Sogleich
Feier der Jubel - Konfirmation - 6. November 2011
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Ein jegliches hat seine Zeit,
und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.
Prediger Salomo 3,1
Predigttext Matthäus 14, 22-33
Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu
steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe.
Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen
Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. Und das Boot war
schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn
der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam
Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen
auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!,
und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und
sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! Petrus aber
antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir
zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg
aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er
aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und
schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus
und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du
gezweifelt?
Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot
waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes
Sohn!
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn.
Liebe Jubelkonfirmandinnen und Jubelkonfirmanden, liebe Schwestern
und Brüder,
„alles hat seine Zeit“ – unter diesem Motto steht dieser
Gottesdienst. Jesus wusste, wie wichtig es ist, sich Zeit zu nehmen
für Gott. Er schickt seine Jünger weg und wieder einmal allein auf
den Berg um zu beten. Auch wir nehmen uns heute Zeit für Gott, für
das Gebet, für das Hören auf Gottes Wort.
Da sind die anderen Jünger im Boot auf dem See, und weit vom
rettenden Ufer entfernt geraten sie in Seenot. Das Boot, liebe
Schwestern und Brüder, ist seit ewigen Zeiten ein Symbol für die
Kirche. Da sind Menschen gemeinsam unterwegs, da gibt es manche, die
rudern, andere, die lieber rudern lassen, Steuerleute, solche, die
sich um den rechten Kurs streiten. In einem Boot - manchmal spürt
man wenig davon, dann wieder mehr, ganz unterschiedlich ist das, so
unterschiedlich wie die Zeiten sind, die Sie, liebe
Jubelkonfirmandinnen und Jubelkonfirmanden erlebt haben.
Wie das Auf und Ab der Wellen, so das Auf und Ab im Leben. Alles hat
seine Zeit. Feiern und Trauern, Ankommen und Abschied nehmen, in
großer Gesellschaft sein und dann wieder ganz allein. Am Tag der
Konfirmation, als Sie so ungefähr 14 Jahre waren, 1951 oder 1961, da
konnte man noch gar nicht ahnen, was das ist, das Leben. Da war man
vielleicht auch ziemlich überfordert mit dem, was man da damals
aufsagen musste an Bibelstellen oder Gesangbuchversen und vielleicht
auch mit dem JA zum Glauben und zu christlichen Gemeinschaft.
Und dann eine andere Zeit: der Gegenwind im Leben. Mit einem Mal
scheint alles unterzugehen, droht alles zu versinken. Das Leben mit
seiner ganzen grausamen Wirklichkeit schlug zu. Enttäuschung,
Krankheit, Verlust, Tod und Trauer, es gibt so viel. Was hält jetzt
noch? Was rettet, wer rettet?
Da „kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See.“ „Christ der Retter ist
nah“. Unser schönes Weihnachtslied. Noch ist es nicht Zeit, es zu
singen, aber es kommt die Zeit – viel schneller, als wir denken. Die
Jünger erschrecken: „Hilfe, ein Gespenst!“ Aber es ist kein
Gespenst. Jesus muss es ihnen erst sagen: „Ich bin es. Fürchtet euch
nicht!“
Sie, liebe Jubelkonfirmandinnen und Jubelkonfirmanden, wissen es
noch: am 31.Oktober denken wir in der ev.Kirche nicht an Gespenster,
nicht an Halloween, sondern an Martin Luther und seine 95 Thesen.
„Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir!“ Der
christliche Glaube kann ein Fels in der Brandung sein. Das rettende
Tau. Mitten in Zeiten der Angst dieser Satz: „Fürchtet euch nicht!“
Der Mensch ist gerecht aufgrund des Glaubens und nicht der Werke!
Ich, Jesus, nehme dich an, so wie du bist! Danke dem Heiland für
alle Rettung und Bewahrung.
Und dann der Ausstieg. In aller Euphorie, in aller Begeisterung
steigt Petrus, der Nassforsche, der, der sein Glück probieren will,
aus dem Boot. „Yes, we can!“ Wir können auch auf dem Wasser laufen!
Kein Problem! Der Glaube versetzt Berge! – Alles hat seine Zeit. Sie
kennen Zeiten der Begeisterung, wenn einem so scheinbar alles
gelungen ist. Wenn der Weg eigentlich nur aufwärts gehen kann.
