Unfassbar fassbar!
Predigt an Christi Himmelfahrt – 2. Juni 2011
Vikarin Melanie Corzilius, Bad Lippspringe
III. Reihe: 1. Kön 8,22-24.26-28
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem
Herrn Jesus Christus.
Amen.
Liebe Gemeinde,
stellen Sie sich einmal vor, Sie betreten eine Kirche. Sie sind
alleine, in Gedanken versunken. Sie öffnen die schwere Kirchentür,
drinnen ist es ein wenig kühler als draußen. Außer Ihnen ist niemand
in der Kirche, Sie hören nur ihre Schritte. Die Kirche hat einen
bestimmten Geruch, ein wenig nach Kerzenrauch, ein wenig nach
Erinnerung. Der Raum um Sie herum ist groß, doch er macht Sie nicht
klein, vielmehr breitet sich in Ihnen das Gefühl von Erhabenheit
aus. Wie von selbst werden Sie langsamer, ihr Atem geht ruhiger, Sie
atmen die Stille. Hier weht ein anderer Geist. Sie sind angekommen
im Haus Gottes.
Kirchen sind besondere Orte. Wir betreten sie mit anderen Gefühlen als sonstige Räume und Gebäude. Wir können es nicht in Worte fassen, aber Kirchen sind erfüllt von etwas, – vielleicht nennen Sie es Geist, vielleicht Macht – das uns öffnet für etwas, das außerhalb unserer selbst und außerhalb unserer Welt liegt. Kirchen eröffnen uns ein Stück vom Himmel.
Dieses Gefühl ist nicht ganz zufällig. Über die Jahrhunderte hinweg haben Architekten versucht, die Verehrung für und die Vorstellung von Gott baulich darzustellen. Hohe Türme, himmelwärts strebende Bögen, Glasfenster in den schönsten Farben, aufwendige und edle Verzierungen. Und auch die wesentlich funktionaleren Bauten der neueren Zeit, sind doch etwas anderes als bloße Gemeindehallen. Kirchen sollen nicht nur Raum für Menschen, sondern auch Raum für Gott geben – ein Haus Gottes sein.
Doch bei dieser Besonderheit beginnt auch schon die Problematik. Wie mit diesem Haus umgehen? Darf man in Kirchen laut sein, laute Musik machen? Dürfen Kinder hier schreien? Darf man hier Feste feiern? Oder gar die Kirchen bei klammer Kasse zu Diskotheken, Tanzschulen oder Restaurants umbauen? Keine einfach zu beantwortenden Fragen und das Spektrum der Meinungen dazu ist vielfältig.
Die Problematik beginnt schon bei der Frage, wie genau eigentlich der Begriff „Haus Gottes“ zu verstehen ist. Wohnt etwa der unermessliche, der große, allgegenwärtige Gott tatsächlich in einem Haus von Menschen gebaut? Nein, so nun auch wieder nicht, möchte man spontan sagen. Woher dann aber dieses sonderbare Gefühl im Kirchraum?
Wir sind nicht die ersten, die vor dieser Problematik stehen. Auch vor circa 2300 Jahren war keineswegs eindeutig, was eigentlich ein „Haus Gottes“ ist.
Davon weiß unser heutiger Predigttext aus dem ersten Königebuch zu erzählen.
Und Salomo trat vor den Altar des HERRN angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel und sprach: HERR, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen; der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage. Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast. Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen - wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, damit du hörest das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.
Der Text ist ein Teil aus dem sogenannten Weihegebet für den neugebauten Jerusalemer Tempel. Der legendäre weise König Salomo hat Gott ein Haus gebaut. Einen Tempel, so schön und groß wie zuvor keiner. Mit wertvollem Holz und kostbaren Verzierungen, mit einem großen Altar und einem heiligen Bezirk, den keiner betreten durfte. Seinem Vater David hatte Gott es noch verwehrt, ihm ein Haus zu bauen. Aber nun, da das Volk in Frieden lebte und sesshaft geworden war, wollte auch Gott sesshaft werden und erlaubte dem König, den Tempel zu bauen. Wie nun das Gotteshaus fertig war, betete Salomo also die gehörten Worte, um Gott um seine Gegenwart an diesem Ort zu bitten.
