Zum Leben gesalbt
Predigt am Palmsonntag – 17. April 2011
Vikarin Melanie Corzilius, Bad Lippspringe
III. Reihe: Mk 14,3-9
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem
Herrn Jesus Christus.
Amen
Liebe Gemeinde,
Jesus zieht in Jerusalem ein, so haben wir es zu Beginn dieses
Gottesdienstes gesungen. Ein kindliches Jubellied. Spätestens beim
„Hosianna“ konnten auch die Kleinsten, die noch gar nicht lesen
können, mit einstimmen. Freude, Jubel, Ausgelassenheit! Hosianna,
Ach hilf doch du König Israels rufen die Menschen Jesus zu, als er
auf einem Esel in Jerusalem einzieht. Und wir rufen mit ihnen.
Endlich kommt der wahre, ewige König, kein Hauch des Zweifels
schwingt im Jubel mit, und doch wird es nur wenige Tage dauern, bis
der Hosianna-Ruf sich in das Kreuziget-ihn wenden wird; bis die
Dornenkrone den König verhöhnt.
Noch vor all diesen Geschehnissen, noch vor dem Jubel und vor dem
Spott der Menge, ereignet sich jedoch eine Szene, die so ganz anders
scheint, als dieser ausgelassene Einzug. Eine Szene, die in all
ihrer Unscheinbarkeit den Blick schon viel weiter lenkt, als auf die
Jubelmenge mit den Palmzweigen, weit hinaus auf die Karwoche.
Und als er in Betanien war im Hause Simons
des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein
Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das
Glas und goss es auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und
sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man
hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen
können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus
aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein
gutes Werk an mir getan.
Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr
ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan,
was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein
Begräbnis.Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird
in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was
sie jetzt getan hat.
Es ist eine Szene, wie sie schon oft vorkam. Jesus sitzt zu Tisch
bei einem gesellschaftlich ausgegrenzten Menschen, andere sind bei
ihm, vielleicht Jünger, vielleicht andere Bekannte, man isst und
trinkt, man unterhält sich.
Doch plötzlich ist da diese Frau, eine namenlose Unbekannte. Wie aus
dem nichts dringt sie ein in diese Gesellschaft und handelt ohne
Worte: sie zerbricht ein Glas mit Nardenöl und gießt es Jesus über
den Kopf.
Die Umsitzenden sind empört, sind aufgebracht, über das, was sich da
vor ihren Augen abspielt. Das teure Öl, für das ein einfacher
Arbeiter seinen ganzen Jahreslohn hätte aufbringen müssen, grundlos
auf einmal verschwendet. Wie viele Arme hätte man davon speisen
können, wie gut hätte man damit handeln können, wie es das Gesetz
sagt und wie Jesus es vorgelebt hatte. Stattdessen verschwendet sie
es. Wofür? Für eine kosmetische Pflege? Was denkt die sich?
Die Umsitzenden sehen, was vor Augen ist. Sie sehen, dass alles ganz
normal ist, Jesus ist bei ihnen, mit ihm kann man richtig was
aufbauen in dieser Welt. Vielleicht sehen sie noch, dass er morgen
nach Jerusalem gehen wird, und dass viele Menschen sich freuen
werden, ja, in ihm sogar den Heilskönig erkennen werden. Den
Umsitzenden steht eine großartige Zukunft vor Augen, in der sich
diese Welt endlich zum Guten verändern wird und sie fangen sofort
damit an und denken an die Armen dieser Welt. Warum Zeit verlieren?
Aber Jesus sieht etwas anderes. Er sieht der Frau ins Herz und
erkennt darin ihre verschwenderische, unverhältnismäßige Hingabe,
mit der sie alles, was sie hatte, aufgebracht hat. Nicht für eine
kosmetische Pflege, sondern für ein Zeichen, das einen ganz anderen
Weg Jesu offenbart. Nicht den heroischen Königspfad, sondern den Weg
ins Leid.
„Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus
gesalbt für mein Begräbnis.“ So deutet Jesus selbst das Handeln der
Frau.
Ein bedrückender Satz. Da sitzt einer mit am Tisch, dieser
Hoffnungsträger, dieser Macher der guten Welt. Eben hat er noch
gegessen und getrunken, wie alle hier in der Runde, lebendig, vital.
Jetzt spricht er von seinem Tod. Nicht in Todesangst, nicht in
allgemeinen Erwägungen zum Sterben an sich, sondern als eine fast
nüchtern wirkende Ankündigung dessen, was ihm direkt bevorsteht.
