Wann endet Weihnachten?
Predigt zu Epiphanias - 2. Januar 2011
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
III. Reihe: Johannes 1,15-18
Johannes zeugt von ihm, ruft und spricht: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden. Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat es uns verkündigt.
Liebe Gemeinde,
Weihnachten ist wohl eindeutig vorbei- so sieht es aus. Dazu passt
eine Begebenheit aus dieser Woche zwischen den Jahren: Als ich am
Donnerstag in einem Drogeriemarkt einen ganzen Schwung
Weihnachtsbaumkerzen kaufte, da sprach mich ein Mann ganz fröhlich
an: Was ich denn mit den ganzen Kerzen wolle? Weihnachten sei doch
schon vorbei. Die Kassiererin, die erstaunlich fest im Sattel des
Kirchenjahres saß, und ich erklärten ihm dann vereint, dass –
katholisch betrachtet- die Weihnachtszeit noch bis zum 2. Februar
dauere, bis Lichtmeß, dem Tag der Darstellung Jesu im Tempel. Und
dass wir Evangelischen Weihnachtszeit haben zumindest bis zum 6.
Januar, dem Epiphanias- Tag. Als ich ihn dann noch fragte, ob er
denn seinen Weihnachtsbaum schon hinausgestellt habe, da sagte er
dann selber: Nein, der steht noch. Wäre ja auch zu schade drum.
Wann, liebe Gemeinde, endet Weihnachten? Auch für uns ist das in
diesem Weihnachtsfestkreis der letzte Gottesdienst mit Christbaum.
Und auch zu Hause bei Ihnen und mir wird zum nächsten Sonntag das
Wohnzimmer wieder seine gewohnte Gestalt annehmen.
Aber es ist gut, das nicht einfach so zu tun. Nicht im Vorübergehen.
Sondern bewußt. Das Abschmücken fast so begehen wie das Schmücken.
Ein letztes Weihnachtslied singen, so wie wir eben. Noch einmal die
Kerzen anzünden und leuchten lassen. Etwas mitnehmen aus dieser
Zeit. Die letzten Plätzchen. Die Weihnachtskarten. Die Worte der
Engel. Die Hoffnung, dass Weihnachten in Wirklichkeit nicht endet.
Dass es dauert. Und dann das Licht weitertragen.
Haben Sie das Evangelium noch im Ohr, liebe Gemeinde? Die bekannte
Geschichten von den Weisen aus dem Morgenland, die vielleicht nicht
drei waren und wohl auch keine Könige. Aber die sich in Bewegung
gesetzt haben. Raus aus ihren Studierstuben, weg von ihren erhöhten,
einsam-dunklen Posten der Weltbeobachtung, hinein ins Leben.
Die dabei in Intrigen verwickelt wurden und in Mordpläne, die
Fürsten trafen und eine Frau nach der Geburt, die Paläste besuchten
und ärmliche Behausungen mit einem Zimmermann und seiner Familie.
Mit der Schönheit ihrer Gaben haben sie den Stall in einen Ort der
Schönheit und der Geborgenheit verwandelt. Fast sah er aus wie eine
Kirche... Aber die Weisen sind nicht in dem Stall geblieben. Sie
sind wieder ins Leben gegangen, nicht mehr, so stelle ich es mir
vor, in den Elfenbeinturm eines Sternenguckers.
Sie sind zurückgegangen in ein echtes, wahres Leben, das getragen
und bewegt wurde von dieser Nacht. Sie haben Licht weitergegeben-
anders kann es nicht sein.
Und genauso können auch wir aus unseren Weihnachtsstuben
hinausgehen. Müssen es ja, aber können es auch. Hinaus. Hinaus in
die Welt. In die Welt, wie sie ist. Mit zu vielen Kindern,
hineingeboren in Armut und Krieg. Mit bösen Königen und Regierungen,
die Unrecht tun und Unrecht zulassen. Mit dem Licht der Krippe im
Rücken, das uns über unsere Schatten hinweg den Blick öffnet für
das, was anders werden muss.
