„Keine Angst! Wenn es dunkel wird, bin ich es!“
Predigt am 5. Sonntag nach Epiphanias - 6. Februar 2011
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III.Reihe: Jesaja 40, 12-25
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht euer Gott!“
Ein schöner Text. Wir kennen ihn. Jesaja 40. Gott kommt, sein Volk
zu retten aus der Verbannung ins Exil von Babylonien.
Ein Gott, der tröstet. Welch eine schöne Vorstellung! Gott, der
nicht kleinmacht, sondern aufrichtet. Zu dem wir kommen können mit
allen Sorgen. Der nicht aburteilt und bestraft, sondern der rettet
und Verständnis hat.
Und tröstet.
Vor etwa einem Jahr hatte die EKD-Vorsitzende Margot Käßmann ihren
Rücktritt von allen Ämtern erklärt. Wir erinnern uns, warum. Der
Rücktritt ist ihr nicht leicht gefallen. Sie sagte damals die Sätze:
"Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand". Diese Vorstellung
teilen viele Christen als eigene, tief sitzende und tröstliche
Glaubenserfahrung.
Aber jetzt zu meinen, der liebe Gott sei etwa nur der kuschelige
Opa, der für alles Verständnis hat, der die Kleinen tröstet, wenn
sie sich einmal weh getan haben, aber ansonsten auch nicht viel
ausrichten kann gegen die Untiefen des Lebens, der greift zu kurz.
Unser Predigttext ist die Fortsetzung des Textes Jesaja 40, der
schönen Worte vom tröstenden Gott. Jetzt macht sicher der Prophet
einige Gedanken über die Macht Gottes. Womit soll man ihn
vergleichen? Ich lese uns einige Verse aus Jesaja 40, 12-25:
Wer hat mit der hohlen Hand das Wasser gemessen und mit der
Spanne seiner Hand den Himmel abgemessen?
Und wer erfasst mit dem Drittelmass den Staub der Erde
und wiegt mit der Waage die Berge
und mit Waagschalen die Hügel?
Wer hätte den Geist des Herrn geprüft,
und welcher Mensch wäre sein Ratgeber, würde ihn unterweisen?
Mit wem könnte er sich beraten, der ihm Einsicht verschafft
und ihn belehrt hätte über den Pfad des Rechts
und ihn Erkenntnis gelehrt hätte
und ihm nun den Weg der Einsicht wiese?
Sieh, wie ein Tropfen in einem Eimer sind die Nationen,
und wie Staub auf Waagschalen werden sie geachtet.
Sieh, Inseln hebt er empor, als wären sie ohne Gewicht.
Und der Libanon reicht nicht aus den Brand,
und sein Wild reicht nicht aus für das Brandopfer.
Vor ihm sind alle Nationen, als gäbe es sie nicht,
wie das Nichts, wie das, was nicht ist, werden sie von ihm geachtet.
Und mit wem wollt ihr Gott vergleichen
und was als Ebenbild ihm gegenüberstellen?
Das Standbild gießt der Handwerker, und der Schmied überzieht es mit
Gold und schmiedet daran silberne Ketten. Wer nicht so viel geben
kann, wählt ein Holz, das nicht fault, er sucht sich einen
geschickten Handwerker, um das Standbild zu befestigen, es soll ja
nicht wackeln.
Wisst ihr es nicht, hört ihr es nicht?
Ist es euch nicht von Anfang an verkündet worden?
Habt ihr es, seit die Erde gegründet wurde, nicht begriffen?
Er thront über dem Kreis der Erde,
und wie Heuschreckenschwärme sind ihre Bewohner,
wie ein Schleier breitet er den Himmel aus,
und wie ein Zelt hat er ihn ausgespannt, um darin zu wohnen.
Fürsten macht er zunichte,
Richter der Erde macht er zu dem, was wie das Nichts ist.
Kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät,
kaum hat ihr Baumstumpf Wurzeln geschlagen in der Erde,
da hat er sie auch schon angehaucht, und sie sind verdorrt,
und wie Stoppeln trägt der Sturm sie davon.
Und mit wem wollt ihr mich vergleichen, dass ich ihm gleich wäre?
Spricht der Heilige.
(Übersetzung Zürcher Bibel 2007)
Gott, segne dein Wort an uns allen.
Gott ist der Heilige. Der, dem niemand gleicht, dem niemand das
Wasser reichen kann. Der über den Menschen thront. Der ganz anders
ist. Bei dem eine ganz andere Gerechtigkeit gilt. Bei dem Nationen
nur ein belangloser Tropfen im Wasser sind, ohne Gewicht. Einzelne
Menschen wie Heuschrecken, Gott unendlich unterlegen. Gott braucht
keine menschlichen Ratgeber, ja, er hört nicht auf sie.
Entspricht das noch unserem Bild vom „tröstenden Gott“? Dem
menschlich-nahen, verständnisvollen, allzeit-verzeihenden Gott, aus
dessen Hand wir niemals fallen können?“
Wenn wir in Gott nur den liebevoll-kuscheligen alten Mann sehen,
dann nicht.
Wenn wir Gott aber Gott sein lassen: Dann bekommt der Trost erst die
Tiefe, die er braucht, um nicht zur bloßen Vertröstung zu kommen.
