Pfarrer Oliver Peters, Schloß Neuhaus

Pfarrer Oliver Peters, Schloß Neuhaus

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus

„Ich entziehe Ihnen hiermit mein Vertrauen!“

Liebe Gemeinde,
wer diesen Satz von seinem Dienstherren hört, der kann einpacken, der ist dem Untergang geweiht.

Es gibt keine Grundlage mehr, auf der beide gemeinsam stehen, es geht abwärts.
Staatsoberhäupter werden mit einem so genannten Misstrauensvotum des Amtes enthoben; Ministern und Staatssekretären wird ebenso wie Firmenpräsidenten und Führungskräften der Rücktritt nahe gelegt, wenn das öffentlich ausgesprochene Urteil lautet:

Kein Vertrauen!

Das gibt es übrigens auch bei Kirchens.
Das brauche ich wohl der Kirchengemeinde Bad Lippspringe nicht zu sagen, die ja so nah an der Kirchengemeinde Schlangen liegt.
Keine Gedeihlichkeit - so heißt das dann oft bei Kirchens.

Kein Vertrauen – keine gemeinsame Zukunft.

Es gehört zum Standardritual in der Politik, dieses Urteil sehr schnell und automatisiert auszusprechen.

Wenn ein Regierungsmitglied ins Kreuzfeuer gerät, weil in seinem Verantwortungsbereich Fehler passierten, ist die Gegenpartei zur Stelle und zweifelt an, ob der entsprechende Verantwortliche noch das notwendige Vertrauen genießt, „alles im Griff zu haben“. Nicht selten wird zugleich der Verdacht geäußert, dass nicht die gesamte Wahrheit über die entsprechenden Vorfälle offen gelegt wurde – was tatsächlich ein nicht zu kittender Vertrauensbruch wäre.

Wachsamkeit ist die wichtigste Aufgabe der Gegenpartei, und es ist schwer, die richtige Ausgewogenheit zu finden zwischen gesundem Misstrauen und vorschneller Überreaktion.

Doch auch hier will ich zunächst ein Beispiel aus dem Bereich der Kirche bringen:
Im Kirchenkreis Herford gibt es eine schwarze Kasse. Was mit besten Absichten vor über 40 Jahren angelegt wurde für „schlechte Zeiten“, bereitet nun Probleme.
Die fast 50 Millionen Euro stellen auch die Frage, ob hier Anvertrautes nicht missbraucht wurde.

Wie die aktuellen Streitigkeiten bezüglich der Bundeswehr ausgehen werden, ist noch nicht abzusehen.

Der Tod auf der Gorch Fock und der folgende Drill; die geöffnete Feldpost in Afghanistan; der Tod eines Soldaten durch einen Kameraden im Feldlager in Afghanistan: Wer hat wann was gewusst und verschwiegen?
 
Sind es Einzelauswüchse oder steckt System in den Verfehlungen?
Das Militär funktioniert nach dem Prinzip „Befehl und Gehorsam“.
Das ist nachzuvollziehen.
Spätestens in Gefechtssituationen wird das eigene Leben aufs Spiel gesetzt,
da bleibt keine Zeit zu diskutieren und zu zweifeln.
Ein Soldat muss darauf vertrauen, nein: sich darauf verlassen, dass seine Kameraden ebenfalls dem Befehl folgen.
Er muss ebenso darauf vertrauen, nein: wissen, dass er für ein höheres Ziel kämpft, eines, das es wert ist, sein eigenes Leben dafür einzusetzen.

Für mich persönlich ist es eine brennende Frage, welches das bei den momentanen Bundeswehreinsätzen sein soll.

Ich sehe keines und würde den Satz „nichts ist gut in Afghanistan
sofort unterschreiben.

Aber ich war auch nicht da.

Das Aufbauen von Vertrauen ist das vielleicht wichtigste Ziel bei der Ausbildung von Soldaten.
Kadetten die Masten erklimmen zu lassen, kurz nachdem eine Kameradin daraus zu Tode stürzte, stellt genau dies Vertrauen auf die Probe.
Das, was gemeinsam durch gestanden wurde, ist die gemeinsame Basis, der Grund auf dem man zusammen steht.

Die ersten Jünger Jesu kannten sich aus mit der See – es waren Fischer. Das hört sich beschaulicher und romantischer an, als es war.
Auch diese Arbeit beinhaltete immer wieder Lebensgefahr.
Wie bedrohlich und verschlingend Wasser sein kann, wird uns bei Deichbrüchen, Hochwassern und sintflutartigen Regenfällen bewusst.

Der See Genezareth mit seinen häufigen und unberechenbaren Stürmen war für die Jünger beides:

Lebensgrundlage, die sie ernährte, und ungezügelte Chaosmacht, die jederzeit mit Vernichtung drohte.
Jetzt hatten sie das Fischerleben hinter sich gelassen und folgten Jesus nach.
Sie sahen die Wunder, die er an den Menschenkindern tat, und hörten seiner Lehre zu, wie die Volksmassen, die sich am Ufer versammelten.