Doch wie schon gesagt, war diese Gegenwart an einem fest gebauten Ort keineswegs selbstverständlich. Der Gott Israels war nämlich das Gegenkonzept zur damals vorherrschenden Gottesvorstellung. Die meisten Völker verehrten nicht nur einen, sondern viele Götter. Und die waren in der sichtbaren Welt vorhanden. Für die Naturreligionen war es keine Frage, dass ihr Gott tatsächlich in der Quelle, in dem Stein oder in der Statue war, die sie verehrten. Wo das Sichtbare war, da war auch Gott. Umso wichtiger, dass da der Gott Israels ein einziger Gott war, von dem es kein Bild geben konnte. Zwar konnte es dennoch Orte geben, an denen Gott ansprechbar war, doch nur im Sinne einer unverfügbaren Anwesenheit Gottes an dieser von ihm gewählten Stelle. Ohne diese Anwesenheit hatte auch der Ort keine besondere Kraft oder Würde. Somit war auch schon damals die Vorstellung von einem Haus für Gott keineswegs unumstritten. Was geschieht da mit Gott? Wird er nicht auf einen Ort festgelegt, vereinnahmt und eingemauert? Und was ist mit den Menschen, die zu diesem Gott beten wollen? Bedeutet das nun, dass er nur in Jerusalem im Tempel ansprechbar ist? Was, wenn ich bis dahin gar nicht komme, weil ich zu arm bin, oder nicht reisen kann, oder zu alt? Aus dem allgegenwärtigen Gott des Volkes drohte, ein Gott in den Grenzen der Welt zu werden.
Aufgrund dieser Zweifel gibt es in Salomos Gebet einen Satz, der später in den übrigen Text eingefügt worden war. „Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen - wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“, heißt es in Vers 27. Offensichtlich war den Menschen, die den Gebetstext damals lasen, die Problematik bereits vor Augen. Sie sahen die Notwendigkeit, noch einmal deutlich zu machen, dass Gott sich nicht vereinnahmen lasse.
Ein Haus für Gott, damals wie heute also ein schwieriges Thema. Doch hinter diesem Thema kommt nicht nur eine Problematik, sondern auch ein grundlegendes Bedürfnis zum Vorschein.
Der Mensch braucht offensichtlich in seinem Verhältnis zu dem unsichtbaren Gott irgendetwas Greifbares. Etwas, das er sehen und berühren, zu dem er hingehen kann.
Der Tempel war nicht der einzige Fall. Auch wir Christen der aufgeklärten Neuzeit hängen uns Kreuzschmuck um den Hals, schenken Schutzengelfigürchen mit guten Wünschen, besuchen die heiligen Stätten in Israel oder werden eben still, wenn wir einen Kirchraum betreten. Die Vorstellung, dass es einen Gott gibt, obwohl wir ihn nicht sehen, nicht anfassen und nirgendwo verorten können, fällt uns offensichtlich schwer. Dieser Hang ist menschlich verständlich. Dennoch liegt das Bedürfnis nach Konkretheit auf einem schmalen Grad, den bereits der Kommentator unseres Predigttextes schon erkannt hatte. Die Gefahr ist, dass uns irgendwann die Abstraktion abhanden kommt und wir in dem Ding Gott selbst sehen. Denn eine solche Verdinglichung gibt uns das gute Gefühl, Gott endlich verstanden zu haben. Seine unfassbare Größe wird plötzlich handlich und muss uns keine Angst mehr machen. Wir haben das Unvorstellbare unter Kontrolle und wissen bestens darüber bescheid. Denn das, was am Glauben so schwer fällt, sind ja die vielen Graubereiche, all das, was wir nicht von Gott sehen und wissen. Denken wir uns Gott in einen abgegrenzten Raum hinein, wird es leichter.
Was machen wir dabei aber mit Gott? Wir berauben ihn seiner Größe und machen ihn klein, mindestens so klein wie wir es sind, aber eigentlich noch kleiner, damit wir ihn quasi in der Hand haben. Wir machen ihn von unserem Schöpfer zu unserem Geschöpf. Und damit berauben wir uns selbst unseres Gottes. Denn was kann ein Gott ausrichten, den wir geschaffen haben, wenn wir an Grenzen stoßen, über die wir selbst keine Macht haben?
