Auf der Suche
Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis – 24. Juli 2011
Vikarin Melanie Corzilius, Bad Lippspringe
III. Reihe: Joh 1,35-42
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem
Herrn Jesus Christus.
Amen.
Liebe Gemeinde,
Was suchst du? – Da steht einer und schaut uns an, er hat sich zu
uns umgedreht und wartet nun auf unsere Antwort.
Ja, was suche ich eigentlich? Jetzt in dem Moment, oder in meinem
Leben überhaupt? Suche ich noch etwas? Oder habe ich die Suche schon
aufgegeben, weil ich sowieso nicht mehr erwarte, noch irgendetwas zu
finden?
Was suchst du? – Menschen suchen in ihrem Leben verschiedene Dinge.
Glück zum Beispiel. Das Streben nach Glück – pursuit of hapiness –
ist sogar zur grundrechtlichen Maxime eines ganzen Landes geworden.
Aber ist Glück alles? Glück ist doch so vergänglich. Vielleicht
suchen wir Erfolg und Anerkennung? Der Wunsch jemand zu sein, nicht
als niemand zu enden. Zu oberflächlich vielleicht, kommt es doch auf
die inneren Werte an. Auch auf der Suche nach der Liebe des Lebens
sind Menschen manchmal ihr Leben lang, weil die Liebe nicht zum
Leben passt, oder das Leben nicht zur Liebe, oder beides nicht
zusammenfindet.
Wir suchen vieles und meistens vieles auf einmal. Jeder der sucht,
sucht aber zunächst eines: nämlich Orientierung. Irgend etwas oder
irgendjemanden, das oder der ihm den Weg zu dem, was er sucht,
weisen kann. Der sagt wo es langgeht, wo man suchen soll, um zu
finden.
So auch die Jünger, die auf der Suche sind, ohne es zu wissen.
Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und
zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er:
Siehe, das ist Gottes Lamm!
Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus
aber wandte sich um und sah sie nachfolgen, und sprach zu ihnen: Was
sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt:
Meister -, wo ist deine Herberge? Er sprach zu ihnen: Kommt und
seht! Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm. Es war
aber um die zehnte Stunde.
Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus
nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der
findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den
Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.
Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist
Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt
übersetzt: Fels.
Was sucht ihr? – Will Jesus von den Jüngern des Johannes wissen.
Sie haben ihn nicht angesprochen, auch nichts gefragt, sie sind ihm
einfach nur gefolgt. Wussten sie, dass sie etwas suchen? Ihre
Antwort verrät ein zweifaches. Da ist zum einen die Anrede: „Rabbi“.
Und weil das Johannesevangelium sich vornehmlich an Griechisch
sprachige Adressaten richtet, folgt sogleich eine Übersetzung ins
Griechische: didaskale. Luther gibt den Begriff mit „Meister“ wider,
wörtlich würde man sagen, die Jünger suchen in Jesus den „Lehrer“.
Einen Lehrer fürs Leben, der ihnen die Schrift auslegt und Weisung
gibt, wie sie ihr Leben zu führen hätten. Die Anrede verrät: die
Jünger sind auf der Suche nach Orientierung.
Doch da ist noch ein zweites. Die Jünger wollen von Jesus wissen, wo
seine „Herberge“ ist. Die Herberge ist wörtlich die „Bleibe“.
Natürlich kann diese konkret verstanden werden, aber auch die
übertragene Bedeutung: „Wo ist der Ort, an dem du bleibend bist? Wo
finden wir dich?“, steckt in der Frage der Jünger. Durch den
Lebenslehrer Jesus wollen die Jünger Orientierung und Beständigkeit
finden.
In dem Wunsch der Jünger wird auch ein zutiefst menschliches
Bedürfnis ausgesprochen, nämlich das Bedürfnis nach Halt, nach
Verlässlichkeit und nach einer Richtung im Leben.