Und nun geschieht dies, was wir da gerade als Evangelium gehört haben und das uns heute auch zur Predigt gegeben ist, die Geschichte vom sinkenden Petrus.

Eine ganz einfache Anweisung:

Fahrt schon mal vor, ich komme gleich nach, ich will vorher noch alleine beten.

Es ist das erste Mal seit ihrer Berufung, dass die Jünger ohne Jesus sind. Viel schlimmer hätte es anschließend nicht kommen können:

Einer der lebensbedrohlichen Stürme zog auf, und als Jesus dazukam, hielten sie ihn zunächst für ein Gespenst.

Kaum war das überstanden, will Petrus einen Schritt weitergehen.
Er überschlägt sich fast vor Übereifer und scheint vergessen zu haben, dass er eben noch in Todesangst schrie.

Den Schritt aus seinem alten Leben als Fischer hinein in die Nachfolge Jesu hatte er ja schon gemacht. War es da nicht nur konsequent, jetzt aus dem Boot, das wie nichts anderes seine Vergangenheit versinnbildlichte,
herauszutreten, um zu Jesus zu gehen?

Sollten ihn das Wasser und die Wellen wirklich daran hindern können?
Petrus wäre nicht Petrus, wenn das geklappt hätte.

Der Petrus, der Jesus immer wieder missversteht und dafür zurechtgewiesen wird, der Petrus, der einem Soldaten im Garten Gethsemane ein Ohr abschlägt, der Petrus, der Jesus verleugnen wird bevor dreimal der Hahn kräht – dieser Petrus versinkt auf halbem Weg in den Fluten.

Jesus rettet ihn.

Meine Frage an euch, Schwestern und Brüder, lautet:

Wo ist das Wunder?

Dass hier einer über das Wasser läuft?

Ich weiß nicht – erstens war das gar nicht Petrus’ vorrangiges Ziel;
er wollte nicht über das Wasser laufen, sondern zu Jesus hin;
zweitens: selbst wenn wir über den See Genezareth laufen könnten wie über einen asphaltierten Parkplatz – wäre es das, was uns von Jesus überzeugen würde, sodass wir unser Leben ändern wollen?

Ich sehe ein kleines, ein verstecktes Wunder.
In der Geschichte verliert jemand das Vertrauen – und es bleibt ohne Folgen, ja, sogar ohne bitteren Nachgeschmack.

Ich habe mich gewundert, dass Jesus dem Petrus keine Moralpredigt hält, allerlei Gegengründe aufzählt, warum der Vertrauensentzug so kleingläubig war.
Jesus zieht ihn aus dem Wasser und die Wellen legen sich.

Ein Wunder.

Wäre das Fischerboot die Gorch Fock, hätten nach und nach alle anderen Jünger probieren müssen, wie viele Meter sie auf dem Wasser zurücklegen können, ohne zu versinken.

Gott sei Dank ist der Glaube kein Wettbewerb und das Überwasserlaufen keine Pflichtübung.

Dass wir den Boden unter den Füßen verlieren und die Wellen über uns zusammenschlagen, wird immer so sein – egal, ob wir jetzt Christen sind oder nicht.

Unsere Hoffnung besteht darin, dass es nicht dabei bleibt, sondern dass Jesus unseren manchmal versagenden Glauben trägt, wenn er zu versinken droht, wie Petrus das erlebt hat.

„Jesus ist wahrhaftig Gottes Sohn“,

dieser Satz findet sich immer wieder im Neuen Testament.

Was das heißt, welche Bedeutung das für unser Leben hat, kann man schwer erklären, aber gut erzählen.

„In der Welt habt ihr Angst,
aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“,

das ist ein Satz, den Petrus so erlebt hat.

Und vielleicht habt ihr, Schwestern und Brüder, eure ganz eigene persönliche Geschichte, die ihr da hinzufügen könnt?

Es muss kein Wasserwandel-Wunder sein.

Das Wunder liegt woanders.

Hier bleibt ein Vertrauens-Entzug ohne schlimme Konsequenzen.
Ein derartiger Freifahrtschein ist im Alltag mindestens genauso „wunderlich“ und außergewöhnlich wie das Laufen auf dem Wasser.

Das Wunderbare am christlichen Glauben ist doch dies:
Wenn wir den Glauben zwischenzeitlich verlieren, wenn wir Jesus das Vertrauen entziehen, weil wir keinen Grund mehr haben – er entzieht es uns nicht.

Wenn der Glaube fehlt, bleibt die Hoffnung, aus den Fluten gezogen zu werden mit der Frage:

„Warum der Kleinglaube?“

Rechtfertigende Antwort unnötig.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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© Ev. Kirche Bad Lippspringe  30.01.11