Wir kommen nicht weit damit. Gott in den Dingen zu verehren schafft zwar schnelle, aber keine langfristige Zufriedenheit. Denn die scheinbare Vereinfachung des Glaubens verunmöglicht denselben.
Das Gebot, du sollst dir von Gott kein Bild machen, hat somit seine gute, den Menschen vor sich selbst schützende Berechtigung. Dennoch ist Gott kein Bilderstürmer. Er lässt uns Menschen mit unserem Bedürfnis nach Nähe und Konkretheit nicht alleine. Und so weiß die Bibel reichlich zu berichten von Momenten, in denen sich Gott den Menschen gezeigt, das heißt offenbart hat. Für uns Christen hat diese Konkretheit ihren Höhepunkt in Jesus Christus gefunden. In seinem Sohn ist Gott uns so nahe gekommen, wie kein Ort, kein Bild und kein Gegenstand es jemals zu sein vermochten. Er ist Mensch geworden, einer von uns. Andere Menschen haben ihn berührt, haben mit ihm ihr Haus und ihr Essen geteilt, wurden von ihm geheilt und haben seine Worte gehört. Mit Christus hat Gott selbst sich auf der Welt verortet. Für uns fassbar und doch nicht verfügbar. Denn was ein Mensch ist, das können wir uns vorstellen. Verfügen können wir nicht über diesen Menschen, das wiederum zeigt der heutige Feiertag: Christi Himmelfahrt.
Nach der Lesung des Evangeliums haben wir die Osterkerze ausgeblasen, um die Bedeutung des heutigen Tages anschaulich zu machen. Christi Himmelfahrt erinnert an das Ende der leibhaften Anwesenheit Jesu Christi auf Erden. Der Sohn sitzt nun zur Rechten des Vaters. Bevor die Menschen in Jesus einen Menschen verehren konnten, hat er seine Göttlichkeit erwiesen und wurde erhöht. Aus dem konkreten wurde wieder der abstrakte Gott. Anwesend im Heiligen Geist, der für uns aber wiederum nur schwer fassbar ist.
Bedeutet das für uns in letzter Konsequenz nie wieder Gott zum
anfassen? Kein Kreuz, kein Engelchen, keine Kirche mehr? Nein, das
bedeutet es nicht. Schließlich war es Gott selbst, der Salomo
gestattet hatte, den Tempel zu bauen. Doch was Salomo in seinem
Gebet immer wieder mit der Formulierung „dein Knecht“ feststellt,
ist eine wichtige Verhältnisbestimmung, die allem Konkreten
vorausgehen muss. Knecht Gottes war nicht nur das Volk, das war auch
der König, das waren auch die Jünger und wir sind es auch. Denn
Knecht meint nicht den unterdrückten Sklaven, sondern klärt, wer der
Große und wer der Kleine im Verhältnis Gott – Mensch ist. Und wenn
dieses Verhältnis klar ist, dann ist auch klar, das Gott nicht in
den Tempel passt und in kein Bild, kein Engelchen und auch keine
Kirche. Diese Hilfsmittel erfüllen dann nur einen einzigen Zweck:
unserem schwachen, menschlichen Geist ein wenig aufzuhelfen. Dann
ist das Haus Gottes nicht um Gottes Willen da, sondern um der
Menschen willen, damit wir einen Ort haben, uns auf Gott
vorzubereiten, uns ihm näher zu fühlen und keine Angst vor seiner
Größe zu haben. Vor allem aber, damit wir einen Ort haben, wo wir in
der Gemeinschaft untereinander ihn selbst im Heiligen Geist spüren
können. Dann haben diese Dinge als Mittel zum Zweck ihren guten Sinn
und ihre Berechtigung. Dann besteht das Haus Gottes um der Menschen
willen. Der Mensch allein aber besteht um Gottes willen. Um einst,
wenn der Erhöhte uns zu sich zieht, diesen unfassbaren Gott in all
seiner Größe fassen zu können.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 03.06.11