Hochzeit, Erfolg im Beruf, gesunde Kinder … Die Welt liegt einem zu
Füßen. Und auch das Geld auf dem Konto wird mehr.
Und dann das Erschrecken vor der eigenen Courage. Der Gegenwind ist
ja nicht weg! Die Welt ist immer noch grausam in ihrer Wirklichkeit.
Menschen können so gemein sein, so hinterlistig in ihrem Neid. Wir
wollen die ganze Welt umarmen, aber wir erschrecken davor, wie groß
und mächtig die Welt ist. Und das Herz und der Glaube rutschen uns
in die Hose. Ich bin zu klein. Ich schaff das nicht. Mich mag
niemand. Von wegen „yes, we can!“ Gar nichts kann ich.
Und unser verhinderter Held Petrus geht unter im Auf und Ab der
Wellen. Und jetzt folgt der schönste Satz unseres Predigttextes.
Finde ich jedenfalls. Ein paar Worte nur, aber es steckt das ganze
Evangelium, die ganze frohe Botschaft darin: „Jesus aber streckte
sogleich die Hand aus und ergriff ihn“. Es ist eigentlich nur das
eine Wort: „sogleich“, was das ganze Evangelium enthält. Wir
Menschen drohen zu versinken, aber im selben Moment ist die rettende
Hand Jesu da und hält fest. Jesus lässt Petrus nicht zappeln. Sagt
nicht: „Aus pädagogischen Gründen ist das ganz gut, wenn du ein
bisschen länger Angst hast.“ Jesus ist einfach da und hilft.
Wann haben Sie, liebe Jubelkonfirmandinnen und Jubelkonfirmanden,
diese rettende Hand Gottes in ihrem Leben gespürt? Immer durchgängig
vielleicht oder auch völlig überraschend, als Sie am wenigsten damit
rechneten? Die rettende Hand Gottes ist da zu spüren, wo jemand uns
in unserer Verzweiflung einfach an die Hand nimmt und sagt: Ich weiß
da noch einen Weg für dich. Die rettende Hand Gottes ist in der
Trauer zu spüren, wo jemand uns in den Arm nimmt und zeigt: Ich weiß
auch keine Antworten, aber ich bin bei dir und halte den Schmerz mit
aus. Die rettende Hand Gottes ist dort, wo jemand sein Herz öffnet
und manchmal auch das Portemonnaie und sagt: Ich gebe von mir etwas
ab, damit du weiterkommst.
Liebe Schwestern und Brüder, erkennen wir uns nicht wieder in den
Jüngern im Boot und auch in Petrus? Wir sind durch Taufe, durch
Konfirmation Teil einer Schiffsbesatzung. Die Kirche ist nicht die
MS Deutschland, weiß Gott nicht das Traumschiff. Manchmal eher ein
Alptraumschiff. Und manchmal spüren wir gar nicht, dass wir dazu
gehören. Das ist nicht schlimm, das sind meist die guten Zeiten
unsers Lebens.
Aber dann kommen die Wellen und die Stürme. Und manchmal sind wir
sogar ganz allein auf der stürmischen See. Wir haben wohl auch
Glauben, aber der Glaube ist zu klein um zu tragen. Wir haben auch
immer Zweifel. Wir sind manchmal auch verhinderte Helden. Das ist
nicht schlimm, sagt Jesus. Ich bin doch da. Bin im Moment da.
Sogleich. Halte dich fest und du wirst nicht versinken. „Ein feste
Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns fest aus
aller Not, die uns jetzt hat betroffen.“
Am Anfang habe ich gesagt: Jesus nahm sich immer wieder Zeit, auf
Gott zu hören und zu ihm zu beten.
Sie, liebe Schwestern und Brüder, haben sich heute Zeit genommen,
auf Gott zu hören, zu ihm zu beten – und ich lade Sie ein, auch
seine Gegenwart im Abendmahl zu feiern.
Was ich uns allen wünsche, ist, dass wir gestärkt von hier weggehen.
Dass wir wissen, es gibt eine Hand, die uns bisher gestützt und
bewahrt hat, und es wird diese Hand auch in Zukunft geben.
Wenn wir das so sagen können, dann haben wir unsere Zeit heute
Morgen sinnvoll miteinander verbracht.
Friede sei mit euch und die Liebe Gottes in Jesus Christus, unserm
Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 06.11.11