Unumkehrbar, unabwendbar spricht Jesus von seinem Tod, als wäre er
bereits gestorben. Die Salbung der Frau war bereits seine
Totensalbung.
Wir hören keinen Einwand von den Umsitzenden. Sind sie verstummt?
Sind sie erstarrt? Vielleicht hängen sie auch noch an dem Satz:
„Mich habt ihr nicht allezeit.“ Allezeit vielleicht nicht, aber die
Welt wollten wir mit dir doch schon noch verändern. Ist das nun auch
das Ende ihrer Hoffnung?
Palmsonntag ist ein Jubeltag, an dem einem der Jubel im Hals stecken
bleibt, weil man weiß was kommen wird. Die bevorstehende Karwoche
ist die traurigste, die bedrückendste Woche des Kirchenjahres, denn
der Messias, der Gesalbte Gottes, der Hoffnungsträger von der
besseren Welt, wird verurteilt, gekreuzigt und zu Grabe getragen.
Und mit ihm so viele Hoffnungen, so viele Wünsche und Erwartungen.
Wie in den Umsitzenden, so verstummt auch in uns die Frage und der
Zweifel nicht, ob ein Gott, der leiden und sterben muss, ein Gott
sein kann. Warum kann er nicht herrschaftlich und siegreich in
Jerusalem einziehen und mit einem mächtigen Wink allem Bösen ein
Ende bereiten? Warum muss unser Optimismus eine Klammer, ein
Fragezeichen des Zweifels erhalten, in dieser hoffnungsschwangeren
Stunde? Warum muss einer, der so lebendig ist und lebendig macht,
zum Toten gesalbt werden?
Unerträglich wären diese Fragen, wenn nicht noch eine andere
Botschaft in der Salbung enthalten wäre: die unbekannte Namenlose
salbt keinen Toten, sondern einen Lebenden. Einen Lebenden, der dem
Tod keineswegs entkommt, der den Tod vielmehr härter spürt als alle
Menschen. Doch er stirbt ihn aus einem guten Grund, damit er ihn
entmachte und ihm seine göttliche Macht entgegen setze: das ewige
Leben. Gottes Weg dorthin ist nicht der Königsweg, der uns Menschen
in dieser Welt vor Augen steht. Gottes Weg ist der Leidensweg, der
in verschwenderischer und unverhältnismäßiger Liebe zu den Menschen
den Umweg durch das Herz nimmt, hinein in die kommende Welt.
Nur deshalb kann Jesus das Handeln der Frau, diese bedrückende
Totensalbung, als Evangelium, das heißt als frohe Botschaft
bezeichnen. Eine Frohbotschaft ist sie für uns deshalb, weil sie
keine exklusive Geschichte von Jesus erzählt, sondern weil sie uns
hineinnimmt in dieses Geschehen. Der Weg, den Jesus uns
vorausgegangen ist, ist auch unser Weg. Er führt zwar durch den Tod,
aber ins ewige Leben. In der Taufe vollziehen wir diesen Weg im
voraus, wie die Frau im voraus Jesus gesalbt hat. Wir tauchen in das
Wasser ein und sterben mit Christus. Wir sterben dieser
vergänglichen Welt ab. Wir tauchen aus dem Wasser auf und erstehen
auf mit Christus in das neue, unvergängliche Leben, das Christus uns
erworben hat.
Es ist schwer zu begreifen, wie Tod und Leben so eng
beieinanderliegen können. Und wenn wir uns selbst in der Geschichte
von der Salbung wiederfinden, dann wahrscheinlich eher in den
Umsitzenden, für die Jesu Worte so gar nicht zu dem passen, was sie
vor Augen sehen, als in der Frau, die mutig und voller vertrauender
Hoffnung zugleich in Jesus den sieht, als der er sich erweisen wird:
den auferstandenen Erlöser.
Darum jubeln auch wir am Palmsonntag dem neuen König zu und weinen
wir in der Karwoche über den Toten, der unsere Hoffnung mit ins Grab
genommen hat. So zweifeln wir angesichts des Wechselspiels aus
Triumph und Leiden wieder und wieder an Gottes Macht. Jedoch nicht
ohne eine kleine Ahnung im Herzen, nicht ohne zuvor einen
verstohlenen Blick auf die Frau geworfen zu haben, wie sie das Glas
zerbricht, wie sie das Öl auf Jesu Haupt gießt und wie sie uns damit
das Evangelium unserer Erlösung verkündet.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 17.04.11