schwangere Jungfrau wird uns zum Zeichen dafür, dass wir von diesem Gott alles erwarten dürfen, nicht nur einmal im Jahr.
Und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!
Amen
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 19.12.10