An Sterbebetten und auf Friedhöfen: Ich könnte den Trost Gottes
nicht weitergeben ohne die Überzeugung, dass Gott ein mächtiger Gott
ist, der sogar den Tod besiegt hat.
Und angesichts der Schrecken dieser Tage, der furchtbaren Sturm- und
Flutkatastrophen etwa in Australien, aber auch den
flächenbrandähnlichen Veränderungen in Staaten Nordafrikas, ist mir
nur dann Gott ein Trost, wenn ich ihm zutraue, dass er wirklich
unvergleichlich ist, heilig, stark, mächtig – stärker als
Naturgewalten und stärker als alle Staaten und Supermächte.
Wenn wir in die Zukunft schauen, wir uns angst und bange. Und vielen
ist angst und bange und sie fliehen in das Verdrängen und die
Vertröstung. Und die Botschaft der Bibel ist eben nicht: Es wird
schon werden, ist nicht Kölnscher Karneval, ist nicht: „Wir kommen
alle, alle in den Himmel“ und nicht: „Ett is noch immer jutjejange.“
Nein, es nicht immer gut gegangen. Und niemand kann behaupten, es
wird in Zukunft alles gut gehen. Was wir brauchen, ist nicht
Vertröstung, Sich-Etwas-Vormachen, sondern echten Trost, tragfähigen
Trost.
Der starke, mächtige, unvergleichliche Gott hat sein Volk aus
Babylonien befreit. Der starke, mächtige, unvergleichliche Gott hat
seinen Sohn Jesus Christus auferweckt, indem er den Tod besiegt hat.
Nicht nur einmal, sondern er hat auch den Tod ein für allemal
besiegt.
Manchmal wünschen wir uns von Gott Zeichen seiner Stärke und
rettenden Macht. So richtig unübersehbar. Dass etwa der Sturm oder
die Flutwelle einfach ausbleibt und keinem Menschen etwas passiert.
Oder dass sich die Menschen in den Staaten, die Diktatoren und die
Oppositionellen die Hände reichen und gemeinsam für Frieden und
Gerechtigkeit sorgen.
Aber Gott ist nicht nur mächtiger Gott, sondern auch ein Gott der
Freiheit. Er nimmt uns unsere Aufgaben nicht ab. Wir Menschen haben
den Unfrieden, auch den Unfrieden mit der Natur selbst verursacht,
wir müssen nun auch für den Frieden kämpfen.
Der mächtige Gott lässt uns aber nicht allein in unserem Kampf. Er
gibt uns die notwendige Kraft, und er fängt uns auf, wenn wir
versagen. Das Besondere ist: Er gibt uns die Kraft nicht im Voraus.
Wir müssen schon selbst mutig sein. Und Gottes Vergebung kann nur
jemand erfahren, der zuvor auch ganz kräftig auf dem Bauch gelandet
ist.
Martin Luther sagte, der Glaube ist wie der Schwimmring, den ein
Ins-Wasser-Gefallener ergreift. Das heißt aber doch auch, wer gar
nicht Gefahr ist, wer niemals in irgendetwas hineingefallen ist, der
weiß gar nicht darum, wie der Glaube rettet, wie sich diese Hand
Gottes anfühlt, die einen auffängt und hält und tröstet.
Den Trost gibt es nicht im Voraus, so wie eine Schachtel Tabletten,
von denen man sich sicher sein kann, dass sie schon wirken. Gott ist
Gott, der Heilige, der unvergleichliche. Er bestimmt, wann und wie
er seinen Trost zu uns schickt.
Dazu die abschließende kleine Geschichte:
Ein 8jähriger Junge fällt beim Spielen in einen tiefen Schacht,
keine 60cm breit. Panik, Menschen rennen hin und her und wollen
helfen. Sie kommen mit Leitern, Schaufeln und Stricken, horchen in
den Schacht, ob das Kind noch lebt. Einer will einen Bagger holen
und einen neuen Schacht graben.
Dann kommen die Eltern. Es wird ganz still. Sie beugen sich über die
Öffnung des Schachtes. In diesem Moment ertönt aus dem Schacht ein
herzzerreißendes Geschrei: Der Junge, der in Angst und Schrecken
gerät, weil es plötzlich dunkel geworden ist in seinem Loch. Da
rufen ihm die Eltern zu: „Keine Angst! Wenn es dunkel wird, bin ich
es!“ So der Vater, so die Mutter. Das Geschrei verstummt. Sie lassen
dem Kleinen ein Seil herunter und erklären ihm geduldig, was er tun
muss, wie er es um seinen Körper legen soll. Und immer wieder sagen
sie ihm, dass es manchmal sein kann, dass es dunkel wird im Schacht,
weil sie sich über die Öffnung beugen müssen. Aber: „Keine Angst!
Wenn es dunkel wird, bin ich es!“Keinen Augenblick hat der Junge
mehr Angst gehabt, bis er sicher gerettet wurde. Und viel später,
als Erwachsener, da ist er auch in manche Bedrängnis gekommen, in
manches tiefe Loch gefallen. Aber jedes Mal, wenn das passierte, hat
ihn dieser Satz getröstet und ihm geholfen: Dass eine Stimme, die
mächtiger und stärker war als er und der er bedingungslos vertrauen
konnte, sagt:
„Keine Angst! Wenn es dunkel wird, bin ich es!“
(Hoffsümmer, Kurzschichten 4, Nr.99)
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 06.02.11