
„Das Volk,
das im Finstern wandelt,
sieht ein großes Licht,
und über denen, die da wohnen im finstern Lande,
scheint es hell.“
Jesaja 9,1
Wortmeditation zu Jesaja 9,1 in der Christnacht 2010
Vikarin Melanie Corzilius, Bad Lippspringe
Das Volk,
der Mensch. Der Eine, die Vielen. Ich, Du, Wir.
Als Gott den Menschen schuf und sah, dass es gut war, sah er auch, dass es nicht
gut war, dass er allein sei. Er schuf einen zweiten Menschen und gemeinsam
wurden sie viele Menschen. Eine Familie, eine Sippe, Generationen, Menschheit.
Wir sind Teil dieser Menschheit, unverzichtbares Bindeglied von einem Menschen
zum anderen. Wir sind mehr, als die Summe der Einzelnen. Wir sind Individuen,
jeder eine Welt für sich, verbunden miteinander. Jeder ein Teil des Volkes.
Wer ist das Volk? Das Volk sind Menschen vor Gott. Menschen, die Gott schuf in
seinen Lebensraum Erde hinein, damit er ein Gegenüber habe. Ebenbilder Gottes,
fähig die Erde zu bebauen und zu pflegen, fähig, Gott zu dienen und zu loben,
fähig aber auch, Erde zu zerstören und Verantwortung zu missbrauchen, fähig
auch, Gott zu missachten und zu lästern, fähig im Finstern zu wandeln.
Das Volk sind Menschen vor Gott. Wir sind das Volk.
Wir sind die Weisen, die den Stern sehen und ihm ohne Zweifel solange folgen,
bis wir unser Ziel ‚Jesus‘ erreicht haben.
Wir sind Herodes, der die unerhörte Größe des kleinen Kindes nicht erträgt,
dessen Kleinmut keinen Gott duldet.
Wir sind die Hirten, die vor Gottes Klarheit erschrecken, die in ihrer
Verzagtheit die Zusage hören müssen: Fürchtet euch nicht!
Wenn Gottes Sohn geboren wird, blicken wir staunend in die Krippe. Für uns
geboren, erschienen, uns zu versühnen.
Wir sind das Volk, Menschen vor Gott.
das im Finstern wandelt,
Es ist dunkel, kein Lichtstrahl fällt in die Finsternis. Unsere Nasen und Ohren
und Hände werden groß, wir brauchen sie. Um die Gefahr zu riechen, um
Verdächtiges zu hören, um unseren Weg zu ertasten, nicht zu fallen, nicht zu
stolpern, so nah am Abgrund. Furcht, große Furcht. Was war das?
Ein Geräusch, habe ich da ein Geräusch gehört? „Hallo, Hallo, ist da wer?“ –
Stille, nichts, nicht einmal ein Echo. Ich habe es doch ganz genau gehört – oder
nicht? Fantasiere ich schon? Ich will singen, die Dunkelheit vertreiben. Oder
besser nicht? Nicht, dass es mich hört und mich findet. Was eigentlich? Was
macht mir solche Angst? – Das Böse, das Gewalttätige, das Unkontrollierbare, das
Unerwartete, das Unbekannte, das Hinterlistige.
Es ist dunkel, kein Lichtstrahl fällt in die Finsternis. Es ist meine Zeit. Ich
liebe die Dunkelheit, weil mich niemand sieht, niemand hört, weil niemand wissen
kann, wo ich bin und was ich tue. Mein Fuß geht sicher, er weiß wo er gehen
muss, er geht unhörbar. Meine Augen sehen im Dunkeln, sehen Schatten und
Schattierungen, fixieren das Nichts. Meine Ohren hören die Stille, meine Nase
riecht die Angst. In der Dunkelheit gibt es keine Schuld, weil keiner den
Schuldigen sieht. Nur ich sehe in der Dunkelheit, doch ich kennen keine Schuld.
Und keiner, der mein Tun offenbar macht. Ich lauere geduldig, in der Finsternis
bin ich stark. Wer bin ich? – Das Böse, der gewalttätige Hass, der
unkontrollierbare Verführer, der unerwartete Abgrund, der unbekannte Verfolger,
der hinterlistige Widersacher.
Es war Dunkel, kein Lichtstrahl fiel in die Finsternis. „Maria, Maria, steh auf,
nimm das Kind, wickle es gut in das Tuch, wir müssen fort von hier.“ – „Josef,
warum? Es ist Nacht, es ist Dunkel, wohin sollen wir denn gehen?“ – „Wir müssen
fliehen, fort aus diesem Land, Herodes will Jesus töten.“ – „Wir werden umkommen
in der Finsternis.“ – „Wir werden behütet sein. Ein Engel brachte die Botschaft.
Gott ist mit uns – Immanuel!“
Es ist dunkel, kein Lichtstrahl fällt in unsere Finsternis. Die Finsternis ist
Leben unter der Bedingung der Sünde, ist Leben unter den Bedingungen dieser
Welt, ohne Sicht auf Gott.
Wir sind Herodes: neidzerfressen und ruhmsüchtig, habgierig und schwach. Täter
der Sünde.
Wir sind Maria und Josef: furchtsam und aufgescheucht, geschickt ins Ungewisse.
