Wie riecht Weihnachten?
Predigt zur Christvesper am 24. Dezember 2010
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
So riecht Weihnachten ((c)
naturkinder.typepad.com/
Liebe Gemeinde!
Lange Zeit sah es ja nicht so aus, als wurde ich es noch schaffen können. Bei
all den Dingen, die bis Weihnachten zu schaffen waren, bei allen möglichen
Terminen und dem, was alles noch so zu erledigen war, Sie kennen das, ich muss
Ihnen da nichts groß erzählen.
Lange Zeit sah es so aus, als hätte ich keine Chance. Also hatte ich mich schon
von dem Gedanken verabschiedet, in diesem Jahr selbstgebackene Plätzchen zum
Weihnachtsfest zu haben. Na gut, dieses Jahr eben nicht, dann gibt es dieses
Jahr eben die leckeren gekauften Mandelspekulatius und mehr von den wunderbaren
gefüllten Schokoherzen, ohne die es kein Weihnachten bei uns zu Hause werden
kann.
Ein bisschen traurig war ich schon, wir Menschen hängen eben an Ritualen in der
Vorweihnachtszeit.
Und umso glücklicher, als ich dann doch am Samstag vor dem 4. Advent Zeit hatte,
zu backen. Geschenkte Zeit!
Mehl, Butter, Eier, Gewürze, bald sah die Küche aus, wie das reinste Chaos.
Kennen Sie das etwa auch? Und mittendrin klingelt es an der Haustür. O Schreck.
Was sollen die Besucher denn da von mir denken? Mehl hatte sich überall verteilt
und wahrscheinliche klebte mir auch ein wenig Butter irgendwo im Gesicht.
Tapfer habe ich die Tür aufgemacht – und das erste, was die Frau, die vor meiner
Haustür stand, sagte, war: Bei Ihnen riecht es aber weihnachtlich! Sie achtete
nicht auf mein wenig pastorales Auftreten, nicht auf das Chaos ringsherum, sie
achtete nur auf den Geruchseindruck, ihre Nase, die ihr sagte: hier riecht es
weihnachtlich.
Aber wie riecht es eigentlich weihnachtlich?
Der Duft frischer Plätzchen aus dem Ofen? Zimt und Anis und Vanille.
Oder ist für Sie der Duft von Weihnachten eher der Duft, den Kerzen verströmen,
Honigkerzen vielleicht sogar?
Vielleicht riecht Weihnachten für Sie wie frisches Tannengrün?
Oder wie Glühwein und gebrannte Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt?
Oder eher Apfelpunsch und Lebkuchen?
Wie riecht es weihnachtlich für Sie?
Vielleicht doch nach den Bratäpfeln mit Rosinen und zerlassener Butter?
Oder ist es erst richtig weihnachtlich, wenn am Christfest der Duft von
Gänsekeule oder Rehbraten das Haus erfüllt?
Roch Weihnachten früher anders?
Weihnachten in meiner Kindheit – das war eine merkwürdige Abfolge von
Gerüchen.
Da war zunächst das Putzmittel, mit dem bei Ladenschluss irgendwann nachmittags
das Lebensmittelgeschäft bei uns Zuhause gewischt wurde. Und dann roch
Weihnachten ein bisschen moderig nach den Kostümen beim Krippenspiel in der
Kirche, die ein Jahr in irgendeiner Kiste eingelagert gewesen waren. Und nur wer
den Engel spielen konnte, roch frisch gewaschen.
Und dann irgendwann stieg der Duft eines Räuchermännchens bei den Großeltern in
die Nase. Oma hatte meistens die Räucherkegel „Weihrauch“, zündete sie an, und
steckte sie dem Holzmännchen aus dem Erzgebirge in den Bauch. Und der räucherte
dann aus Mund und Ohren, sehr zu meiner Begeisterung.
Weihnachten, das ist eine Zeit, in der es an vielen Orten duftet, eine Zeit der
Wohlgerüche, verheißungsvoll.
Weihnachten damals, in Bethlehem, das hätte für unsere Nasen kaum
weihnachtlich gerochen, sondern hätte wohl eher den Mief des Alltäglichen,
Provinziellen gehabt.
Wenn es gut geht hätten wir den Geruch von Heu in die Nase bekommen und von
Pinien. Vielleicht auch den würzigen Duft von Olivenholzfeuern.
Aber sehr viel mehr hätte es nach Schweiß und Arbeit und Mühe gerochen, nach
Sorgen und nach Einsamkeit.
Die Mühe des weiten Weges für die hochschwangere Maria, eine Reise erzwungen von
der römischen Besatzungsmacht. Die Sorge, unter solchen Umständen ein Kind zur
Welt bringen zu müssen. Die gefährliche und wenig geachtete Arbeit der Hirten.
Die Einsamkeit derer, die eben nicht in den sicheren warmen Häusern und Betten
übernachten, sondern irgendwo draußen, auf den Feldern, in den Hügeln. Jesus
wird nicht dort geboren, wo es weihnachtlich duftet.
„Jesus Christus wird an einem Ort geboren, der zum Himmel stinkt“ (Bergmoser und Höller, werkstatt spezial K2.06)
Das war damals in Bethlehem so und ist heute nicht
anders. Auch heute riecht Bethlehem wenn es gut geht nach Heu und Pinien
und nach einigen Olivenholzfeuern. Aber eben auch viel mehr nach Schweiß und
Arbeit und Mühe, nach Sorgen und nach Einsamkeit. Und nach der Ungerechtigkeit
des Lebens hinter der großen Sperrmauer. Aber um das wahrzunehmen, muss man die
Nase schon tiefer hineinstecken in den Alltag.
Allerdings, wenn man das tut, riecht auch unsere Vorweihnachtszeit nicht mehr
überall so weihnachtlich: auch bei uns riecht es an vielen Stellen nach Unrecht,
nach Mühe, Sorge und Einsamkeit.
Wie viel Mühe der Vorbereitung liegt hinter Ihnen, um diesen Abend für alle zu
einem schönen Abend werden zu lassen. Wie viel Mühe hat es manchmal im Lauf
dieses Jahres gekostet, den Alltag zu überstehen.
Sorgen? Davon können wohl alle erzählen.
Und Einsamkeit? Die ist heute und morgen und wahrscheinlich auch noch übermorgen
besonders zu spüren, denn unsere Nasen sind fein gestimmt und unsere Haut ist
besonders dünn in diesen Tagen.
Jesus Christus wird an einem Ort geboren, der nicht gerade weihnachtlich
duftet –warum eigentlich. Gott hätte das bequem anders einrichten können.
Natürlich. Gott hätte Mensch werden können inmitten von frischduftenden Kissen,
in sauberen, Räumen, warm und sicher und geborgen.
Aber Gott steckt seine Nase eben tief in unsere menschlichen Angelegenheiten
hinein, macht unsere Anliegen und Sorgen und Mühen zu seinen. Deshalb kommt
Gott mitten in unserem Alltag zur Welt. Zu Menschen, die sich nicht mehr riechen
können, zu denen, die die Nase voll haben vom dem, was ist.
So wird Gottes Sohn mitten hineingeboren in unseren Alltag mit seinem Mief
und seinen Wohlgerüchen.
Und das ist schon ein Grund, das Christfest zu feiern.
Amen und frohe WEIHNACHTEN Ihnen allen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 30.12.10