
In der Welt habt ihr Angst
Predigt am 4. Sonntag nach Epiphanias - 30. Januar 2011
Pfarrer Oliver Peters, Schloß Neuhaus
III. Reihe: Matthäus 14, 22-33
Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, daß sie in das
Schiff traten und vor ihm herüberfuhren, bis er das Volk von sich ließe. Und
da er das Volk von sich gelassen hatte, stieg er auf einen Berg allein, daß
er betete. Und am Abend war er allein daselbst. Und das Schiff war schon
mitten auf dem Meer und litt Not von den Wellen; denn der Wind war ihnen
zuwider.
Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und
da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und sprachen: Es
ist ein Gespenst! und schrieen vor Furcht. Aber alsbald redete Jesus mit
ihnen und sprach: Seid getrost, Ich bin's; fürchtet euch nicht!
Petrus aber antwortete ihm und sprach: HERR, bist du es, so heiß mich zu dir
kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus trat aus dem
Schiff und ging auf dem Wasser, daß er zu Jesu käme. Er sah aber einen
starken Wind; da erschrak er und hob an zu sinken, schrie und sprach: HERR,
hilf mir! Jesus reckte alsbald die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu
ihm: O du Kleingläubiger, warum zweifeltest du?
Und sie traten in das Schiff, und der Wind legte sich. Die aber im Schiff
waren, kamen und fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrlich Gottes
Sohn!
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus
Christus
„Ich entziehe Ihnen hiermit mein Vertrauen!“
Liebe Gemeinde,
wer diesen Satz von seinem Dienstherren hört, der kann einpacken, der ist dem
Untergang geweiht.
Es gibt keine Grundlage mehr, auf der beide gemeinsam stehen, es geht abwärts.
Staatsoberhäupter werden mit einem so genannten Misstrauensvotum des Amtes
enthoben; Ministern und Staatssekretären wird ebenso wie Firmenpräsidenten und
Führungskräften der Rücktritt nahe gelegt, wenn das öffentlich ausgesprochene
Urteil lautet:
Kein Vertrauen!
Das gibt es übrigens auch bei Kirchens.
Das brauche ich wohl der Kirchengemeinde Bad Lippspringe nicht zu sagen, die ja
so nah an der Kirchengemeinde Schlangen liegt.
Keine Gedeihlichkeit - so heißt das dann oft bei Kirchens.
Kein Vertrauen – keine gemeinsame Zukunft.
Es gehört zum Standardritual in der Politik, dieses Urteil sehr schnell und
automatisiert auszusprechen.
Wenn ein Regierungsmitglied ins Kreuzfeuer gerät, weil in seinem
Verantwortungsbereich Fehler passierten, ist die Gegenpartei zur Stelle und
zweifelt an, ob der entsprechende Verantwortliche noch das notwendige Vertrauen
genießt, „alles im Griff zu haben“. Nicht selten wird zugleich der Verdacht
geäußert, dass nicht die gesamte Wahrheit über die entsprechenden Vorfälle offen
gelegt wurde – was tatsächlich ein nicht zu kittender Vertrauensbruch wäre.
Wachsamkeit ist die wichtigste Aufgabe der Gegenpartei, und es ist schwer, die
richtige Ausgewogenheit zu finden zwischen gesundem Misstrauen und vorschneller
Überreaktion.
Doch auch hier will ich zunächst ein Beispiel aus dem Bereich der Kirche
bringen:
Im Kirchenkreis Herford gibt es eine schwarze Kasse. Was mit besten Absichten
vor über 40 Jahren angelegt wurde für „schlechte Zeiten“, bereitet nun Probleme.
Die fast 50 Millionen Euro stellen auch die Frage, ob hier Anvertrautes nicht
missbraucht wurde.
Wie die aktuellen Streitigkeiten bezüglich der Bundeswehr ausgehen werden, ist
noch nicht abzusehen.
Der Tod auf der Gorch Fock und der folgende Drill; die geöffnete Feldpost in
Afghanistan; der Tod eines Soldaten durch einen Kameraden im Feldlager in
Afghanistan: Wer hat wann was gewusst und verschwiegen?
Sind es Einzelauswüchse oder steckt System in den Verfehlungen?
Das Militär funktioniert nach dem Prinzip „Befehl und Gehorsam“.
Das ist nachzuvollziehen.
Spätestens in Gefechtssituationen wird das eigene Leben aufs Spiel gesetzt,
da bleibt keine Zeit zu diskutieren und zu zweifeln.
Ein Soldat muss darauf vertrauen, nein: sich darauf verlassen, dass seine
Kameraden ebenfalls dem Befehl folgen.
Er muss ebenso darauf vertrauen, nein: wissen, dass er für ein höheres Ziel
kämpft, eines, das es wert ist, sein eigenes Leben dafür einzusetzen.
Für mich persönlich ist es eine brennende Frage, welches das bei den momentanen
Bundeswehreinsätzen sein soll.
Ich sehe keines und würde den Satz „nichts ist gut in Afghanistan“
sofort unterschreiben.
Aber ich war auch nicht da.
Das Aufbauen von Vertrauen ist das vielleicht wichtigste Ziel bei der Ausbildung
von Soldaten.
Kadetten die Masten erklimmen zu lassen, kurz nachdem eine Kameradin daraus zu
Tode stürzte, stellt genau dies Vertrauen auf die Probe.
Das, was gemeinsam durch gestanden wurde, ist die gemeinsame Basis, der Grund
auf dem man zusammen steht.