Opfer der Sünde.
Es ist dunkel, doch ein Lichtstrahl fällt in unsere Welt. Ein Kind ist uns
geboren, ist mit uns auf der Flucht durch die Finsternis der Welt, um uns den
Weg zu weisen. Ist für uns geboren, um uns zu erlösen. Immanuel ist uns heute
verheißen, Gott mit uns.
sieht ein großes Licht,
Licht vom Licht. Wie ein Sonnenstrahl ausgeht von der Sonne, die die Nacht in
den Tag verwandelt, Leben wachsen und gedeihen lässt und alles wärmt und
durchdringt, so geht Christus, der Sohn, aus vom Vater auf diese Erde. Doch
Gottes Licht ist mehr als das Licht der Sonne. Denn was die Sonne wachsen lässt,
muss vergehen, und auch die Sonne selbst wird einst verglühen. Doch das Leben,
das in Christus von Gott kommt, ist ewiges Leben, das nicht vergehen wird. In
einem kleinen Kind kam das Licht auf die Welt und säte die frohe Botschaft von
der Erlösung in die Herzen der Wenigen, die es sahen. Doch die Wenigen erzählten
was sie gesehen hatten, und so schien durch ihre Worte das Licht auf andere
Menschen und ließ die Hoffnung auf die Erlösung wachsen. Und die Hoffnung wurde
groß und wurde zu Taten der Hoffnung, die Menschen mit Mitmenschlichkeit
wärmten. Taten der Liebe und der Barmherzigkeit, Taten des Friedens und der
Versöhnung. Dieses Licht fällt auch auf uns, sät die Hoffnung, lässt sie wachsen
und uns damit einander wärmen.
Wir sind die Hirten, die im Licht der Engel Gottes Klarheit erkennen und sich
von ihr leiten lassen zu Christus hin.
Wir sind die Weisen, die im Schein des Sterns den Weg zu Christus finden.
Wir sind die Hörer der frohen Botschaft, die im Glauben an Jesus Christus den
Weg zum Ewigen Leben finden.
und über denen, die da wohnen, im finstern Lande,
Doch wo ist das Licht, wo soll es sein? Fragen wir uns, wenn die Gewissheit der
Weihnachtszeit verblasst; wenn wir streiten und hassen, neiden und hintergehen;
wenn wir uns bekriegen und ermorden; wenn wir leiden und sterben. Wo ist das
Weihnachtslicht geblieben? War es jemals da?
Noch immer ist unsere Heimat die Welt, die Welt mit all ihrer Finsternis. Wir
sind hier unten. Gott ist da oben. Nicht im Himmel, dem blauen Himmel der Wolken
und Vögel, nicht im Kosmos der Gestirne, sondern in Gottes Wirklichkeit, die
höher ist als all unsere Vernunft.
Unten und oben, unsere Wirklichkeit und Gottes Wirklichkeit, zwei Sphären, aber
nicht unverbunden. Weihnachten lautet die Konjunktion. Gott wird Mensch,
verbindet oben mit unten, Mensch wird auferweckt, verbindet unten mit oben.
Diese Konjunktion ist stärker als menschliche Kraft, stärker als die Macht der
Sünde, stärker als der Tod.
Wir wohnen wohl noch im finsteren Lande, das Leben bleibt uns nicht erspart,
doch wir haben das Licht gesehen, das den Blick auf das Kind in der Krippe
freigab.
Wir sind Maria, die die Verheißung in ihrem Herzen bewegt.
Wir sind die Hirten, die das Wunder mit in ihr Leben nehmen.
Wir sind die Weisen, die die Hoffnung in die Welt tragen.
Hoffnung, die verbindet, mit dem Vater im Himmel.
scheint es hell.
Heute ist Weihnachten! Freut euch, ihr Menschen, freut euch! Seht her, wie hell
die Welt ist. Überall brennen Kerzen, Weihnachtsbäume hell erleuchtet, die
Straßen sind geschmückt, bald ist die Nacht heller als der Tag. Seht her, die
Kinder, wie sie strahlen, wie ihre Augen leuchten, bald heller als die Sterne.
Seht her, in die Herzen, wie viel Wärme dort glüht, wie man sich zärtlich
flüstert Worte der Liebe, Bekenntnis der Freundschaft, Zusage der Hilfe,
Anerkennung des Dankes. Geht raus in die Welt, verkündet die Freude, lasst
keinen aus.
Welch ein Gott ist das, der ein so kleiner Mensch wird, nur für uns. Der seinen
Stern an den Himmel hängt, um uns sehend zu machen. Welch ein Gott ist das, der
nicht fern ist von uns, sondern nah, ganz nah bei uns. Nur heute, nur an
Weihnachten? Nein, jeden Tag scheint er hell, wirft Strahlen in unsere
Finsternis. Lässt die Kinder lachen, die Augen strahlen, lässt uns lieben und
Freunde sein, lässt uns mitfühlen und helfen. Denn denen die Hoffnung im Herzen
glüht, die reflektieren Gottes Licht in die Welt und bereiten dem Herrn eine
ebene Straße.
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen,
die wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Denn uns ist ein Kind geboren,
ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er
heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;
Auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Throne
Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und
Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.“
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 03.01.11