Am letzten Wochenende fand das Konfirmandenwochenende statt. Wir
hatten zwei turbulente Tage in Silberborn, sind geklettert und
gewandert, haben uns mit dem Abendmahl beschäftigt und einen
Gottesdienst gefeiert. Viel wichtiger als das offizielle Programm,
war aber natürlich das Programm, das die Konfirmanden sich selbst
gemacht haben. Die Pausen, die gefüllt werden durften. Da werden
Kontakte geknüpft und Vergleiche gezogen, da gibt es Kräftemessen
beim Billard, Kicker oder Sport, notfalls auch mal ohne Rahmen,
einfach so. Da werden erste Ausflüge in die Welt des anderen
Geschlechts gemacht, wie sieht ein Mädchenzimmer aus, wie ein
Jungszimmer. Was finden wir an dem anderen echt eklig und was
himmeln wir heimlich doch an. Wer braucht am wenigsten Schlaf und
wer macht am nächsten Morgen die beste Leidensmiene. Die Pubertät
lässt keinem, der damit in Berührung kommt, seine Ruhe, vielleicht
kennen sie das aus eigener Erfahrung. Es ist eine aufregende und
allzu oft auch richtig anstrengende Zeit. Doch gerade in dieser Zeit
liegt das menschliche Suchen obenauf wie nie. Grenzen austesten,
andere herausfordern, Vergleiche anstellen und im nächsten Moment
wieder ganz anders sein – all das sind Stationen auf dem Weg zu
einer Suche nach mir selbst. Dahinter steht die große Frage: Wo ist
meine Bleibe? Wo komme ich zum stehen? Wo bin ich ich? Und was gibt
mir Orientierung auf dem Weg dahin? Mein Freundeskreis, meine erste
Liebe, meine Eltern, mein Idol? Jugendliche in der Pubertät leben,
als gäbe es keine andere Frage als die nach der eigenen Identität.
Und danach? Die Suche geht weiter, denn solange wir auf dieser Erde
leben, begegnen uns immer wieder Erlebnisse, in denen wir uns
infrage gestellt sehen. Die Frage wo ist unsere Bleibe und wer
bringt uns dorthin, wird zwar immer subtiler und wir lernen sie
unter ganz vielen anderen Dingen zu verstecken, aber sie ist da.
Manchmal lauter, manchmal leiser.
Der Mensch, ein Suchender, und plötzlich findet er. Wir haben den
Messias gefunden! Sagt Andreas zu seinem Bruder Simon. Und in der
Erzählung wird aus dem „Lehrer“ Jesus bereits der endzeitliche
Heilsbringer, der Gesalbte Gottes. Andreas hat in Jesus seine Bleibe
und seine Bestimmung gefunden. Er weiß, dass er zu ihm gehört. Wie
Johannes ihn auf diesen Jesus gebracht hat, so möchte Andreas nun
seinem Bruder Simon Orientierung zu Jesus hin sein. Der sagt nichts,
kommt nur mit und schaut, wie Andreas es zuvor getan hat. Schaut
sich diesen Jesus an, von dem Johannes sagt, dass er das Lamm Gottes
sei, von dem sein Bruder sagt, dass er der Lehrer und Messias sei.
Und er hat noch immer nichts gesagt, als Jesus ihm schon einen Namen
gibt: Kephas, Fels, sollst du heißen. Jesus gibt keine Deutung dazu,
aber das Bild vom Felsen spricht für sich. Beständigkeit,
Verlässlichkeit, das Unerschütterliche, das Bleibende soll Simon
sein.
Was ist das für ein Suchen, was für ein Finden? Die Jünger sind auf
der Suche ohne zu suchen, und sie finden, indem sie gefunden werden.
Nachfolge als Geschehen beschreibt uns der Evangelist Johannes hier.