Die ersten Jünger Jesu kannten sich aus mit der See – es waren Fischer. Das hört
sich beschaulicher und romantischer an, als es war.
Auch diese Arbeit beinhaltete immer wieder Lebensgefahr.
Wie bedrohlich und verschlingend Wasser sein kann, wird uns bei Deichbrüchen,
Hochwassern und sintflutartigen Regenfällen bewusst.
Der See Genezareth mit seinen häufigen und unberechenbaren Stürmen war für die
Jünger beides:
Lebensgrundlage, die sie ernährte, und ungezügelte Chaosmacht, die jederzeit mit
Vernichtung drohte.
Jetzt hatten sie das Fischerleben hinter sich gelassen und folgten Jesus nach.
Sie sahen die Wunder, die er an den Menschenkindern tat, und hörten seiner Lehre
zu, wie die Volksmassen, die sich am Ufer versammelten.
Und nun geschieht dies, was wir da gerade als Evangelium gehört haben und das
uns heute auch zur Predigt gegeben ist, die Geschichte vom sinkenden Petrus.
Eine ganz einfache Anweisung:
Fahrt schon mal vor, ich komme gleich nach, ich will vorher noch alleine beten.
Es ist das erste Mal seit ihrer Berufung, dass die Jünger ohne Jesus sind. Viel
schlimmer hätte es anschließend nicht kommen können:
Einer der lebensbedrohlichen Stürme zog auf, und als Jesus dazukam, hielten sie
ihn zunächst für ein Gespenst.
Kaum war das überstanden, will Petrus einen Schritt weitergehen.
Er überschlägt sich fast vor Übereifer und scheint vergessen zu haben, dass er
eben noch in Todesangst schrie.
Den Schritt aus seinem alten Leben als Fischer hinein in die Nachfolge Jesu
hatte er ja schon gemacht. War es da nicht nur konsequent, jetzt aus dem Boot,
das wie nichts anderes seine Vergangenheit versinnbildlichte,
herauszutreten, um zu Jesus zu gehen?
Sollten ihn das Wasser und die Wellen wirklich daran hindern können?
Petrus wäre nicht Petrus, wenn das geklappt hätte.
Der Petrus, der Jesus immer wieder missversteht und dafür zurechtgewiesen wird,
der Petrus, der einem Soldaten im Garten Gethsemane ein Ohr abschlägt, der
Petrus, der Jesus verleugnen wird bevor dreimal der Hahn kräht – dieser Petrus
versinkt auf halbem Weg in den Fluten.
Jesus rettet ihn.
Meine Frage an euch, Schwestern und Brüder, lautet:
Wo ist das Wunder?
Dass hier einer über das Wasser läuft?
Ich weiß nicht – erstens war das gar nicht Petrus’ vorrangiges Ziel;
er wollte nicht über das Wasser laufen, sondern zu Jesus hin;
zweitens: selbst wenn wir über den See Genezareth laufen könnten wie über einen
asphaltierten Parkplatz – wäre es das, was uns von Jesus überzeugen würde,
sodass wir unser Leben ändern wollen?
Ich sehe ein kleines, ein verstecktes Wunder.
In der Geschichte verliert jemand das Vertrauen – und es bleibt ohne Folgen, ja,
sogar ohne bitteren Nachgeschmack.
Ich habe mich gewundert, dass Jesus dem Petrus keine Moralpredigt hält, allerlei
Gegengründe aufzählt, warum der Vertrauensentzug so kleingläubig war.
Jesus zieht ihn aus dem Wasser und die Wellen legen sich.
Ein Wunder.
Wäre das Fischerboot die Gorch Fock, hätten nach und nach alle anderen Jünger
probieren müssen, wie viele Meter sie auf dem Wasser zurücklegen können, ohne zu
versinken.
Gott sei Dank ist der Glaube kein Wettbewerb und das Überwasserlaufen keine
Pflichtübung.
Dass wir den Boden unter den Füßen verlieren und die Wellen über uns
zusammenschlagen, wird immer so sein – egal, ob wir jetzt Christen sind oder
nicht.
Unsere Hoffnung besteht darin, dass es nicht dabei bleibt, sondern dass Jesus
unseren manchmal versagenden Glauben trägt, wenn er zu versinken droht, wie
Petrus das erlebt hat.
„Jesus ist wahrhaftig Gottes Sohn“,
dieser Satz findet sich immer wieder im Neuen Testament.
Was das heißt, welche Bedeutung das für unser Leben hat, kann man schwer
erklären, aber gut erzählen.
„In der Welt habt ihr Angst,
aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“,
das ist ein Satz, den Petrus so erlebt hat.
Und vielleicht habt ihr, Schwestern und Brüder, eure ganz eigene persönliche
Geschichte, die ihr da hinzufügen könnt?
Es muss kein Wasserwandel-Wunder sein.
Das Wunder liegt woanders.
Hier bleibt ein Vertrauens-Entzug ohne schlimme Konsequenzen.
Ein derartiger Freifahrtschein ist im Alltag mindestens genauso „wunderlich“ und
außergewöhnlich wie das Laufen auf dem Wasser.
Das Wunderbare am christlichen Glauben ist doch dies:
Wenn wir den Glauben zwischenzeitlich verlieren, wenn wir Jesus das Vertrauen
entziehen, weil wir keinen Grund mehr haben – er entzieht es uns nicht.
Wenn der Glaube fehlt, bleibt die Hoffnung, aus den Fluten gezogen zu werden mit
der Frage:
„Warum der Kleinglaube?“
Rechtfertigende Antwort unnötig.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 30.01.11