Ein heißes Fest
Predigt am Pfingstsonntag - 12. Juni 2011
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
II. Reihe: Apg 2,1-18

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
ein heißes Fest, dieses Pfingsten. Feuer vom Himmel auf die Jünger,
die traurig und verlassen und voller Angst in ihrem stillen
Kämmerlein hockten. Sie waren von allen guten Geistern verlassen,
denn Jesus war nicht mehr bei ihnen, er war zum Himmel aufgefahren
und schien auch nicht mehr wiederkommen zu wollen. Der gute Geist
des Vertrauens war ihnen abhanden gekommen, auch der Hoffnung und
des Miteinanders. Alle Begeisterung war wie weggeblasen.
Aber dann kam der große Sturm. Vom Himmel her. Und das Feuer der
Begeisterung kam über sie. Alles glühte, wie kleine Flämmchen schien
es über ihren Köpfen zu schweben. So wie eine gigantische
Energieentladung. Nur dass diese Energie keine todbringende und
gefährliche war, sondern eine lebensschenkende und Freiheit
bringende.
Die Türen wurden aufgerissen, die Jünger stürmten auf die Straßen.
Ihre Begeisterung wirkte ansteckend. Alle Menschen verstanden sie!
Einige meinten, nicht der Geist Gottes sei am Werk, sondern der
Geist des Weines habe sie benebelt. Aber ganz im Gegenteil: mit
einem Mal sahen sie klar wie nie zuvor: Jesus hatte Wort gehalten!
Seine Kraft wirkte weiter! Die Kirche war geboren, die Gemeinschaft
derer, die gar nicht anders konnten, als von Gottes Liebe zu reden,
von seiner friedensstiftenden Kraft, die alles Böses besiegt! Wie
ein Lauffeuer lief diese Botschaft um die Welt, und sie läuft heute
noch weiter!
Die Flammen eines Feuers, ein Sinnbild für Energie, für Kraft, für
Wärme – aber auch für Gemeinschaft. Noch heute lieben es die
Menschen, um ein Feuer zu sitzen. Da ist etwas los, da hat immer
einer etwas zu erzählen – oder da kann man still in die Flammen
schauen und staunen, welche Kraft ein solches Feuer hat.
Manchmal geht es so feurig zu in der Kirche. An Festtagen, bei
Kirchentagen. Da lodert das Feuer der Begeisterung weit bis zum
Himmel. Wenn es nach mir ginge, könnte das Feuer der Begeisterung
viel öfter lodern. Wir Menschen sind ja durchaus begeisterungsfähig,
sogar wir Deutschen. Beim Fußball. Beim Feiern. Beim Fernsehgucken.
Beim Rockkonzert. Gar kein Problem. Warum eigentlich nicht in der
Kirche? Ich habe schon manche Begeisterung sogar in dieser Kirche
erlebt, glauben Sie mir, es geht. Die Kinder machen es einem vor.
Die alten Leute im Altenheim. Sogar ganz normale Menschen wie du und
ich.
Eines ist mir dabei ganz wichtig: Warum lodert das Feuer? Weil die
glühenden Holzscheite zusammenbleiben! Nur so kann das Feuer lange
und intensiv brennen. Wenn du die Scheite auseinanderlegst, dann ist
das Feuer bald aus. Ich meine, auch deshalb ist das Feuer in der
Kirchengemeinde oft so mickrig. Nicht selten meine ich, mein eigenes
Holzscheit brenne sowieso am besten und ich benutze es, um darauf
mein eigenes Süppchen zu kochen. Und dann ärgere ich mich noch
darüber, dass das Süppchen so lau ist, weil das nötige Feuer fehlt.
Dabei ist doch so einfach! Die Scheite beieinander lassen. Die
Gemeinschaft zu suchen. Jeder noch so kleine, so knorrige, so
verwachsene Scheit ist wichtig. So ist es eine Freude, das Feuer zu
erleben! Diese Wärme steckt an. In der Gemeinschaft fliegen manchmal
die Funken. Aber das ist allzumal besser, als wenn jeder sich
abgrenzt und sein eigenes Süppchen zu kochen sucht. Glauben Sie mir,
das funktioniert nicht. Pfingsten heißt: Gottes Kraft, das Feuer
seiner Liebe, kommt über die Menschen und begeistert sie zur
Gemeinschaft.
Ich liebe immer noch einen alten Text von Jörg Zink. Was er einmal
geschrieben hat, dieser Prophet unserer Zeit, dass sagt so viel über
die Chancen, die Kirche auch heute hat. Kirche – das heißt nämlich
die Türen weit aufmachen, die Mauern einreißen, das Licht
hineinlassen, sich einsetzen für die Schwachen und Traurigen. Eben
nicht nur darüber reden im stillen Kämmerlein und an allem
herumzukritisieren und sich für schlauer zu halten als die anderen,
nein, das bringt nichts in Bewegung. „Es gibt nichts Gutes. Außer
man tut es.“ Erich Kästner. Auch das ist die Botschaft des
Pfingstfestes. Mit heißem Herzen miteinander etwas verändern:
„Ich träume von einer Kirche,
die keinen Turm braucht,
denn niemand muss nach oben zu weisen,
das Licht des Himmels ist allen Augen sichtbar.
Ich träume von einer Kirche,
die keine Türen hat und schon gar keine Schlösser an ihren Türen,
in die wir hineingehen können oder hinaus.
In voller Freiheit.
Ich träume von einer Kirche,
deren Wände sich auflösen und sich verlieren;
so, dass das Licht von allen Seiten eindringt.
Ich träume von einer Kirche,
die so offen und so frei ist wie die Welt selbst.“
Jörg Zink -leicht gekürzt.
In einer solchen Kirche kann auch heute noch Kaltes und Erstarrtes
zu neuem Leben erweckt werden. Da kann es einem auch heute noch warm
ums Herz werden. Da können alle Unterschiedlichkeiten nebensächlich
und alle Begeisterung hauptsächlich werden.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 13.06.11