Die Nachfolge widerfährt den Jüngern mehr, als dass sie sie aktiv
angehen. Sie hören das Zeugnis des Johannes: da ist Jesus, das Lamm
Gottes. Wie zufällig geht er vorüber. Und wie zufällig dreht sich
Jesus um, spricht die Jünger an und lässt sie erfahren, was sie
suchen. Auch Simon hat sich nicht auf die Nachfolge eingestellt. Er
wird von seinem Bruder wie zufällig gefunden – gefunden, ohne
gesucht worden zu sein. Und wieder ist es das Zeugnis von Jesus,
dass ihn zu diesem hinführt: der Messias ist er. Auch Simon selbst
folgt nicht aktiv nach, sondern wird in die Nachfolge geholt. Jesus
gibt ihm einen Namen und damit eine Aufgabe, ohne Simon zu kennen,
ohne auch nur ein Wort von ihm gehört zu haben. Die Jünger werden in
die Nachfolge gefunden. Ohne zu suchen finden sie in ihrem Leben die
Orientierung und die Bleibe.
Wenn es so einfach wäre. Wenn man nicht mehr suchen müsste, nur noch
um sich schauen, ob man nicht zufällig gefunden wird, wäre das Leben
nicht schön? – Und wenn es so wäre?
Liebe Gemeinde, was so einfach klingt, so utopisch schön, ist in
Wahrheit der viel schwerere, manchmal unerträgliche Weg. Denn er
verweist uns darauf, dass wir unser letztes und endliches Lebensziel
nicht selbst kontrollieren können. Das ist schwierig, denn wir
wollen gerne an unserem Ziel arbeiten, wollen uns gerne selbst
verwirklichen. Da ist es nur schwer, anzunehmen, dass ein anderer
uns verwirklichen will, dass wir uns in die Hände eines anderen
begeben sollen, vertrauend darauf, dass er uns unsere Bleibe zeigen
kann. Und was noch viel schwerer daran ist: keiner von uns wird
Jesus Christus in seinem Leben je zu Gesicht bekommen. Wenn er an
uns vorübergeht, dann nicht leibhaftig, sondern immer vermittelt
durch andere. Vermittelt durch das Zeugnis, das andere von ihm
ablegen. „Er hat deine Sünden getragen“, sagt Johannes. „Er kann uns
den Weg weisen“, sagen die Jünger. „Er wird uns einst erlösen“, sagt
Andreas. Und so werden sie in die Nachfolge gefunden, indem sie
hören, kommen und sehen.
Was aber hat das mit unserem Suchen zu tun? Hier auf der Welt sind
wir doch auf der Suche nach ganz anderem: Glück, Erfolg, Ansehen,
Zufriedenheit, Identität. Da denken wir doch gar nicht an Nachfolge.
Aber dachte etwas Simon an Nachfolge? Simon dachte gar nicht. Er
wurde gefunden, hörte das Zeugnis seines Bruders, kam und sah und
was geschah dann? Noch bevor er suchen konnte, hat Jesus ihm eine
Identität gegeben. Er hat ihn beim Namen genannt und ihm den
Beinamen Kephas gegeben. Simon der Beständige, der Verlässliche, der
Fels. Ohne zu suchen, hat Simon sich selbst gefunden. Nicht, dass
damit seine ganze Lebenssuche zu Ende gewesen wäre. Immer wieder
lesen wir auch im Johannesevangelium von einem Simon, der auf der
Suche ist, der selbst etwas tun will. Doch wohin sein Suchen ihn
auch immer führen mag, die grundsätzliche Richtung ist klar: bei
Gott ist er gefunden, er , Simon der Fels. Und wir? Auch wir werden
von Gott gerufen. In der Taufe nennt er uns bei unserem Namen und
gibt uns seinen dazu. Meist schon bevor wir auch nur ein Wort sagen
können, sind wir Gottes Kinder und als solche schon vor jeder Suche
gefunden. Unsere Bleibe ist bei Gott, unsere Orientierung ist das
Zeugnis, das wir von ihm haben. Mit diesem Fels in unserem Leben,
diesem festen Punkt, können wir uns auf viele Suchen begeben. Was
immer wir auch finden werden, was immer wir aber auch vergeblich
suchen, wir selbst sind gefunden – von dem der da war, der da ist
und der da kommen wird.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 24.07.11