Wir gehen nach draußen, um den Stern zu sehen, der uns dabei den Weg
zeigt und Gottes Bild von einer Welt, wie er sie will, in sein Licht
taucht. Sterne halten Träume lebendig.
Wir gehen nach draußen, um Gottes Botschaft vom Frieden auf Erden am
eigenen Leib und an der eigenen Seele zu erfahren. Das
Weihnachtsevangelium steht am Himmel geschrieben und auf der Erde.
Und so habe ich, liebe Gemeinde, vom Predigttext für heute nur einen
einzigen Satz ausgewählt. Er steht im Johannesevangelium, im ersten
Kapitel und lautet:
"Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade."
Haben wir genommen, und nehmen wir immer weiter. Denn die Fülle
von Gottes Gnade hat kein Ende. Gnade um Gnade. In meinem Leben. Und
in Ihrem. Dafür liegt Gott als Kind der Krippe.
Die Gnade, nicht allein zu sein auf der Welt. Die Gnade, Mensch zu
sein unter Menschen. Die Gnade, in Gefahr behütet und bewahrt worden
zu sein, im letzten Jahr. Die Gnade, nach Zeiten der Dunkelheit
wieder das Licht zu sein. Die Gnade, immer wieder neu beginnen zu
dürfen mit dem, was uns bindet und beschwert. Gnade in meinem Leben,
in Ihrem Leben. Für uns Menschen.
Wann, liebe Gemeinde, endet Weihnachten? Jetzt nicht, sagt meine
Hoffnung. Mag auch der Baum abgeschmückt werden und eingesammelt,
mag auch der Leuchtstern, den ich so liebe, übers Jahr wieder seinen
Platz in der Kiste finden, mag der Schnee schmelzen, der uns dieses
Jahr weiße Festtage beschert hat. Weihnachten bleibt. Es bleibt,
wenn wir das Licht des Sternes, das Licht der Engel, das Licht
unserer Christbäume weitertragen. Zu Menschen, die es brauchen. Die
wir alle kennen. Diese Wege werden uns immer wieder zurückbringen an
die Krippe. Und wir werden glauben und spüren: Von seiner Fülle
nehmen wir Gnade um Gnade. Für andere. Und für uns.
Und wir fangen mit dem Weitertragen heute - und immer wieder,
gestern und morgen - hier an.
Das Licht unseres Weihnachtsbaums, hier in der Kirche, das habe ich
hier, handgreiflich, in zwei Körben. Dafür waren die Kerzen
bestimmt, die ich so reichlich vor ein paar Tagen gekauft habe. Ein
paar Meter lasse ich dieses Licht jetzt schon wandern. Aber noch
bleibt es an der Tür unserer Kirche stehen, bis gleich, wenn wir
alle hinausgehen in die Welt. Es steht hier und wartet darauf, dass
es leuchten darf. Für Sie und für andere. Lassen Sie sich ruhig Zeit
damit, liebe Gemeinde. Es muss nicht heute schon leuchten oder
morgen. Sie werden wissen, wann es soweit ist. Und wie es dann
leuchten kann. Ob durch die Zeit, die Sie einem anderen schenken.
Durch das Essen, dass Sie für eine kranke Nachbarin kochen. Durch
das Geld, das Sie geben dahin, wo es nötig ist. Durch das Gebet, das
Sie im Licht der Kerze sprechen.
Und wäre es nicht schön, diesen Sommer, bei 35 C, wenn uns eine
kleine Weihnachtsbaumkerze darin erinnert:
Weihnachten ist keine Frage der Zeit. Weihnachten ist eine Frage
von
Gnade. Die wir alle bekommen haben. Aus Gottes weihnachtlicher
Fülle.
Und der Friede Gottes, Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 02.01.11